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Fazit | Beitrag vom 18.01.2020

Zweimal Tschechows "Iwanow"In Bochum mit, in Hamburg ohne Humor

Christoph Ohrem und Michael Laages im Gespräch mit Eckhard Roelcke

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Szenenfoto Bochum: Jens Harzer als Iwanow sitzt auf einem Stuhl und blickt durch eine Stuhlreihe hindurch. (Monika Rittershaus)
In Bochum hat Johan Simons, der Intendant des Schauspielhauses Bochum, Regie geführt - mit Jens Harzer in der Titelpartie. (Monika Rittershaus)

Karin Beier und Rita Thiele konzentrieren sich in ihrer Hamburger Inszenierung von Tschechows "Iwanow" auf die Selbstzerfleischung des Titelhelden, während Johan Simons in seiner Bochumer Version Melancholie und andere Aspekte humorvoll auf die Bühne bringt.

Iwanow ist ein russischer Gutsbesitzer und adliger Akademiker. Er hat viele Reformideen, ist aber pleite und fertig mit den Nerven und seinen Mitmenschen. Er ist, wenn man so will, ein Anti-Held. "Iwanow" war Tschechows erstes abendfüllendes Drama. 1887 wurde es in Moskau uraufgeführt und am Abend hatte es gleich in zwei Städten Premiere: in Hamburg und Bochum.

In der Hansestadt hat Karin Beier, die Intendantin des Deutschen Schauspielhauses Hamburg, das Drama inszeniert - mit Devid Striesow in der Titelrolle. In der Ruhrstadt hat Johan Simons, der Intendant des Schauspielhauses Bochum, Regie geführt - mit Jens Harzer in der Titelpartie.

Hamburg: Psychopathologie des Verlierers

Unser Kritiker Christoph Ohrem war in Bochum keine Minute gelangweilt, wie er berichtet. "Ein großartig eingestelltes Ensemble mit einem charismatisch verhuschten Jens Harzer in der Titelrolle" hätten die vier Stunden Spielzeit nicht langweilig werden lassen, auch beim Publikum seien die Langsamkeit und Stille des Stücks gut angekommen.

Szenenfoto Hamburg: Eine Braut, ein Bräutigam und ein weiterer Mann. (Arno Declair)In Hamburg hat Karin Beier, die Intendantin des Deutschen Schauspielhauses Hamburg, das Drama inszeniert - mit Devid Striesow in der Titelrolle. (Arno Declair)

Rezensent Michael Laages in Hamburg indes freut sich, dass der Abend kompakt und - mit einer Länge von nur drei Stunden - kürzer war. Für ihn ging es bei dieser Inszenierung um die "Psychopathologie des Verlierers": Karin Beier habe sich ganz auf den Seelenzustand des Titelhelden konzentriert – und die übrigen Figuren "um diesen unentwegt um sich selbst kreisenden Verlierer" gruppiert. Das Stück kommt ganz ohne Bühnenbild aus, wie Laages berichtet.

Bochum: Nicht langweilige Darstellung von Langeweile

Während es also in Hamburg um die radikale, humorlose Selbstzerfleischung des Protagonisten gehe, würden in Bochum zusätzlich verschiedene Aspekte - wie etwa Melancholie - mit sehr viel Humor aufbereitet. Auch werde hier mit einem Bühnenbild von Johannes Schütz gearbeitet: Ein aus kupfernen Streben bestehender Quader, der ein Haus mit durchsichtigen Wänden darstellen soll, drum herum tote Baumstämme und Iwanow im Zentrum des Geschehens.

Szenenfoto Bochum: Mehrere Menschen stehen in einer Reihe nebeneinander. (Monika Rittershaus)In Bochum schauen die Figuren auf der Bühne sich selbst beim Spielen zu. Dadurch wird eine Spannung und Energie erzeugt, die bis ins Publikum hinein reicht. (Monika Rittershaus)

Dieser sitze wie gefesselt auf einem Stuhl, finde keine wirkliche Haltung und werde von innen zerfressen. In Bochum werde Langeweile dargestellt, ohne langweilig zu sein, sagt Ohrem: Dadurch "dass die Figuren auf der Bühne sich selbst beim Spielen zuschauen und auch miteinander interagieren, auch nonverbal", werde die ganze Zeit eine Spannung und Energie auf der Bühne erzeugt, die bis ins Publikum hinein reiche.

Hamburger Inszenierung bricht auf Gegenwart runter

Humor kann Laages in der Hamburger Inszenierung aber nicht erkennen. Auch wenn Tschechows Sprache eine ironische Melancholie transportieren möge, sagt Laages, so hätten sich Rita Thiele und Karin Beier dafür entschieden, das innere Ausgehöhlt-Sein und Nicht-Wissen darzustellen – also "wie man sich selbst in dieser Welt, wie sie ist, zu positionieren hat, um zu überleben und um eventuell auch anderen das Überleben zu ermöglichen. Sie brechen das ziemlich direkt auf die Gegenwart herunter."

Szenenfoto Hamburg: Drei Männer, zwei Frauen. Eine Frau sitzt auf dem Boden, ein Mann sitzt auf einer Bank, Eine Frau sitzt auf einem Stuhl, ein Mann steht hinter dieser Frau. Und ganz im Hintergrund liegt ein Mann und blickt zu den übrigen Schauspielerinnen und Schauspielern. (Arno Declair)Die Hamburger Inszenierung bricht Tschechows Stoff auf die heutige Gesellschaft herunter. (Arno Declair)

Iwanow
von Anton Tschechow
Fassung von Karin Beier und Rita Thiele
Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Iwanow
von Anton Tschechow
Regie: Johan Simons
Schauspielhaus Bochum

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