Montag, 25.06.2018
 

Kulturpresseschau | Beitrag vom 16.04.2018

Aus den FeuilletonsKulturszene im Streit

Von Adelheid Wedel

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12.04.2018, Berlin: Kollegah (r) und Farid Bang erhalten den Echo für Album des Jahres bei der 27. Verleihung des Deutschen Musikpreises Echo. Die Rapper halten eine Karrikatur von Sänger Campino mit Heiligenschein hoch, welches sie versteigern wollen. Foto: Jörg Carstensen/dpa | Verwendung weltweit (Jörg Carstensen/dpa)
Echo 2018 (Jörg Carstensen/dpa)

Die Kulturwelt ist auf Krawall gebürstet: Dercon, Tellkamp und natürlich Kollegah. Der Eklat um die Echo-Verleihung dominiert auch Tage später noch die Feuilletons. Die "Süddeutsche" fordert: Für immer sein lassen oder komplett neu gründen.

Jetzt oder nie mehr – fragt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG nach dem Eklat um den deutschen Musikpreis "Echo". Jens-Christian Rabe schreibt: "Tatsächlich ist die Lage des Echo katastrophal. Im Grunde ist er nämlich kaputt, und genau jetzt der Moment, an dem man ihn entweder für immer begräbt – oder mutig neu gründet."

Verkaufszahlen sollten nicht entscheiden

Sein Vorschlag, der Echo darf einfach kein Preis mehr sein, bei dem Verkaufszahlen entscheiden. Eine Jury, vorrangig besetzt mit Kreativen der deutschen Popmusik, wäre ein weiterer Garant, dass es nicht zu so grausigen Entscheidungen käme wie aktuell erlebt. Die Wellen schlagen auch deswegen so hoch, weil, wie Rabe bemerkt, "das ganze Elend am vergangenen Donnerstag, der auch noch der internationale Holocaust-Gedenktag war, am Abend live im Fernsehen" zu beobachten war.

Die SZ zitiert Peter Maffay mit dem Kommentar, "die Veranstaltung sei eine Ohrfeige für die Demokratie im Land gewesen". Die Tageszeitung DIE WELT demonstriert Meinungsvielfalt, indem sie auf die Frage Ist der Echo am Ende? zwei Antworten abdruckt, ein JA von Thomas Schreiber, dem ARD-Koordinator für Unterhaltung. Er meint, "die deutsche Musikindustrie hat dreifach versagt". Nein, sagt WELT-Redakteur Dennis Sand, denn "die Kritiker hätten das Wesen des Battle-Rap nicht verstanden".

Ungewöhnlich streitbar geht es derzeit überhaupt in der Kulturszene zu. Die SÜDDEUTSCHE fasst zusammen: "Dercon, Tellkamp, Kollegah: Mancher Kulturstreit zeigt inzwischen wahnhafte Züge". Felix Stephan meditiert dort unter der Überschrift "Geschlossene Gesellschaften" über die Rückkehr einer vergessenen Verirrung, der Sekte. Er registriert: "In allen (genannten) Fällen wurden auf großer Bühne Kämpfe ausgetragen gegen imaginierte Bedrohungen… Wahnsysteme werden heute in Landtagen und Stadttheatern verhandelt".

Preiswürdiger Antisemitismus?

Die Echopreisverleihung macht sehr nachdenklich, denn, so Felix Stephan: "Als beim größten deutschen Musikpreis einem notorischen Antisemiten eine Trophäe überreicht wurde, auf dass jeder deutsche Antisemit und jeder deutsche Jude erfahre, dass diese Ideologie in Deutschland wieder preiswürdig ist, blieb der Protest anfangs überschaubar. Einsamer sind die deutschen Juden lange nicht mehr gewesen als in diesen Tagen".

In Halle diskutierten vier ostdeutsche Museumsdirektoren über den Umgang mit Kunst aus der DDR, die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG berichtet darüber. Es ging um den Vorwurf gegen die seit 2015 amtierende Direktorin des Albertinum, die aus Kassel stammende Hilke Wagner, sie zeige in der dortigen Dauerausstellung kaum noch Kunst aus der DDR. Andreas Platthaus erinnert an das "böse Wort von der "Westkolonialisierung" des Museums".

Seit der Weimarer Ausstellung "Aufstieg und Fall der Moderne" kursiere ohnehin die Auffassung von der Denunzierung der DDR-Kunst als durchweg staatstreu und deshalb minderwertig. Das öffentliche Gespräch in Halle verlief nun ganz anders, als man befürchtet hatte, berichtet der Autor: "sachlich, abgeklärt und fair, sowohl auf dem Podium wie auch von Seiten zahlreich erschienener Zuhörer".

Vorurteile zur DDR-Kunst in Frage gestellt

Thomas Bauer-Friedrich, Direktor des Kunstmuseums Moritzburg, informierte, ein neuer Teil der Dauerausstellung seines Hauses sei ausschließlich der Kunst aus der Zeit der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR gewidmet. Zwiespältige Werkbiografien werden knapp und neutral dokumentiert, wodurch das Vorurteil von einer homogenen obrigkeitshörigen DDR-Kunst ständig neu in Frage gestellt ist, ergänzt Platthaus.

Alfred Weidinger, seit vergangenem Sommer Direktor des Museums für bildende Künste in Leipzig, kündigte für diese Woche eine große Retrospektive des Malers Arno Rink an. Die gescholtene Hilke Wagner vom Albertinum entwickelte die Idee, in Kürze eine Ausstellung über das Aufbegehren von Künstlerinnen im Ostblock unter dem Titel "Medea muckt auf" zu eröffnen. Platthaus zweifelt, "ob das dazu geeignet ist, im kunstkonservativen Dresden die einheimischen Besucher zu beruhigen?"

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