Zwischen Angst und Verdrängung: Wie sollen wir mit Terrorwarnungen umgehen?
"Es gibt Grund zur Sorge, aber keinen Grund zur Hysterie." Mit diesem Satz begründete Bundesinnenminister Thomas de Maizière am 17.11.2010 die Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen. Was bedeutet der sybillinische Satz des Innenministers für die Bürger?
"Es gibt Grund zur Sorge, aber keinen Grund zur Hysterie."
Mit diesem Satz begründete Bundesinnenminister Thomas de Maizière am 17.11.2010 die Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen. Seither patrouillieren hoch gerüstete Polizisten auf Bahnhöfen, Flughäfen und an markanten Plätzen, an Grenzen wird strenger kontrolliert, die Kuppel des Reichstags in Berlin bleibt auf unabsehbare Zeit gesperrt. Dies sind nur die sichtbaren Vorkehrungen, hinzu kommen Forderungen nach verschärften Sicherheitsgesetzen wie der Vorratsdatenspeicherung.
Nur was bedeutet der sybillinische Satz des Innenministers für die Bürger? Wie ernst nehmen sie ihn – gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit mit Shoppingwahn, Weihnachtsmarktgedrängel, Reiseboom?
"Menschen überschätzen Risiken sehr stark, wenn Ereignisse selten eintreten, dann aber mit erheblichen belastenden Konsequenzen verknüpft sind","
sagt der Psychologe Thomas Kliche vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
""Da diese Ereignisse medial sehr sichtbar sind, wirken sie als Angstsammler, die alle vorhandenen irrationalen Ängste an sich binden."
So hätten sich die Bilder des 11.September 2001 in die gesellschaftliche Erinnerung eingebrannt.
"Das war das Schlüsselerlebnis, weil es allen Industriestaaten ihre Verwundbarkeit klargemacht hat. Es ist ein greifbares Ereignis, das von den Medien in Erinnerung gehalten und immer wieder wiederholt wird."
Der Politik-Psychologe erforscht auch den Zusammenhang zwischen diesen diffusen gesellschaftlichen Ängsten und der verstärkten staatlichen Machtpräsenz, zum Beispiel in Form von Polizeikontrollen.
"Politiker verkaufen Sicherheit, sie ist ein wichtiges Produkt von Politik. Sie signalisiert: Unsere Zukunft ist gesichert. Gerade, wenn Menschen sich bedroht fühlen, stimmen sie Sicherheitsmaßnahmen eher zu, sie suchen nach Sicherheit, auch, wenn dies eine illusionäre Sicherheit ist. Sie ist eine Art Placebo-Medikament."
Wie groß ist die aktuelle Gefahr eines islamistischen Anschlags?
Diese Frage beschäftigt auch den Journalisten und ARD-Terrorismus-Experten Holger Schmidt.
"Objektiv muss man sagen, dass die Gefahr konkreter ist als vor einem Jahr zu Zeiten der Bundestagswahl."
Über die Internetpropaganda und Aufrufe hinaus gebe es jetzt auch konkrete Planungen. "Nichtsdestotrotz ist das Szenario furchtbar abstrakt." Niemand könne derzeit Genaues sagen.
"Islamistische Terroristen haben keine Planungstreue, die so konkret wäre, dass sie sagen, `wenn wir bis zum 30. November keinen Krach gemacht haben, geben wir auf`. Sondern sie sagen eher: ´Allah hat mir eine Aufgabe gegeben, und wenn ich sie nicht gleich erfülle, dann später. Ich habe die Zeit auf meiner Seite."
Der Terrorismus-Experte hält die aktuellen die Sicherheitsmaßnahmen des Innenministers für gerechtfertigt
"Was ist denn die Alternative? Wenn er alles für sich behält und etwas passiert, wird das Geheule übergroß sein. Und bei einer solch relativ konkreten Situation und Planung finde ich es vernünftiger. Wir müssen uns eher die Frage stellen: Sind wir bereit, in der Form mitzugehen oder wollen wir weiter in dieser apokalyptischen Art und Weise reagieren? Ich persönlich werde mich nicht einschränken lassen. Ich gehe auf den Weihnachtsmarkt und in die Bahn. Das ist so abstrakt, wie ein Flugzeugabsturz. Deswegen ändern wir auch nicht unser Verhalten. Diese Verhaltensänderung soll aber bei uns erfolgen, und das sehe ich nicht ein."
"Zwischen Angst und Verdrängung – Wie sollen wir mit den Terrorwarnungen umgehen?"
Darüber diskutiert Dieter Kassel heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr mit Thomas Kliche und Holger Schmidt. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 00800 / 2254 2254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.
