Zwischen Impressionismus und Expressionismus

Von Rainer Berthold Schossig · 21.07.2008
Er gilt als zentrale Schlüsselgestalt der Klassischen Moderne in Deutschland: Der Maler Lovis Corinth, der vor 150 Jahren in der Nähe von Königsberg geboren wurde. Obwohl seine Werke immer wieder in den Kontext von Expressionismus und Impressionismus eingeordnet wurden, ist sein kraftvolles, gelegentlich schockierend realistisches Werk bis heute von vitaler, zeitloser Aktualität.
Er kam am 21. Juli 1858 in Tapiau, in der hintersten ostpreußischen Provinz zur Welt, als Sohn einer Schuhmacherwitwe und eines Lohgerbers; so war es dem jungen Louis Corinth nicht an der Wiege gesungen, einmal im kaiserlichen Berlin zu den begehrtesten Malkünstlern seiner Epoche zu zählen.

Als abgebrochener Gymnasiast ging er an die Kunstakademie Königsberg, doch München leuchtete heller. In der bayerischen Kunstmetropole machte er aus seinem altmodischen Vornamen Louis das aparte Lovis und bald war er als notorischer Besucher der Biergärten und Caféhäuser, als Raufbold und Herrenreiter bekannt. Später schrieb Corinth über seine unbändigen frühen Jahre:

"Ich habe im Leben übergenug Fauststöße erhalten, mehreren noch bin ich ausgewichen und habe auch einige zurückgegeben. Intriguen wurden eingefädelt, wie es in der Großstadt üblich war. Doch mein Schutzgeist wachte über mich, bewahrte mich vor Tod und Ertrinken, vor Sturz in waghalsigem Reiten, aber auch vor Entgleisungen aller Art."

Trotz seiner handfesten Steckenpferde malt Corinth wild drauflos, ohne links und rechts zu schauen. Er geht nach Paris und arbeitet im Atelier des berühmt-berüchtigten Salonmalers Adolphe Bouguereau; doch Paris, die Hauptstadt der Malerei, enttäuscht ihn:

"Niemals habe ich dort irgendein Talent entdeckt. Ich bewundere die französische Malerei von Watteau bis Monet; sonst ist da aber nichts Himmelstürmendes."

Also folgt er dem Ruf seines Freundes Walter Leistikow nach Berlin. Und dort geht plötzlich alles atemberaubend schnell: Er hat Erfolg als Porträtmaler, als Schöpfer delikater Aktbildnisse ebenso wie beeindruckender mythologischer und biblischer Szenen. Mit einer enorm-barbusigen Salome, frei nach Oscar Wildes Drama, macht der Vollblutmaler Furore in der Reichshauptstadt.

Er heiratet die junge Malschülerin Charlotte Berend, und bald ist Lovis Corinth - zusammen mit Max Liebermann und Max Slevogt - das leuchtende Dreigestirn der preußischen Malerei. Der scharfzüngige Robert Walser, der damals - ohne jeden Schriftsteller-Erfolg - in Berlin lebte, beschrieb die Verhältnisse dort so:

"Der Künstler, den die Erfolge krönen, lebt in der Großstadt wie in einem bezaubernden Morgenland. Er schiebt sich von einem vornehmen Haus ins andere, er setzt sich an die üppigsten Esstische und macht kauend und süffelnd Unterhaltung. Wie im Rausch lebt er dahin. Und sein Talent? Lässt solch ein Künstler denn sein Talent liegen? Welche Frage! Im Gegenteil. Unbewusst erstarkt das Talent, wenn man drauflos lebt."

1911 auf der Höhe seines Ruhmes - soeben hat er sich als martialischen Ordensritter mit Hellebarde und Fahne schmissig gemalt - ereilt Corinth das Verhängnis: Ein schwerer Schlaganfall mit lang anhaltender halbseitiger Lähmung wirft ihn aus der Erfolgsschiene. Die körperliche Krise bringt die Kehrseite des scheinbar grenzenlos überschäumenden Bohemiens zum Vorschein: Die Palette wird trüber, immer aggressiver geht er die Leinwand an, doch die Dynamik des Malens wirkt nun wie Gegenwehr: Alles vibriert, scheint zu taumeln; die Motive verkanten sich schräg im Bild. Doch der Kraftmensch lenkt nicht ein:

"Ich möchte mich über einen Ausdruck verteidigen, den mir die Presse vorwarf: 'Virtuosität'! - Krankheiten, eine linksseitige Lähmung, wie ein ungeheures Zittern der rechten Hand, durch Anstrengung mit der Radiernadel verstärkt und durch frühe Exzesse von Alkohol hervorgerufen, verhinderten schon immer eine handwerkliche, kalligrafische Mache in meinen Arbeiten. Ein fortwährendes Streben, mein Ziel zu erreichen, hat mein Leben vergällt, jede Arbeit endet mit Depressionen, dieses Leben noch weiter führen zu müssen."

Nach anfänglichem Weltkriegs-Hurrah wandte sich der Patriot Corinth 1918 angewidert vom Blutvergießen dem Pazifismus zu. Ganz in der Obhut seiner Frau Charlotte, mied er die Großstadt, vergrub sich am fernen Walchensee, wo nun noch einmal ein Strom von ungeheuer lebensvollen, zugleich tief pessimistischen Landschaftsbildern entstand. Die Welt als schräge Ebene: eine überirdisch schöne, doch dem Untergang geweihte Schöpfung rutscht unaufhaltsam ins Verderben. Im gleichen Geiste - halb von Tod und Wahn gezeichnet, geisterhaft wie Widergänger - seine späten Porträts und Selbstbildnisse.

Lovis Corinth, der deutsche Solitär zwischen Impressionismus und Expressionismus, starb am 17. Juli 1925 in Amsterdam. Er hatte die Bilder seines Erziehers Rembrandt noch einmal sehen wollen.