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Freitag, 15.12.2017

Fazit | Beitrag vom 18.06.2017

18. Poesiefestival Berlin"Poesie überdauert"

Von Tobias Wenzel

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Der schottische Schriftsteller John Burnside, aufgenommen 2015 in Köln (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)
Der schottische Schriftsteller John Burnside hielt in der Akademie der Künste die Berliner Rede zur Poesie. (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)

"Europa_Fata Morgana" ist der Titel des 18. Poesiefestivals in Berlin, dem größten Deutschlands. Damit wird klar: Es geht auch um die Frage, wie man dichterisch auf brennende politische Fragen antworten kann und soll.

Dichter aus den 22 Anrainerstaaten der EU, von Ägypten bis Island, präsentierten am Sonntagabend ihre mit Europas Zukunft verbundenen Hoffnungen und Ängste. Spätestens da verstanden die Besucher, warum das 18. Poesiefestival Berlin in diesem Jahr "Europa_ Fata Morgana" heißt.

John Burnside: "Wir bekämpfen den Feind immer noch auf dem von ihm gewählten Schlachtfeld, benutzen seine Sprache, verhalten uns nach seinen Regeln."

Am Sonntagmorgen horchte manch einer in der Akademie der Künste am Brandenburger Tor auf, als der schottische Autor John Burnside in seiner Berliner Rede zur Poesie vom "Feind" sprach und damit Donald Trump und alle regierenden Politiker meinte, die durch ihre Entscheidungen die Umwelt schänden und Fremdenfeindlichkeit fördern. Das gelte auch für Großbritannien, nicht zuletzt seit dem Brexit. Man müsse Widerstand leisten, mit "neuen Denksystemen", die man erst noch finden müsse. Und dabei könne die Dichtung helfen:

"Für mich ist es tatsächlich so, dass das Erschaffen von Dichtung und das Erschaffen von Welt aufs Engste zusammenhängen, wenn nicht sogar identisch sind. Für mich ist 'poiesis' die Grundlage eines sinnvollen Wohnens in der Welt: ein kreatürliches Ortsgefühl, das auf dem ökologischen Bewusstsein für wechselseitige Abhängigkeit allen Lebens fußt. Mir ist nicht klar, wie jemand gegen diese Position argumentieren könnte: Lao-Tse hätte das nicht getan, auch Spinoza nicht, auch nicht Goethe."

Und auch nicht Sergio Raimondi. Der argentinische Dichter geht merklich sensibel, mit offenen Augen durch die Welt. Harmlos fängt das Gedicht "Einen Kuchen backen ohne Milch" an und spiegelt doch den Mangel in der argentinischen Bevölkerung kurz vor der Krise im Jahr 2001.

"Spannungen ausdrücken, anstatt explizit anzuklagen"

Die Fahrt auf einer Rolltreppe von ThyssenKrupp ruft in Erinnerung, dass die indigene Bevölkerung Argentiniens einst mit Waffen aus Krupp-Stahl umgebracht wurde. Raimondi grenzt sich von der engagierten lateinamerikanischen Dichtung der 60er-Jahre ab, indem er das "Ich" in seinen Versen vermeidet und über Umwege politisch dichtet.

Sergio Raimondi: "Eine Geste ist schon dann politischer Natur, wenn wir das Sprachmaterial in der Dichtung erweitern. Konfrontiert man im Gedicht verschiedene Verwendungen von Sprache, die Sprache der Arbeit und die Sprache des Journalismus zum Beispiel, dann ist das schon politisch. Oft reicht es auch aus, Spannungen auszudrücken, anstatt explizit anzuklagen."

"teebeutel" heißt ein durch und durch unpolitisches, aber nicht weniger faszinierendes Gedicht von Jan Wagner, das er bei "Weltklang", der Eröffnungsveranstaltung am Freitag, vortrug.

Jan Wagner liest:

I
nur in sackleinen
gehüllt, kleiner eremit
in seiner höhle.

II
nichts als ein faden
führt nach oben. wir geben
ihm fünf minuten.

Fast sieben Jahre lang hat der Poesiekünstler und Sammler Carsten Schneider an seiner Sprachcollage "Die Gefahren eines Jahres im Deutschlandfunk" gearbeitet. Schneider hat den gesamten Verkehrsfunk des Senders von 2010 aufgezeichnet, auf Gefahrenmeldungen hin abgehört, zerschnitten und zu einer Audiocollage zusammengefügt.

Berührender Vortrag von flämischer Nachwuchsdichterin

Dieses und weitere Collagenhörspiele ebenso wie Klebpoesie mit Ausschnitten aus dem "Tagesspiegel" sind in Carsten Schneiders kurioser wie beeindruckender Ausstellung zu erleben.

Das aufwändige Projekt "drei D poesie", der Versuch, Verse von Herta Müller, Christian Hawkey und Daniel Falb mit Tanz, Musik und Klängen zu einem faszinierenden Ganzen zu verschmelzen, scheiterte. Überhaupt überzeugte bei diesem Festivalwochenende selten das Performative.

Der Japaner Yasuki Fukushima erregte mit seinem expressiven Gedichtvortrag Aufmerksamkeit. Aber das war es dann auch schon. Wie wenig Drumherum es braucht, um mit Dichtung zu berühren, bewies Charlotte van den Broeck. Ohne Buch, ohne Blatt Papier in der Hand, ihr Gedicht im Gedächtnis, rezitierte es die junge Flämin, als würde sie jedem einzelnen Besucher privat erzählen, wie sie da ein noch glückliches Paar beobachtete.

Charlotte van den Broeck liest:

"[…] ich sage ihnen nicht, dass sie sich hier zwischen den letzten Mücken und den
ersten Küssen Namen für ihre Kinder ausdenken wird, nicht, dass sie sich
schon mal an später gewöhnt, wenn sie einander nur noch zufällig und mit Gegensinn
berühren werden, ich sage nichts, denn genauso, wie sie da liegen, war es auch:
die Hingabe, das blinde Licht am Nachmittag und später darüber Gedichte"

Wenn es solchen Dichternachwuchs gibt, dann muss man sich wirklich keine Sorgen machen. Oder wie es John Burnside in seiner Rede formulierte:

"Poesie überdauert."

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