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Besser essen | Beitrag vom 08.02.2019

Zwickmühle FischkonsumDas Geschäft machen andere

Von Udo Pollmer

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Eine Aquakultur-Farm in China  (imago/Xinhua)
Eine Aquakultur-Farm in China. (imago/Xinhua)

Die Aquakultur ist eine Alternative zum traditionellen Fischfang geworden. Aber auch die wird von Umweltschützern abgelehnt, weil sie die Umwelt verändert. Derweil reiben sich andere die Hände beim Geschäft mit dem Fisch, meint Udo Pollmer.

Deutschlands Fischer bekamen von der EU im vergangenem Dezember neue Quoten für Nordsee und Nordost-Atlantik zugewiesen: Die bisherigen Fänge wurden drastisch reduziert, vor allem von Hering und Kabeljau. Dabei lagen sie im Vergleich zu anderen Staaten bereits ziemlich niedrig. Aus Sicht unserer Umweltschützer sind die Kürzungen immer noch unzureichend. Während sich die Deutschen wie gewohnt an die Vorschriften halten, kümmert manchen Nachbarn die Vereinbarung herzlich wenig. Dänemark beispielsweise wird von der EU vorgeworfen, große Mengen illegal anzulanden.

Aquakultur als Alternative

Als Alternative gibt es zum Glück die Aquakultur, die heute weltweit bereits genauso viel Fisch und Meeresfrüchte liefert wie der Fischfang. Doch auch diese wird von Umweltschützern abgelehnt, weil sie die Umwelt verändert, zum Beispiel wenn ganze Fjorde mit Netzen abgetrennt werden, um Lachse zu mästen. Was sollen wir dann noch essen? Schließlich fordert die Ernährungspropaganda den Fischkonsum auf, ein bis zwei Mal pro Woche zu steigern. Der World Wildlife Fund (WWF), der die Quoten als unzureichend kritisiert, empfiehlt den Verbrauchern "stärker auf regionale Fischarten wie Hering und Kabeljau aus der Nordsee zu setzen". Hier beißen sich Katze und Hering beherzt in den eigenen Schwanz.

Portugal ist Spitzenreiter

Der Fischkonsum stagniert in Deutschland seit Jahren und bewegt sich um die 14 Kilogramm pro Kopf. Weltweit – also einschließlich der ärmsten Länder - liegt der Verbrauch im Schnitt deutlich höher: bei stolzen 20 Kilogramm. Umweltschützer fokussieren ihre Schlechtes-Gewissen-Kampagnen aber lieber auf Zielgruppen, die sich ergiebiger melken lassen.

Zum Vergleich: In der EU ist Portugal mit 57 Kilogramm Spitzenreiter; Island liegt bei mehr als 90 Kilogramm, der Chinese verzehrt mehr als dreimal so viel Fisch wie der Deutsche. Da wir selbst immer weniger fangen dürfen, beliefern uns andere. Die Ware stammt sowohl aus illegaler Fischerei, als auch aus fernöstlichen Aquakulturen. Inzwischen muss die EU 75 Prozent aller Fischprodukte importieren – Tendenz steigend. Jetzt machen Pfiffigere das Geschäft – nach ihren Regeln.

Milchviehhalter als Gewinner der Krise

Der Eiweißkonsum des Menschen bleibt im Prinzip gleich – dabei spielt die Wertigkeit des Proteins eine wichtige Rolle. So lässt sich Käse oder Fisch nicht durch Soja oder Weizenkleber ersetzen, wohl aber durch Ei oder Wurst. Sinkt der Fleischkonsum, steigt der Verbrauch von Eiern, Lachs, Shrimps oder Käse. Wenn möglich bleibt der Kunde bei der gewohnten Tierart, weil sein Körper das Eiweiß erkennt. So geschehen während der BSE-Krise. Nicht die Schweinemäster waren die Gewinner der Krise, sondern die Milchviehhalter. Rindfleisch wurde durch Käse ersetzt. Kampagnen gegen Fleisch, Fisch, Shrimps oder was auch immer helfen nicht weiter. Wir brauchen gleichwertigen Ersatz.

Dabei zeigt die Aquakultur erhebliche Fortschritte: Bekamen einst die begehrten Raubfische vor allem Fischmehl und Federmehl zu fressen, so gelang es inzwischen, selbst Lachse an mehr pflanzliche Kost zu gewöhnen. Reinen Pflanzenfressern wie Tilapien wird wiederum Hühnermist serviert. Der Dünger landet also nicht mehr auf dem Feld, um Futter anzubauen, sondern gleich im Fischbassin. Hier ist Ökologie großgeschrieben.

Bedrohte Aaale

Leider zeitigt die Aquakultur auch Auswüchse: In Europa werden junge Glasaale in Massen illegal gefangen und in Asien schlachtreif gemästet. Das Problem: Aale vermehren sich nicht in Gefangenschaft, müssen also Gewässern entnommen werden. Der illegale Handel blüht, ein Ende ist nicht absehbar, der Preis der Brut hat bereits den von Silber erreicht. Früher gab‘s in unseren Flüssen so viele Glasaale, dass damit die Felder gedüngt und die Hühner gefüttert wurden, heute ist die Art bedroht. Der Gründe sind viele, beispielsweise die Wasserkraftanlagen, ihre Turbinen schreddern die Aale. Nun wird auch noch die Brut skrupellos abgefischt.

Der Hunger in Asien nach dem sündteuren Aal zeigt, dass Konsum abhängig ist vom Wohlstand und von dem, was unser Körper über seinen Appetit per innerer Steuerung einfordert. Die sogenannte Vernunft hat hier nicht viel zu melden. Mahlzeit! 

Literatur: Keckl G: Klargelegt: Vom Acker auf zum Fisch. dlz agrarmagazin September 2014; Seite 10
Jungbluth V, Stein F: Geldmaschine Aal. Du und das Tier 2018; H.4:
Pollmer U: Glatt erwischt: Der gefährliche Weg des Aals und die schwierige Suche nach alternativen Routen. Deutschlandradio,
Mahlzeit vom 7. September 2013
Sprendel B: Fischkonsum erfüllt Greenpeace mit Sorge.
Europäische Kommission: Der EU-Fischmarkt, Ausgabe 2018, EUMOFA 2018
Anon: FAO-Bericht zum Fischkonsum: Immer mehr Fische kommen auf den Teller. Bayerischer Rundfunk vom 10. Juli 2018
Pollmer U: Aquakultur: Futter auf Tauchgang. Deutschlandradio Kultur, Mahlzeit vom 3. Mai 2009

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