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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 07.02.2018

50 Jahre 68er-BewegungKein Ende der Faszination?

Von Reinhard Mohr

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Sieben- bis achttausend Menschen nahmen am 18. Februar 1968 in Berlin an der Vietnam-Demonstration teil. Mit unzähligen großen Porträts u.a. von Che Guevara, Ho Tschi Minh, Lenin, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zogen die Demonstranten vom Kurfürstendamm zur Deutschen Oper, wo eine Kundgebung gegen den Krieg der Amerikaner in Vietnam mit mehreren Rednern stattfand. Die Formation des Protestmarsches wurde von SDS-Chefideologe Rudi Dutschke organisiert. (picture-alliance / dpa / Giehr)
Mit großen Porträts von Che Guevara bis Rosa Luxemburg: Tausende Menschen nahmen am 18. Februar 1968 in Berlin an der Vietnam-Demonstration teil. (picture-alliance / dpa / Giehr)

Rebellen, Hippies und Straßenkämpfer der 68er: Keine Generation habe sich derart in die jüngere Zeitgeschichte eingegraben wie sie, meint der Journalist Reinhard Mohr. Dass zum Jubiläum politisch wirksame Gesellschaftskritik eher von rechts komme, gehöre zur Ironie der Geschichte.

Er läuft und läuft und läuft und läuft ... der VW-Käfer. Das war die Botschaft des legendären Werbespots von 1968: Hinterm Horizont geht's weiter!

Das glaubten damals auch die 68er, und auch sie sind einfach nicht totzukriegen. Keine Generation hat sich derart in die jüngere Zeitgeschichte eingegraben, ist – wie VW – derart zur Mega-Marke geworden wie die Rebellen, Hippies, Straßenkämpfer und Weltverbesserer aus den wilden 60ern. Dagegen kommt keine Flakhelfer-Generation an, schon gar keine Generation Golf oder all jene Generationen XYZ, die der Zeitgeist binnen Jahresfrist wegspült wie das iPhone 8 das iPhone 7.

Obwohl sie mit dem Versuch, die Weltrevolution anzuzetteln, spektakulär gescheitert sind und seitdem gern als anachronistische Witzfiguren verspottet werden, tauchen sie immer wieder aus der Tiefe des Raumes auf. Zuletzt wollte der bayerische CSU-Löwe Alexander Dobrindt gar eine "konservative Revolution" gegen den fortbestehenden Geist von 68 ausrufen, was Caren Miosga in den "Tagesthemen" umgehend zur "Konterrevolution" umdichtete.

Der Kampf geht immer weiter

Man sieht: Der Kampf geht weiter, immer weiter. Aber woher kommt eigentlich der Drang, die alten Schlachten immer wieder neu zu schlagen, obwohl das historische Ereignis politisch längst eingemeindet ist – als Teil der deutschen Identität? "Der Muff von fünfzig Jahren" titelte die Zeitschrift "Cicero", doch diese polemische "Bilanz einer selbstgerechten Generation" war selbst nicht ganz frei von nachgeborener Selbstgerechtigkeit.

Was also regt Kritiker der 68er bis heute so auf? Thomas Schmid, vom Sponti zum Herausgeber der "Welt" gereift, gibt einen Hinweis: "Wer von 68 erfasst wurde, erinnert es als hinreißende, leidenschaftliche, überschwängliche Zeit: ein Rausch der Selbstvergewisserung."

Offenbar hat die anhaltende Faszination von 68 etwas mit jenem seltenen Zustand zu tun, den der Extrembergsteiger Reinhold Messner "Selbstermächtigung" nennt – eine befreiende Mischung aus Selbstaufklärung, egozentrischer Chuzpe und unbändiger Willenskraft. Es war der Sturm auf die gesellschaftlichen Autoritäten, die Aufkündigung des Gehorsams – vom eigenen Vater bis zum Polizeipräsidenten, vom Professor bis zum Bundeskanzler, die das Gefühl von Freiheit und Abenteuer so groß werden und die Aktivisten schließlich von der "Revolution" träumen ließ.

Metaphysischer Hechtsprung in eine utopische Zukunft

Dass diese kollektive Übersprungshandlung, der metaphysische Hechtsprung in eine utopische Zukunft, nicht ohne ein Quentchen Wahnsinn zu haben war, hatte schon Adorno bemerkt. Doch selbst der Irrsinn maoistischer K-Gruppen und der terroristischen Rote Armee Fraktion hat die Erinnerung an diese historische Traumsequenz nicht ausgelöscht, die auch deshalb so aufregend war, weil sie so viele aufregte, Freund wie Feind.

Zugleich war es wohl das letzte Mal, dass ein derart naiv vorwärtsstürmender Geschichtsoptimismus zur politischen Kraft werden konnte. Gewiss, Rudi Dutschkes agitatorische Sprache wirkt heute sehr befremdlich, aber sie war Galaxien von jener stets schlechtgelaunten, dafür politisch korrekten Jammer- und Diskriminierungsrhetorik entfernt, die nur noch Opfer zu kennen scheint.

Zur Ironie dieser Geschichte gehört, dass just zum großen 68er-Jubiläum politisch wirksame Gesellschaftskritik eher von rechts kommt. Plötzlich erscheinen Linke und Grüne als Teil des "Establishments", ja als Obrigkeit des Zeitgeists, gegen die offen rebelliert wird. Ideologiekritik, einst die Domäne der 68er, richtet sich nun gegen sie selbst.

Wäre das aber nicht ein wunderbarer Augenblick, auf allen Seiten einen neuen, frischen Blick auf die Wirklichkeit anno 2018 zu wagen?

Dann geht's auch hinterm Horizont noch weiter, immer weiter!

Reinhard Mohr (dpa / picture alliance / Karlheinz Schindler)Reinhard Mohr (dpa / picture alliance / Karlheinz Schindler)Reinhard Mohr, geboren 1955, ist freier Journalist. Zuvor schrieb er für "Spiegel Online" und war langjähriger Kulturredakteur des "Spiegel". Weitere journalistische Stationen waren der "Stern", "Pflasterstrand", die "tageszeitung" und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".
Buchveröffentlichungen unter anderem: "Bin ich jetzt reaktionär? Bekenntnisse eines Altlinken", "Das Deutschlandgefühl", "Generation Z", "Der diskrete Charme der Rebellion. Ein Leben mit den 68ern" und "Meide deinen Nächsten. Beobachtungen eines Stadtneurotikers".

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