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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.10.2013

Zwischen Begierde und Moral

Uwe Timm: "Vogelweide", Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013, 335 Seiten

Eine kleine Insel im Wattenmeer hat Timm als Schauplatz für seinen Roman gewählt.  (picture alliance / dpa Foto: perschfoto)
Eine kleine Insel im Wattenmeer hat Timm als Schauplatz für seinen Roman gewählt. (picture alliance / dpa Foto: perschfoto)

Es ist das Motiv der Wahlverwandtschaften, dem sich Uwe Timm in seinem Buch annimmt: Es geht um den altbekannten Konflikt zwischen Begierde und Moral. Der Autor versucht, seine Pärchenkonstellation fast schon altmodisch durchzudiskutieren, was den Roman ebenso sympathisch wie der Zeit entrückt macht.

Für seinen jüngsten Roman "Vogelweide" hat Uwe Timm einen aparten Schauplatz gewählt: die kleine Sandinsel Scharhörn, die im Wattenmeer in der Elbmündung liegt, unbewohnt, abgesehen von einer Vogelwarte. Romanheld ist der einsam lebende Vogelwart: Christian Eschenbach, der mit einer Software-Firma Bankrott gemacht und sich dann als freier Lektor für Reisebücher durchgebracht hat. Nun ist er aus der Stadt (Berlin) geflüchtet, um "eine längere Zeit allein zu sein".

Hinter Eschenbach liegen eine gescheiterte Ehe und zwei komplizierte, ebenfalls gescheiterte Beziehungen: zu der polnischen Silberschmiedin Selma, die sich mit gefälschtem Hopi-Schmuck ihr Leben verdient, und zu der verheirateten Kunstlehrerin Anna mit dem messingfarbenen Haarschopf und den glänzenden Augen. Während Eschenbach sechs Jahre nach dem katastrophalen Ende der Beziehung zu Anna den Besuch seiner Ex-Geliebten auf der Insel erwartet, rekapituliert Uwe Timm im Rückblick die Lebensstationen seines Helden.

Dabei tritt das Thema von Timms Roman allmählich in allen Facetten zu Tage: Es geht um den Konflikt zwischen Begierde und Moral und um die Frage, ob und wie sich das frei flottierende Begehren in der Ehe verstetigen lässt und wie man damit zurande kommt, dass sich der anarchische Eros mit einer bürgerlich eingehegten Liebespartnerschaft nicht verträgt. Es ist das Thema der "Wahlverwandtschaften", das Uwe Timm hier unter heutigen Bedingungen untersucht.

Wie bei Goethe geht es auch bei Timm um zwei befreundete Paare mittleren Alters, die auseinanderbrechen und sich wechselseitig, doch teilweise glücklos neu sortieren. Das Gefüge ihrer Beziehungen zueinander wird von Grund auf erschüttert. Auslöser und Anlass dafür ist die amour fou zwischen Eschenbach und Anna, der Ehefrau seines Freundes, des Architekten Ewald. "Sie waren von Sinnen", heißt es über diese Affäre, die für Eschenbach besonders schlimm endet.

Zu seinem beruflichen Fiasko kommt das private Desaster: Er verliert seine Firma, seinen Freund Ewald, seine Freundin und seine Geliebte. Annas Schuldgefühle über ihr gebrochenes Eheversprechen lassen sie ihre Affäre mit Eschenbach abrupt beenden und einen Neubeginn in Los Angeles suchen. Und Eschenbachs Freundin Selma verlässt ihn und läuft zu Ewald über.

Uwe Timm sucht diese Konstellation mit fast altmodisch anmutender, moralischer Ernsthaftigkeit durchzudiskutieren, so, als gelte heute noch die Ehemoral der Romane Tolstojs, Flauberts oder Fontanes. Eine greise Meinungsforscherin mit Nazi-Vergangenheit, hier nur "die Norne" genannt, doch deutlich nach Elisabeth Noelle-Neumann modelliert, will das Glücksverlangen und das erotische Begehren berechenbar machen, was allen frivolen Internet-Partner-Börsen zum Trotz gründlich misslingt.

Die platonische Idee von der Selbstverpflichtung im Leben, in der Liebe unsere andere Hälfte zu finden, grundiert diesen Roman auf ebenso sympathische wie etwas zeitgeist-entrückte Weise.

Rezensiert von Sigrid Löffler

Uwe Timm: "Vogelweide"
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013
335 Seiten, 19,99 Euro

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