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Tonart | Beitrag vom 16.06.2017

50 Jahre Monterey International Pop FestivalDer Urknall des Hippie-Booms

Von Laf Überland

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Hippies auf dem Monterey International Pop Festival im Juni 1967 in Kalifornien. (Imago / Zuma Press)
Hippies auf dem Monterey International Pop Festival im Juni 1967 in Kalifornien. (Imago / Zuma Press)

Es war etwas völlig Neues: Im Juni 1967 feierten mehr als 50.000 Menschen in Kalifornien ihre Vision einer besseren Welt. Das Massenabhängen zu Protestsongs war für die Plattenindustrie der Startschuss für ein neues Geschäft.

1967 tobte der Vietnamkrieg und an der amerikanischen Westküste, dort, wo die Soldaten nach Vietnam verschifft wurden, hatte sich im Jahr zuvor der Widerstand gegen den Kriegseinsatz formiert. Neben dem organisierten Protest linker Kriegsgegner war auch eine massenhafte neue Bewegung der Brüderlichkeit entstanden: Die Regel lautete, dass man jeden und alles lieben musste.

Ein lächelnder Plastikhippie wie aus der Zahnpastareklame na­mens Scott McKenzie gab bereits weltweit den Grundkurs über die Benimmetikette in der Hauptstadt der Liebe: "Wenn du nach San Francisco gehst, dann trag Blumen im Haar!" Und im Hintergrund sirrte bewusstseinserweiternd die Sitar "People in mo­tion".

Ein Hort von Frieden und Liebe für alle

Die Hippiebewegung war ein gigantisches Fest, und der Höhepunkt des Festes war das Monterey Interna­tio­nal Pop Festival: drei Tage, die alles boten, was man später Woodstock nach­sagte: ein Hort von Frieden und Liebe für alle.

John Phillips, der Chef von The Mamas and The Papas, und sein Produzent Lou Adler hatten erkannt, welche kommerziellen Möglichkeiten in dieser neuen, protestgeschwängerten Popmusik steckte, die jetzt überall gespielt wurde – wenn sie nur erst, genau wie der Jazz, als Kunstform anerkannt würde! Also stampften sie in ein paar Wochen für den 16. bis 18. Juni '67 im Pazifikstädtchen Monterey zwei Autostunden südlich von San Francisco die erste große Heerschau dieser neuartigen Popmusik mit Bewußtsein aus dem Boden der Montereyer Festwiese:

Janis Joplin war da, noch jung und gesund, The Who, Eric Burdon, natürlich die Mamas & Papas, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, The Byrds und und und, sogar Leute wie Otis Redding und Ravi Shankar kamen. Und alles lag unter einer Wolke von Räucherstäbchenduft, Barbeque und Patchouli. Oder Lotos.

Die Bands spielten ohne Gage, der Eintritt - zwischen drei Dollar und 6.50 Dollar - floß in einen Wohltätigkeitsfond. Und über allem schwebte diese spezielle kalifornische Philosophie der guten Vibes, die alles richten. Die Musiker auf der Bühne waren genau so weg von dem Ganzen wie die Kids vor ihnen:

"Monterey is very groovy, man! This is – this is – this is something, man! This is our generation, man, all you people are all together man, and it’s groovy. And dig yourselves, it’s really groovy."

Eric Burdon: Jimi Hendrix wollte nicht mitkiffen 

Eric Burdon stand mit seinem alten Kumpel von den Animals Chas Chandler auf dem Flur, während Chandlers Schütztling Jimi Hendrix auf dem Boden in der Sonne hockte und mit Farbe gelbe Blümchen auf seine Fen­dergitarre pinselte - völlig verzückt, der schüchterne junge Mann. Er blieb auch schüchtern, als Janis Joplin mit einem Joint auf den Flur kam und meinte, es sei ein gutes Fest, und ein noch besseres Fest werde es, wenn alle rauchten. Nur Jimi wollte, so soll es Burdon erzählt haben, lieber nicht mitkiffen. Später am Abend zelebrierte er allerdings eindrucksvolle Gitarrenakrobatik, spielte mit Zähnen, Armen, hinter dem Rücken und zertrümmerte schließlich seine brennende Gitarre, und alle hielten ihn für voll auf Droge!

Jeder liebte jeden, und ein paar wurden reich. Denn für die Plattenindustrie war Monterey Pop der Startschuß in neues, phänomenal grenzenloses Geschäftsfeld: Allein die Firma Columbia nahm anschließend gleich zwanzig Bands unter Vertrag und erhöhte damit den Anteil von Rockmusik in ihrem Portfolio von 15 auf 50 Prozent.

Die Flower Power aber verwelkte, bevor man sie noch rich­tig in die Vase gestellt hatte. Am Ende standen die meisten rum und schüttelten lustlos die Glöckchen und Kettchen. Die anderen, die nicht ablassen mochten oder konnten von ihrer Utopie, transportierten den Geist von Monterey in die Medien, in die Plattenindustrie, in die lebenden Legenden, und zwei Jahre später zogen sie dasselbe Ding nochmal auf - zehn Mal so groß, zehn Mal so berühmt, zehn mal so laut.

Aber in Woodstock war die Idee von Love & Peace und Brüderlichkeit ohn' End' bereits zum kommerziellen Train to nowhere geworden. Monterey im Sommer 1967 hingegen muss tatsäch­lich eine Menge mit Seele, mit Freiheit und mit Liebe zu tun gehabt haben. Und es war Anfang und Ende zugleich.

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(Deutschlandfunk Kultur, Kalenderblatt, 16.06.2017)

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