Informationen im Internet:
Über Holger Schmidt: http://www.swr.de/blog/terrorismus/
Mit diesem Satz begründete Bundesinnenminister Thomas de Maizière am 17.11.2010 die Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen. Seither patrouillieren hoch gerüstete Polizisten auf Bahnhöfen, Flughäfen und an markanten Plätzen, an Grenzen wird strenger kontrolliert, die Kuppel des Reichstags in Berlin bleibt auf unabsehbare Zeit gesperrt. Dies sind nur die sichtbaren Vorkehrungen, hinzu kommen Forderungen nach verschärften Sicherheitsgesetzen wie der Vorratsdatenspeicherung.
Nur was bedeutet der sybillinische Satz des Innenministers für die Bürger? Wie ernst nehmen sie ihn – gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit mit Shoppingwahn, Weihnachtsmarktgedrängel, Reiseboom?
"Menschen überschätzen Risiken sehr stark, wenn Ereignisse selten eintreten, dann aber mit erheblichen belastenden Konsequenzen verknüpft sind","
sagt der Psychologe Thomas Kliche vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
""Da diese Ereignisse medial sehr sichtbar sind, wirken sie als Angstsammler, die alle vorhandenen irrationalen Ängste an sich binden."
So hätten sich die Bilder des 11.September 2001 in die gesellschaftliche Erinnerung eingebrannt.
"Das war das Schlüsselerlebnis, weil es allen Industriestaaten ihre Verwundbarkeit klargemacht hat. Es ist ein greifbares Ereignis, das von den Medien in Erinnerung gehalten und immer wieder wiederholt wird."
Der Politik-Psychologe erforscht auch den Zusammenhang zwischen diesen diffusen gesellschaftlichen Ängsten und der verstärkten staatlichen Machtpräsenz, zum Beispiel in Form von Polizeikontrollen.
"Politiker verkaufen Sicherheit, sie ist ein wichtiges Produkt von Politik. Sie signalisiert: Unsere Zukunft ist gesichert. Gerade, wenn Menschen sich bedroht fühlen, stimmen sie Sicherheitsmaßnahmen eher zu, sie suchen nach Sicherheit, auch, wenn dies eine illusionäre Sicherheit ist. Sie ist eine Art Placebo-Medikament."
Wie groß ist die aktuelle Gefahr eines islamistischen Anschlags?
Diese Frage beschäftigt auch den Journalisten und ARD-Terrorismus-Experten Holger Schmidt.
"Objektiv muss man sagen, dass die Gefahr konkreter ist als vor einem Jahr zu Zeiten der Bundestagswahl."
Über die Internetpropaganda und Aufrufe hinaus gebe es jetzt auch konkrete Planungen. "Nichtsdestotrotz ist das Szenario furchtbar abstrakt." Niemand könne derzeit Genaues sagen.
"Islamistische Terroristen haben keine Planungstreue, die so konkret wäre, dass sie sagen, `wenn wir bis zum 30. November keinen Krach gemacht haben, geben wir auf`. Sondern sie sagen eher: ´Allah hat mir eine Aufgabe gegeben, und wenn ich sie nicht gleich erfülle, dann später. Ich habe die Zeit auf meiner Seite."
Der Terrorismus-Experte hält die aktuellen die Sicherheitsmaßnahmen des Innenministers für gerechtfertigt
"Was ist denn die Alternative? Wenn er alles für sich behält und etwas passiert, wird das Geheule übergroß sein. Und bei einer solch relativ konkreten Situation und Planung finde ich es vernünftiger. Wir müssen uns eher die Frage stellen: Sind wir bereit, in der Form mitzugehen oder wollen wir weiter in dieser apokalyptischen Art und Weise reagieren? Ich persönlich werde mich nicht einschränken lassen. Ich gehe auf den Weihnachtsmarkt und in die Bahn. Das ist so abstrakt, wie ein Flugzeugabsturz. Deswegen ändern wir auch nicht unser Verhalten. Diese Verhaltensänderung soll aber bei uns erfolgen, und das sehe ich nicht ein."
"Zwischen Angst und Verdrängung – Wie sollen wir mit den Terrorwarnungen umgehen?"
Darüber diskutiert Dieter Kassel heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr mit Thomas Kliche und Holger Schmidt. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 00800 / 2254 2254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.
Informationen im Internet:
Über Holger Schmidt: http://www.swr.de/blog/terrorismus/

Ins kollektive Gedächtnis eingebrannt: Bilder des Anschlags auf das World Trade Center am 11. September 2001© AP
