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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.09.2008

Zwischen Fiktion und Wirklichkeit

Paul Auster: "Mann im Dunkel", Rowohlt Verlag 2008, 224 Seiten

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Schriftsteller Paul Auster (AP)
Schriftsteller Paul Auster (AP)

Brill liegt nachts wach im Bett. Er ist der Mann im Dunkel. Er liest im Manuskript seiner Tochter und denkt sich selbst Geschichten aus. Seine Figur heißt Owen Brick. Wie russische Matrjoschka-Puppen steckt der amerikanische Autor Paul Auster seine Figuren ineinander. Er jongliert mit Geschichten wie mit bunten Bällen. Der "Mann im Dunkel" ist ein wunderliches Buch über eine wunderliche Welt.

Paul Auster ist ein Erzähler, der seine Geschichten und seine Figuren ineinander steckt wie russische Matrjoschka-Puppen. Für seinen neuen Roman "Mann im Dunkel" erfindet der in Brooklyn lebende Autor den 72 Jahre alten verwitweten Literaturkritiker August Brill, der, nach einem Unfall pflegebedürftig geworden, zu seiner geschiedenen Tochter nach Vermont gezogen ist.

Dort hat auch die Enkelin, deren Geliebter im Irak auf grauenhafte Weise ums Leben kam, Zuflucht gefunden. Es ist ein Haus der Trauer, der Einsamkeit und des Schweigens. Die Tochter arbeitet an einem Buch über Rose Hawthorne, jüngstes Kind des Dichters Nathaniel Hawthorne, aus dem vor allem ein Satz hervorsticht und immer wieder zitiert wird:

"Die wunderliche Welt dreht sich weiter."

Brill liegt nachts wach im Bett. Er ist der Mann im Dunkel. Er liest im Manuskript der Tochter, vor allem aber denkt er sich Geschichten aus, um die Zeit zu überbrücken und vielleicht doch noch Schlaf zu finden. Seine Figur heißt Owen Brick, ein junger Mann, der in New York als Zauberer bei Kindergeburtstagen auftritt und so sein Geld verdient. Doch Brill verfolgt mit seinem ausgedachten Brick andere Ziele:

"Ich habe ihn in ein Loch gesteckt."

Das Loch ist drei Meter tief, hat glatte Wände, und zu seiner Überraschung trägt Brick die Uniform eines Corporals.

Der Beginn ist typisch für Paul Auster, dessen Romanfiguren stets in Situationen der Isolation und Einsamkeit stecken. Sie sind Laborraten, die er in den dunklen Käfig seiner Einfälle sperrt, um zu sehen, was dann mit ihnen passiert. Auster ist wie der junge Owen Brick selbst ein Zauberer, der mit Geschichten jongliert wie mit bunten Bällen. Doch zugleich führt er sein Handwerk demonstrativ vor: Er erklärt seine Tricks, will aber trotzdem, dass sie als Illusion funktionieren.

Während er Geschichten erzählt, erzählt er das Erzählen mit und macht permanent deutlich, dass alles nur ausgedacht ist. Dieses postmoderne Muster ist schon etwas abgenutzt, es war aber noch nie so deutlich wie in seinem neuen Roman. Auster erzeugt geschickt Spannung, doch kaum lässt man sich auf die Geschichte ein, wird sie vom Erzähler auch schon wieder beendet oder durch einen Hustenanfall unterbrochen, oder er redet mit der Enkelin seitenlang über Filme, die sie gemeinsam sehen. Das wirkt so als wolle Auster demonstrieren, dass er auch Langeweile produzieren kann.

Brill versetzt Brick aus seinem New Yorker Dasein abrupt in eine Parallelwelt, in ein Amerika, das seit dem Jahr 2000 durch Sezessionskriege zerrissen und zerstört wird. Immerhin: Die Türme des World Trade Center stehen noch. Die Föderalisten unter dem Präsidenten George W. Bush kämpfen gegen die Staaten im Nordosten und am Pazifik, die sich erhoben und für unabhängig erklärt haben. Die Städte liegen in Trümmern, es gibt nichts zu essen und keine Sicherheiten mehr. Der Irak-Krieg ist gewissermaßen ins Innere der USA verlegt und mit einer Szenerie vermischt, die an den Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 erinnert.

