Zwischen Monstermonument und Billigfarbe

Das Stahlobjekt "Ohne Titel" des spanischen Künstlers Pablo Picasso vor dem Rathaus in Chicago. © picture alliance / dpa / Gerhard Rauchwetter
Von Jürgen Kalwa · 20.02.2013
100 Jahre nach seiner ersten Ausstellung in der Stadt präsentiert nun das Art Institute of Chicago erneut Werke von Pablo Picasso, der hier vor allem durch seine 15 Meter hohe Skulptur in der Stadtmitte bekannt ist. Zugleich wartet ein Labor in Chicago mit einer spektakulären Entdeckung über die Farbtechnik des Meisters auf.
Für die Menschen in Chicago ist Pablo Picasso schon immer etwas ganz Besonderes gewesen. Eine Beziehung, die vor genau 100 Jahren begann – im Jahr 1913 – als das Art Institute of Chicago als erstes Museum in den USA einige der frühen Arbeiten des spanischen Künstlers im Rahmen einer großen Gruppenausstellung präsentierte.

Chicago war damals der zweite Stopp der "International Exhibition of Modern Art", die zuvor in New York gelaufen war und dort von den Zeitungen skandalisiert wurde. Man regte sich über angeblich unmoralische Exponate auf wie etwa den "Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2" von Marcel Duchamp. So war die Neugier enorm. 200.000 Besucher kamen. Eine erstaunliche Zahl.

50 Jahre später gab es erneut Aufregung. Diesmal fing Chicagos großer Chronist Studs Terkel, der jahrelang im lokalen Rundfunk eine Sendung bestritt, die Stimmen des Volkes ein und schuf so ein markantes Zeitdokument.
Es ging um ein 15 Meter hohes und fast 150 Tonnen schweres Kunstwerk im Zentrum der Stadt, das Picasso entworfen hatte – inzwischen weit über 80 und weltweit anerkannt. Das Rätselraten war groß: Der Meister, der in seinem ganzen Leben nie in Chicago gewesen war, hatte seine Idee einfach nur mit ein paar Strichen weißer Kreide auf einer Sperrholzplatte skizziert und auf einen Titel verzichtet. Das erschwerte jedwede Interpretation der stählernen Konstruktion.
Das Nachrichtenmagazin "Time" goss die Sinnsuche in eine spitz formulierte Frage: "War es ein Vogel, eine Frau, ein afghanischer Windhund, ein Berberaffe, ein grausamer Schwindel, eine kommunistische Verschwörung oder Superman?"

Mit den Tonaufnahmen aus den sechziger Jahren wird man begrüßt, wenn man die Ausstellung "Chicago and Picasso" betritt, die das Art Institute am Mittwoch eröffnet hat. Für Stephanie D’Alessandro war das eine logische Entscheidung. Sie ist die Kuratorin der Schau, die aus 200 Stücken der Museumssammlung und 50 Leihgaben ein ansprechendes, höchst übersichtliches Kaleidoskop zusammengestellt hat. Eines, das die 100 Jahre währende spannungsreiche Auseinandersetzung mit dem Künstler sehr gut dokumentiert.

Seine riesige Skulptur gilt heute als eine Art Wahrzeichen inmitten des attraktiven Ensembles der Wolkenkratzer von Downtown Chicago.

"Ich war damals nicht hier, also weiß ich das nicht so genau. Aber wir wollten diese Ausstellung mit dem Modell der Skulptur einleiten und dem Foto von den Feierlichkeiten und den Tondokumenten. Wir wollten etwas von der besonderen Qualität einfangen, die diese Skulptur besitzt. Es war das erste Monument, das Picasso entworfen hat."

Eine Auftragsarbeit übrigens, für die Picasso gar nicht entlohnt werden wollte.

Thomas O’Gorman, der das Buch "Frank Lloyd Wright’s Chicago" geschrieben hat, sieht Parallelen im Werk des Künstlers und der Entwicklung der Industriemetropole am Lake Michigan. Die hatte vor 100 Jahren einen enormen wirtschaftlichen Boom erlebt und war in einem außerordentlichen Tempo in die Breite gewachsen und schnellte später mit Hilfe kluger Stadtplaner und den besten Architekten der Welt auf eine elegante Weise in die Höhe.

"Hier in Chicago war man immer bereit, sich weiterzuentwickeln. Besonders bei der Stadtplanung. Das hat auch Picasso getan. Auf vielerlei Weise hatten er und die Stadt die gleiche Seele. Die hatten keine Angst vor dem, was vor ihnen lag. Sie haben es angepackt. Wenn es sich am Ende zu einem Ganzen zusammenfügt, ergibt es totalen Sinn. Picasso ist der perfekte Maler für Chicago."

Perfekt auch in einem ganz anderen Sinne. Nur wenige Tage vor der Eröffnung der Ausstellung gab das Argonne National Laboratory am Rande der Stadt das Ergebnis einer mehrjährigen Forschungsarbeit bekannt. Das Resultat ist eine kleine Sensation. Picasso hatte bei einem Teil seiner Gemälde – darunter "Der rote Stuhl" aus dem Jahr 1931, das zu den Höhepunkten der Ausstellung im Art Institute gehört, ganz profane Wandfarbe verwendet. Den Beweis dafür erbrachte der aus Aachen stammende Physiker Dr. Volker Rose, der anhand von feinsten Partikelproben von fünf Bildern tief in die Molekularstruktur der verwendeten Materialien hineinschaute:
"Wir können Röntgenstrahlen fokussieren zu einer Größe von ungefähr 30 Nanometern. Wenn wir ein Bakterium nehmen, das ist immer noch 2000 Nanometer. Die Kunst dabei ist, feststellen zu können, was die Chemie ist. Wir können sehen, was für Elemente vorhanden sind. Ist da Zink? Ist da Eisen? Ist da Kupfer? Und das erlaubt uns, die Schlüsse ziehen zu können bezüglich des Ursprung der Picasso-Farbe."

Es ging um das Weiß, dessen chemische Basis ein Zinkoxid ist und das in den Dreißiger-Jahren unter dem Markennamen Ripolin von einer holländisch-französischen Firma hergestellt wurde. Die war billiger als die handelsüblichen Ölfarben, die Maler gewöhnlich benutzen, Sie trocknete schneller und sie schuf einen besonderen gestalterischen Akzent, mit dem sich Kunsthistoriker bereits beschäftigt haben.

Dr. Volker Rose konnte im Detail jedoch noch etwas anderes nachweisen: Picasso nutzte nicht nur Ripolin. Er ahmte mitunter dessen Charakter mit anderen Mitteln nach.

"Gewöhnlicherweise würde ein Spezialist hingehen und versuchen, mit dem Auge festzustellen, welche Farbe dort verwendet worden ist. Und da gibt es tatsächlich Hinweise. Diese sehr konventionelle Fassadenfarbe hat eine andere Darstellung. Die ist nicht so crisp. Und Farben verlaufen auch weniger. Aber es gibt Fälle bei Picasso, wo er nicht diese Fassadenfarbe genommen hat, aber durch ein gewisses Mixen mit anderen Zutaten diesen gleichen Effekt erzielt hat."

Die Forschungsergebnisse werden in Zukunft nicht nur Picasso-Kennern helfen – etwa wenn es um die Restauration von Bildern geht. Sie öffnen sogar neue Möglichkeiten, um Werke zu überprüfen, die unter dem Verdacht stehen, gefälscht zu sein.

Service:
Die Ausstellung Picasso and Chicago ist bis zum 12. Mai 2013 im Art Institute of Chicago zu sehen.