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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 24.10.2016

AntiamerikanismusEin Kampfbegriff zur Abwehr von Kritik

Von Max Paul Friedman

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Demonstranten mit einem Transparent gegen die USA auf der Demonstration der Friedensbewegung zum Ostermarsch 2016 in Berlin. (Imago Stock & People)
Demonstranten mit einem Transparent gegen die USA auf der Demonstration der Friedensbewegung zum Ostermarsch 2016 in Berlin. (Imago Stock & People)

Antiamerikanismus gab es schon lange vor der Westbindung Deutschlands, sagt der Historiker Max Paul Friedman. Das Freiheitsmodell der Amerikaner passe einigen Europäern nicht in den Kram. Mittlerweile nutze die amerikanische Politik die Ressentiments aber für ihre eigenen Zwecke.

Für Donald Trump und seine Anhänger ist die Sache klar. Wenn ein ausländischer Politiker oder eine ausländische Zeitung ihn kritisiert, ist das ein Zeichen von Antiamerikanismus. Und so sahen es auch schon sein Vorgänger Bush, Reagan, und auch Kennedy.

Amerikanische Politiker verstehen Kritik aus dem Ausland als ein Dogma, eine Orientierung, die gegen das ganze Land und das ganze Volk gerichtet wird. Und tatsächlich kommt Kritik gegen die USA ja oft mit offenen Verallgemeinungen über die Amerikaner: Sie seien dollarbesessen und gewalttätig, mächtig, aber provinziell.

Sollte Donald Trump tatsächlich Präsident werden, böten die USA der Welt viel Gelegenheit zum Spott. Denn Donald Trump erfüllt fast jedes antiamerikanische Klischee. Wie George W. Bush dem Bild vom simplen Cowboy entsprach, entspricht Trump dem Bild vom groben, ungebildeten Amerikaner, der nur an Geld denkt; ein Landei, das im Wolkenkratzer in Manhattan wohnt. Wenn Trump gewinnt, hat Vizepräsident Joe Biden geäußert, werden wir die Rückkehr des Antiamerikanismus erleben.

Persönliche Kritik von politischer Kritik trennen

Aber was heißt eigentlich Antiamerikanismus? In Mexiko, zum Beispiel, ist Trump eine Hassfigur. Die Mauer, die er an der Grenze zwischen den USA und Mexiko zu bauen verspricht, findet kaum zwei Prozent Zustimmung in Mexiko. Aber trotzdem empfinden 66 Prozent der Mexikaner die Vereinigten Staaten generell immer noch als positiv.

In Europa sieht es ähnlich aus. Der Spiegel nennt Trump den gefährlichsten Mann der Welt. Nur 9 Prozent aller Europäer haben Vertrauen, dass Trump in der Weltpolitik das Richtige tun würde. Aber 77 Prozent vertrauen immer noch auf Barack Obama. Bei George W. Bush waren es 14 Prozent. Alle drei sind Amerikaner. Die Schwankungen zeigen, dass es hier nicht um tief verwurzelte Vorurteile geht, sondern um die Bewertung von Führungsqualitäten und einer Außenpolitik, die je nach Präsidenten sich verändert.

"Antiamerikanismus" ist einzigartig

Es gibt über jedes Land Stereotypen. Der Begriff "Antiamerikanismus" ist aber einzigartig. Er behauptet, dass die Ablehnung gegen Amerika ideologische und antidemokratische Quellen hat. Wir Amerikaner erzählen uns gerne, dass Widerstand oder Kritik immer irrational ist, weil niemand ernsthaft gegen die Freiheit und die Demokratie sein kann.

"Antiamerikanismus" als Konzept dient den Zweck, Kritik aus dem Ausland wegzudenken oder mundtot zu machen. Im innenpolitischen Bereich ist das Wort seit dem 19. Jahrhundert ein Kampfbegriff für die Rechten gewesen, womit sie versuchen, linksliberale und reformorientierte Amerikaner als unpatriotisch zu brandmarken. Im Fall Trump ist sogenannte "antiamerikanische Kritik" in der Tat meist prodemokratisch, weil Tr.ump selbst autoritäre Ideen vertritt, von Pressezensur bis zu Gewalt gegen seinen politischen Gegner

Wir Amerikaner sollten weniger Angst vor kritischen Stimmen aus dem Ausland haben. Als der französische Präsident Charles de Gaulle und europäische Demonstranten uns vor dem Vietnam-Krieg gewarnt haben, galten sie als Antiamerikaner. Das Gleiche passierte, als Gerhard Schröder, Jacques Chirac und Demonstranten weltweit uns von dem Einmarsch in Irak abgeraten haben. Es wäre nicht gegen unser Eigeninteresse gewesen, wenn wir diese Warnungen ernst genommen hätten.

Donald Trump könnte natürlich verlieren. Wenn allerdings Präsidentin Hillary Clinton ihren Ruf als "Falkin" gerecht wird, werden wir auch wieder Demonstrationen im Ausland sehen. Kein Grund zur Panik! Anstatt wachsenden Antiamerikanismus zu beklagen, sollten sowohl wir Amerikaner als auch unsere Freunde im Ausland die Stereotypen hinter uns lassen und in der Sache argumentieren.

Max Paul Friedman ist Geschichtsprofessor an der American University in Washington. Sein Buch Rethinking Anti-Americanism, Antiamerikanismus umdenken, erschien bei Cambridge University Press.

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