Zweirad-Initiativen in Niedersachsen

    Mehr Lastenräder braucht das Land

    06:54 Minuten
    In der Stadt Oldenburg kann man bereits Lastenräder ausleihen.
    In der Stadt Oldenburg kann man bereits Lastenräder ausleihen. © picture alliance / Sina Schuldt
    Von Dietrich Mohaupt · 01.07.2021
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    Ein Lastenrad kann für Gewerbetreibende eine interessante Alternative zum Auto sein. In der Nordwestregion rund um Oldenburg unterstützt die Verwaltung Firmen beim Umstieg aufs Zweirad. Denn so ein Lastenrad, zumal mit E-Motor, ist nicht ganz günstig.
    Martin Hussmann ist beeindruckt von dem wuchtigen Lastenrad. Deutlich über zwei Meter lang, eine große Metallbox direkt vor dem Lenker montiert, davor ein eher zierlich wirkendes Vorderrad.
    Sieht gut aus, meint der Geschäftsführer eines Autohauses, der das Rad vor allem als Angebot an die Kunden seiner Autowerkstatt in der Gemeinde Rastede im Landkreis Ammerland sieht.
    "Wir haben keine Bushaltestelle vor Ort, sind ein bisschen außerhalb von Rastede im Gewerbegebiet, aber auch nur zehn Minuten mit dem Fahrrad. Wir haben viele Gewerbekunden. Und wenn jetzt ein Kunde sein Auto in die Werkstatt bringt, könnte er dann mit diesem Fahrrad wieder in die Ortschaft Rastede fahren."

    Mit dem Rad durch die Natur zum Zweigbetrieb

    Oder der Chef schwingt sich einfach auch mal selbst aufs Rad.
    "Wir haben ja zwei Betriebe. Der eine ist in Wiefelstede in der Hauptstraße, der andere in Rastede in der Königstraße. Das sind, wenn man hinten die Schleichwege fährt, so fünf bis sechs Kilometer. Dafür nehme ich auch immer noch mein Auto, weil ich auch Bürosachen transportieren muss. Wenn ich jetzt allerdings dieses Fahrrad sehe, kann man einfach mit dem Fahrrad mal schnell hintenrum durch die Natur zu dem Zweigbetrieb fahren. Auch das ist eine Überlegung wert!"
    Jetzt steht aber erst mal eine Probefahrt auf dem Programm. Etwas Übung mit dem wegen seiner Länge doch recht gewöhnungsbedürftigen Lastenrad kann sicher nicht schaden.
    "Dieser unheimlich große Koffer vor dem Lenker ist auf jeden Fall ein Alleinstellungsmerkmal. Ich habe gerade gehört, man kann da 125 Kilo rein laden, was ja schon richtig viel ist. Ich bin auf die Lenkung gespannt, weil die Lenkung relativ weit vorne ist, nicht so typisch wie beim Fahrrad direkt am Lenker."

    Ein Elektro-Lastenrad ist nicht ganz günstig

    Und dann geht es auch schon los, auf den ersten Metern zugegeben etwas unsicher in leichten Schlangenlinien.
    "Ah, das ist halt die Lenkung, von der ich gesprochen habe. Wenn man erst mal fährt, dann klappt das Ganze. Man muss sich ein bisschen dran gewöhnen."
    Martin Hussmann dreht mit zunehmender Begeisterung noch ein paar Proberunden auf dem zugegeben nicht ganz preiswerten Fahrrad. Immerhin ein mittlerer vierstelliger Betrag ist für ein solches Rad bei einem niederländischen Hersteller fällig. Da braucht es schon ein bisschen Anschubhilfe, erläutert die Geschäftsführerin der Metropolregion Nordwest, Anna Meincke:
    "Dafür haben wir ein Förderprogramm aufgelegt, sodass jeder Landkreis mit einer Förderquote von 80 Prozent so ein Rad erwerben kann und dann eben als Leihaktion zur Verfügung stellt. Und in diesem Fall, im Landkreis Ammerland, wird es an Unternehmen und Gewerbetreibende verliehen, das ist aber vollkommen offen. Andere Landkreise versuchen selbst, eine Lastenradinitiative aufzubauen – dort können das Rad auch Familien ausleihen oder Privatpersonen."
    Und einige Landkreise planen auch schon die Anschaffung solcher Räder für den Eigenbedarf, für den Bauhof zum Beispiel oder für die Tourismusverwaltung.

