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Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.05.2011

Zwischen Kaviar und Wurstsalat

Literarisch-kulinarisches Festival am Bodensee

Von Thomas Wagner

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Zwei Wochen lang wird am Bodensee geschlemmt und gelesen. (picture alliance / dpa)
Zwei Wochen lang wird am Bodensee geschlemmt und gelesen. (picture alliance / dpa)

Am Abend wurde in Überlingen das WortMenue eröffnet – ein zweiwöchiges "literarisch-kulinarisches Festival", das zum siebten Mal am Bodensee stattfindet. In den Texten geht es ausschließlich ums Essen. Gelesen und zugehört wird mit entsprechender Verpflegung in Gaststätten und Kneipen.

"Ich freue mich, auf den kleinen Unterschied zwischen 'Sie und Er' bei den kulinarischen Genüssen. Also auf die Literatur"

"Im Moment hab' ich einen großen Hunger. Ich freu' mich eigentlich aufs Essen, auf die angenehmen Gäste und auf ein Glas Wein!"

Ein merkwürdiges Gebäude, das von oben aussieht wie ein Konzertflügel, nur einen Steinwurf vom Ufer des Bodensees entfernt. Innendrin: 260 Leute, hungrig und durstig, manche, wie man hört, auch literaturdurstig. Auftakt zum 7. WortMenue, dem literarisch-kulinarischen Festival in Überlingen. Zwei Wochen lang wird geschlemmt, gelesen, wieder geschlemmt, dann getrunken, gelesen - und zwar immer aus Büchern, bei denen es stets um das eine, um das Feine geht. Nämlich ums Essen.

"Ich freu' mich auf mein Frühstück. Da schneid' ich mir mein Hörnchen auf."

Auf der Bühne Deutschlandfunk-Literaturkritiker Denis Scheck, der zusammen mit der Stuttgarter Ärztin Susanne Gritzmann aus ihrem gemeinsamen Bändchen "Sie und Er - der kleine Unterschied beim Essen" vorlesen, über eine halbe Stunde lang. Derweil schmachtet das Publikum; es scheint manchmal so, also ob neben dem freundlichen Beifall, der gelegentlich aufkommt, auch das Knurren der bis dato leeren Mägen zu hören ist. Doch so will es eben das Reglement des 7. WortMenues in Überlingen.

"Während der Lesung selbst, das ist mir absolut wichtig, wird nicht bedient und nicht gegessen. Also die Autoren sind nicht Beiwerk, zu denen man dann einen Knochen abnagt. Sondern der Text und der Autor stehen absolut im Mittelpunkt"."

Der Reutlinger Literaturagent Peter Reifsteck muss es wissen: Seit 1999 organisiert er dort im Zweijahresrhythmus das literarische Wortmenü, wo zwischen Kaviar und Wurstsalat, zwischen gebeiztem Lachs und marinierter Rindsleber stets die literarische 'Haute Cuisine' zum Zuge kommt:

""Die Komposition dieses Menüs ist eigentlich dieses, dass eben nicht 20 Krimiautoren lesen, sondern der Kulturgeschichtler genauso wie der schwierige Roman, aber auch der spannende Krimi."

Zum Beispiel "Die letzte Reifung", Carsten Henns Käsekrimi aus dem Burgund oder Ralf Duttlis "Liebe Olive", Torsten Kröners "Geschichten aus dem Speisewagen" oder Tom Hillebrandts "Teufelsfrucht". All dies steht in den kommenden zwei Wochen in Überlingen auf dem Programm.

Doch nicht nur in der Jetztzeit ist Essen und Trinken ein beliebtes Sujet der Zunft der Schriftsteller. Das war eigentlich schon immer so, auch damals, im Mittelalter. Der Überlinger Historiker Oswald Burger über seine Lesung mittelalterlicher Texte übers Essen und Trinken, zum Beispiel Gedichte von Oswald von Wolkenstein:

"Oswald von Wolkenstein hat hier in Überlingen probiert, etwas zu essen und zu trinken und musste dann leider sehr schimpfen über die Wirte hier in Überlingen, über die hässlichen Frauen und über die unwirtliche Situation."

Dabei muss der Autor, der sich so viel Mühe gab, die alten Texte mit kulinarischen Inhalten erstens zu finden und zweitens vorzulesen, aber eines feststellen: Die Liebe des Publikums geht halt doch eher durch den Magen als durch das Buch.

"Für die Leute, für das Publikum scheint das Essen wichtiger zu sein. Denn als Erstes waren die Veranstaltungen ausgebucht in Überlingen, wo es in die guten Lokale ging. Also da waren durchaus die Wirte die Zugpferde und nicht die Autoren. Und das ist eigentlich schade."

Dabei hören sich doch auch die Texte rund ums Essen recht vergnüglich an. Zu der Lesung von Eva Gritzmann und Denis Scheck werden dann zwar keine Schnitzel, wohl aber Boquerones, Putenfleisch auf Blattspinat und mexikanische Paprikawurst gereicht. Das "Go" zum nächsten Gang ans Buffet müssen sich die 260 Besucher zwar erst durch jeweils eine Dreiviertelstunde intensiven Zuhörens verdienen. Dann wägen die Besucher ab zwischen dem, was sie gehört und dem, was sie gegessen haben:

"Ein bisschen mehr Fleisch wäre natürlich für den Mann von Vorteil Und der Fisch kommt ein bisschen zu kurz in den Texten."

Hans-Peter ist einer 260, die an diesem Abend zum Schlemmen und zum Hören gekommen sind, aber dann doch nach den ersten zwei Stunden feststellen müssen:

"Zuerst essen wäre natürlich nicht schlecht gewesen. Also man geht ja auch hierher, weil man was essen will und muss dann mit leerem Magen aufs Essen warten sozusagen. Aber vielleicht schmeckt das Essen dann besonders gut."

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