Brick bekommt nun den Auftrag, denjenigen umzubringen, der an allem schuld ist und mit dessen Tod der Krieg schlagartig beendet werden könnte: Es ist kein anderer als August Brill, der fiktive Autor, der sich die Kriegsgeschichte ausdenkt. Die Figuren erheben sich also gegen ihren Schöpfer - eine ganz besondere Volte, die Paul Auster sich da ausdenkt.

Aber Brick will nicht töten und versucht, seinen Auftraggebern zu entkommen. Doch die verfolgen ihn gnadenlos und lassen auch nicht von ihm ab, nachdem er in sein "wirkliches" Leben als Zauberer zurückversetzt wurde. Und bald bricht der Bürgerkrieg auch hier, in der "realen" Welt aus.

Auster spielt mit den Realitätsebenen, als wolle er zeigen, dass es gar keinen Unterschied gibt zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Der Krieg ist überall. Doch mehr noch gilt: Alles ist Literatur. Eine seiner Figuren zitiert Giordano Bruno, für den Gottes unendliche Allmacht sich in einer unendlichen Anzahl von Welten manifestiert.

"Es gibt viele Welten, und sie existieren alle nebeneinander, Welten und Antiwelten, Welten und Schattenwelten - jede von ihnen wird in einer anderen Welt erträumt oder phantasiert oder von jemandem aufgeschrieben. Jede Welt ist die Schöpfung eines Geistes."

Damit setzt sich der Autor gewissermaßen an die Stelle des göttlichen Schöpfers und heroisiert sich nach Kräften selbst. Auster lässt die fiktive Figur Brick des fiktiven Autors Brill sagen:

"Brill darf niemals aufgeben, denn er muss seine Geschichte weitererzählen, die Geschichte des Krieges in jener anderen Welt, die auch diese Welt ist, und er darf nicht zulassen, dass irgendjemand oder irgendetwas ihn davon abhält."

Bei so viel Verantwortung und Bedeutung ist es nicht verwunderlich, dass der Mord am Autor unausgeführt bleibt. Das war es wohl, was Austers Versuchsanordnung zu beweisen hatte: die Kostbarkeit und Unersetzlichkeit des Autors. Kurz darauf stirbt die Figur Owen Brick. Er hat seine Schuldigkeit getan. Eine Kugel fährt ihm ins rechte Auge und tritt am Hinterkopf wieder aus. Wenn aus Bricks Parallelwelten ein Roman hätte werden sollen, dann bleibt er auf halber Strecke stecken.

Die Geschichten, die folgen, sind nicht angenehmer und nicht weniger kriegerisch. Sie haben aber den Nachteil, dass es "wirkliche" Geschichten sind. Jetzt erzählt Brill seiner Enkelin von seiner Ehe, seiner Liebe und seiner Trauer, von der jüdischen Familie seiner Frau, grausige Geschichten vom Holocaust. Nun kann er dem, was ihn bedrängt und was ihn am Schlafen hindert, nicht länger ausweichen.

Auf das Geschichtenerfinden, das sich nun eher als Ausweichbewegung darstellt, folgt das Erzählen des erlebten Lebens, wie in einer therapeutischen Sitzung: Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten. Und dann erlaubt der Autor Paul Auster seinen gequälten Figuren doch noch einen Moment des Friedens.

So schrecklich ihre Erlebnisse auch anmuten, so traumatisierend der bestialische Tod des Geliebten im Irak für die Enkelin war - jetzt darf sie ein wenig Schlaf finden. Der alte Mann im Bett verstummt. Ein wunderliches Buch ist zu Ende. Und die wunderliche Welt dreht sich weiter.

Rezensiert von Jörg Magenau

Paul Auster: Mann im Dunkel. Roman
Aus dem Englischen von Werner Schmitz,
Rowohlt Verlag, Reinbek 2008, 220 Seiten, 17,90 Euro

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