    Lastenrad-Initiativen in der Metropolregion Nordwest

    Bei der Auflage des bis 2023 laufenden Förderprogramms habe man ganz besonders auf einen vernünftigen Elektroantrieb für die Fahrräder geachtet. Auf dem gar nicht immer so flachen Land seien schließlich oft deutlich größere Distanzen zurückzulegen als in den Städten, in denen ganz normale und auch E-Lastenräder schon recht häufig anzutreffen seien.
    "Deswegen müssen all diese Fahrräder eine Unterstützung haben, also motorisierte Unterstützung bis 25 km/h. Dieses Fahrrad hat eine Zulast von 125 Kilo. Also dann ist man sehr sportlich unterwegs, aber wenn man nicht völlig verschwitzt irgendwo ankommen möchte, braucht man diese Unterstützung. Das war uns wichtig, gerade für den ländlichen Bereich."
    Spätestens nach den Sommerferien soll es in allen zur Metropolregion Nordwest gehörenden Landkreisen und kreisfreien Städten eigene Lastenrad-Initiativen geben – so das ehrgeizige Ziel. Parallel wolle man über weitere Förderprogramme den Ausbau der Fahrrad-Infrastruktur in der gesamten Region beschleunigen, erzählt Anna Meincke.
    Eine regionale Machbarkeitsstudie soll Wege aufzeigen, wie sich das Radwegenetz zwischen den Zentren Bremen, Delmenhorst und Oldenburg optimieren lasse. Im Fokus stehe dabei nicht unbedingt immer der Bau breiter und teurer Rad-Schnellwege.
    "Man muss wissen, dass man in ländlichen Regionen vielleicht gar nicht diese großen, breiten Fahrrad-Schnellwege braucht – das sind ja 3,5-Meter-Bahnen, quasi Autobahnen! Bis das Ganze dann irgendwann umgesetzt ist, vergehen ja dann auch in Deutschland mal zehn bis 15 Jahre. So viel Zeit haben wir gar nicht, sodass wir zum Beispiel ein Projekt im Landkreis Osnabrück fördern, wo wir schauen, ob es einen Mittelweg gibt zwischen einem normalen Fahrradweg und diesem Schnellweg."

    Einsatz im ländlichen Bereich

    Martin Hussmann hat inzwischen seine Proberunden beendet und widmet sich gerade intensiv einigen Details am Fahrrad.
    "Wir haben jetzt mal den Kofferraum geöffnet, und der ist schon wirklich riesig. Hat Gasdruckdämpfer, sprich der Deckel geht allein auf, bleibt oben – sieht sehr geräumig aus da drin."
    Interessiert hat auch der Landrat des Landkreises Ammerland, Jörg Bensberg, zugehört. Das E-Lastenfahrrad könne eine echte Erfolgsgeschichte in den ländlichen Bereichen werden, glaubt er. Allerdings sei das am Ende immer eine ganz individuelle Entscheidung.
    "Also, ich maße mir nicht an, wenn es junge Hunde regnet, anderen vorzuschreiben, sie mögen doch das Fahrrad nehmen und aufs Auto verzichten. Das würde ich selber, glaube ich, auch nicht machen. Aber generell ist gerade der Menschenschlag hier in der Region daran gewöhnt, auch bei nicht ganz so optimalen Rahmenbedingungen mit dem Fahrrad unterwegs zu sein. Ich habe da keine Bedenken, dass das Wetter uns nachhaltig negativ da beeinflussen wird."
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