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Tonart | Beitrag vom 31.03.2017

China Moses: "Nightintales"Beharrliche Suche nach Sound - und Einkommen

Von Thorsten Bednarz

Die amerikanische Jazz-Sängerin China Moses. (China Moses)
Die amerikanische Jazz-Sängerin China Moses versucht, in der modernen Musikwelt zu bestehen. (China Moses)

Die Welt der Musik hat längst nicht mehr den Glamour wie früher. Selbst bekanntere Künstler kämpfen ums wirtschaftliche Überleben oder suchen lange nach einer Plattenfirma. Ein Beispiel: China Moses. Thorsten Bednarz hat sie getroffen.

"Das, was ich immer wollte, ist mein eigener Sound. Aber dafür muss man manchmal zurück auf die Schulbank. Für mich waren das die beiden Jazzalben, die ich aufgenommen habe. Ich wusste das nicht, aber wenn ich jetzt wieder daran denke, habe ich das Gefühl, ich war noch einmal auf dem College und habe meinen Abschluss nachgeholt. Ich bin einfach ein Spätzünder!"

Nach sechs Alben und kurz vor der 40 könnte man meinen, China Moses hätte schon viel erreicht. Sie hatte in Frankreich eine Fernsehkarriere bei MTV, sang in Rock- und HipHop-Formationen oder trat auch schon mal an der Seite ihrer Mutter Dee Dee Bridgewater auf. Bis sie es mit zwei Coveralben scheinbar geschafft hatte – beim berühmten Jazzlabel Blue Note.

Doch ihr neuestes Album klingt anders und traf deswegen bei den früheren Plattenfirmen nicht auf offene Ohren. Es ist eher die Mischung aus frühem R&B und Jazz, wie man das in den späten 50ern spielte – allerdings neu interpretiert aus der heutigen Sicht. Man könnte auch ganz einfach sagen – all das, was sie früher schon separat gesungen hat, findet sich hier zu einem neuen Klang zusammen. Nur eine scheinbare Kehrtwende also - und doch sorgte sie schon im Vorfeld der Veröffentlichung des Albums für Verwirrung.

Ich bin eine Mischung, ein Hybrid!

"Ich bin eine Mischung, ein Hybrid! Da sind all diese erwachsen gewordenen Musiker und alle sind Hybriden. Ich habe gerade ein Interview mit Kamasi Washington gelesen und er erzählte von einer Generation, die sich nicht einmal auf den Jazz bezog – die sich auf gar kein Genre mehr berief. Ob Coltrane oder De La Soul oder Public Enemy – alles ist toll! Wenn man diese genreübergreifende Musik  hört, muss man das als Quelle einfach akzeptieren und seinen eigenen Gefühlen dabei vertrauen."

Gerade das Vertrauen in die eigenen Gefühle scheint vielen Medien und den Plattenfirmen gleichermaßen abhandengekommen zu sein. Und so gehen sie lieber auf  Nummer sicher, folgen nicht unbedingt dem neuen Weg eines Künstlers, sondern hätten ihn lieber auf altbekannten und berechenbaren Pfaden. Eine Lehre, die China Moses aus der langen Suche nach einer neuen künstlerischen Heimat zog. Immerhin suchte sie zwei Jahre nach einer neuen Plattenfirma für ihr neues Projekt.

"Die Medien vertrauen dem Publikum nicht mehr. Die stecken so in ihren Klickzahlen aus dem Netz, die wissen gar nicht mehr, dass das Publikum früher die Stars machte. Es passiert nur noch selten, dass etwas im Netz groß wird und dann völlig außer Kontrolle gerät. Aber das ist heute auch sehr schwer, denn es sind so viele Musiker unterwegs, dass es beinahe unmöglich ist, da heraus zu stechen. Heute schauen alle nur auf die Klickzahlen im Internet. Keiner bei einer Plattenfirma heute stand selbst noch auf der Straße und verteilte Flyer oder trug Platten aus. Die Leute heute in den Plattenfirmen haben nicht mehr den Bezug zur Musik wie die 60- oder 70jährigen. Sie schauen nur nach den Klickzahlen."

Klicks sind ihr egal

China Moses kümmert sich nicht um Klicks. Natürlich nicht. In Bezug darauf ist sie scheinbar altmodisch. Aber zumindest stimmt sie nicht in den Chor derer ein, die da meinen, die omnipräsenten Talentshows im Fernsehen würden die Musikszene kaputt machen. Denn dort, so deren Meinung, würden nur eine gute Stimme und ein gutes Aussehen für eine kurze Karriere verheizt, die musikalisch nichts Neues bringt und beim Absingen von immer neuen Coverversionen ihre Grenzen findet. So einfach macht es sich China Moses, wohl auch aus eigener Erfahrung, nicht.

"So wurde die Musik in den 50ern und 60ern doch immer gemacht. Du kannst jeden Hit von damals nehmen und findest davon mindestens 6 oder 7 Versionen aus der Zeit. Alle dachten, das ist ein Hit und wenn ich meine Version davon singe, wird das vielleicht auch einer für mich. Das ist auch okay. Es geht doch immer um dein Arrangement. Nimm doch mal die Postmodern Jukebox – die touren ungemein mit ihren Coverversionen, in denen sie neue Songs wie alte klingen lassen. Ich finde das toll. Talent und die Liebe zur Musik müssen ja von irgendwoher kommen. Und wenn solche Talentshows wirklich auch nur drei wirklich talentierte Sänger entdecken, wer darf sich dann noch über Coverversionen aufregen?"

Regelrecht trotzig schaut sie nun vom Cover ihres neuen Albums Nightintales. Keine adrette Frisur, sondern nur ihr ganz normaler Afro-Look. Dieses Foto hätte man schon in den frühen 70er Jahren so gemacht: kein anbiederndes Lächeln, der Gesichtsausdruck eher eine Herausforderung an den Betrachter, ob der wohl dazu in der Lage sein wird, das einzuschätzen, was er gleich auf dem Album hören wird. Und nachdem sie jetzt ihren ganz eigenen Sound gefunden hat, können wir sicher sein – diese Frau ist erwachsen und selbstbewusst genug, sich nichts von Plattenfirmen oder Fernsehanstalten diktieren zu lassen. Da zumindest ist sie ganz wie ihre Mutter.

Alle ihre Ersparnisse stecken in der neuen Platte

"Wir haben keine Chance, die Arbeit der Medien zu verändern. Wir können einfach nur mit unserer Hingabe an die Arbeit gehen und hoffen, dass sich das überträgt. Es sind all die kleinen tagtäglichen Probleme, die uns einen anderen Weg gehen lassen. Ich etwa lebe in der Welt der Liveshows und weiß, dass ich mit der Platte kaum einen Cent verdienen werde. Das ist nur eine Investition. All meine Ersparnisse stecken in der Platte. Ich hoffe, davon in den nächsten zwei Jahren einigermaßen leben zu können. Vielleicht schaffe ich das nicht, habe mich verspekuliert. Aber wenigstens habe ich es versucht!"

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(Deutschlandradio Kultur, In Concert, 19.10.2015)

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