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Lesart | Beitrag vom 21.12.2017

Annie Ernaux: "Die Jahre"Ein Lebensweg vom Arbeiterkind zur Schriftstellerin

Von Susanne von Schenk

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"Die Jahre" von Annie Ernaux (Verlag Suhrkamp)
Das Buchcover von "Die Jahre" von der Autorin Annie Ernaux (Verlag Suhrkamp)

Die Autorin Annie Ernaux nennt ihr Buch "Die Jahre" selbst eine "unpersönliche Biographie". Dabei sind die Beschreibungen ihrer Lebensabschnitte als Schülerin, Mutter und Großmutter wie ein Sog, dem man sich nicht entziehen kann.

Worum geht’s?

Ich verschenke das Buch "Die Jahre" von Annie Ernaux. Die französische Schriftstellerin ist jetzt 77 Jahre alt und fragt sich, was macht ein Leben aus? "Die Jahre" umfasst die Zeitspanne von 1940, Annie Ernaux‘ Geburtsjahr, und reicht bis 2006. Und sie lässt darin alles Revue passieren, was passiert ist, die Revolte von 1968, Mitterand, die Frauenbewegung. Aber sie beschreibt auch genauso, welche Haarshampoos hat man benutzt, welche Parfummarken, Käsesorten, Zeitschriften. Das, was Annie Ernaux in "Die Jahre" beschreibt, ist von einer Allgemeingültigkeit, die, leicht abgewandelt, auf jedes individuelle Leben übertragbar ist. Kaleidoskopartig beschreibt sie einen – ihren – Lebensweg vom Arbeiterkind zur Schriftstellerin und lässt zugleich die Epoche Revue passieren, heißt, sie setzt ihre Geschichte aus individuellen und kollektiven Bruchstücken zusammen.

Was ist das Besondere?

Mich hat fasziniert, wie wunderbar die französische Autorin ihre eigene Biographie mit der allgemeinen Zeit verwebt. "Etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird." schreibt sie. Annie Ernaux nennt "Die Jahre" eine "unpersönliche Biographie" – daher gibt es auch kein "Ich", sondern nur ein "Sie".

Immer wieder fügt sie sehr berührende Beschreibungen von Photos ein (aber keine Bilder, nur Beschreibungen derselben). Sie rhythmisieren den Text und sind wie Filmstills oder Momentaufnahmen: als Baby, als Schülerin, später als Mutter und dann als Großmutter mit einem Enkelkind auf dem Schoß. "Die Jahre" entfaltet für mich einen Sog, dem ich nicht entziehen kann. Sehr schön ist auch Annie Ernaux‘ Stil: knapp und klar, kurze Absätze, keine Kapitel – also passend für das Verfließen der Zeit.

Wem wollen Sie es denn schenken – und warum?

"Die Jahre" schenke ich meiner Freundin Uli. Sie ist eine Leseratte und liebt bereits die Bücher von Didier Eribon und Edouard Louis. Diese beiden französischen Autoren berufen sich auch auf Annie Ernaux – und ich denke, das Buch "Die Jahre" wird ihr gefallen, weil dort Fragen gestellt werden, die wir uns auch selbst immer wieder stellen, nämlich "Was macht ein Leben aus und wie lebe ich in meiner Zeit?"

Annie Ernaux: "Die Jahre"
Übersetzt von Sonja Finck
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017
255 Seiten, 18,00 Euro

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(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 10.10.2017)

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