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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.05.2011

Zwei Informationen reichen für ein Profil

Astrid Auer-Reinsdorff u.a.: "Vom Datum zum Dossier. Wie der Mensch mit seinen schutzlosen Daten in der Informationsgesellschaft ferngesteuert werden kann"

Von Jörg Schieb

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Internetbenutzer merken nicht, welche Daten gesammelt werden. (Stock.XCHNG / Steve Woods)
Internetbenutzer merken nicht, welche Daten gesammelt werden. (Stock.XCHNG / Steve Woods)

Das Autorentrio versucht zu zeigen, welche Gefahr darin steckt, wenn viele für sich betrachtet unwichtige Informationen zusammengefügt werden - geschickt miteinander kombiniert, entsteht ein Profil, das oft selbst die Betroffenen überrascht.

"Locationgate" beim Apple iPhone, über 100 Millionen geklaute Kundendatensätze bei Sony, Navihersteller verkauft Bewegungsprofile seiner Kundschaft: Die Skandale der jüngsten Zeit machen überdeutlich, wie wichtig Datenschutz eigentlich ist. Computerbenutzer haben immer mehr die Sorge, zum gläsernen User zu werden.

Was sich hinter dem eher abstrakten Begriff Datenschutz konkret verbirgt, wie die aktuelle Gesetzeslage aussieht, welche Möglichkeiten mit der modernen Datenverarbeitung möglich sind – das weiß allerdings kaum jemand. Das Buch von Auer-Reinsdorff, Jakobs und Lepperhoff will aufklären – und konkrete Hilfen geben.

Eine einzelne Information kann wichtig und nützlich sein, zwei oder mehr Informationen erlauben bereits das Anfertigen eines Profils. Je mehr Informationen über eine Person verfügbar sind, desto klarer und präziser wird das Profil. So lautet das Credo des Autorentrios, das in dem neuesten Werk "Vom Datum zum Dossier" aufzuzeigen versucht, welche Gefahr darin steckt, wenn viele für sich betrachtet unwichtige Informationen zusammengefügt werden. Denn geschickt miteinander kombiniert, entsteht ein Dossier, ein Profil, das oft selbst die Betroffenen selbst überrascht.

Moderne Computertechnologie erlaubt heute die Verarbeitung schier unvorstellbarer Datenmengen in kürzester Zeit. Werbeindustrie und Onlinedienste nutzen die sich bietenden Möglichkeiten längst, um mehr über ihre Nutzer zu erfahren. Wo befindet sich eine Person gerade, welche Interessen und Hobbys hat sie, wonach wurde in jüngster Zeit gesucht, welchen Beziehungsstatus hat die Person? Je mehr bekannt ist, umso besser. Das Ziel: immer präziser zugeschnittene Werbung, die allein schon deshalb besser funktioniert, weil die optimal sie Interessen der Rezipienten berücksichtigt.

Der normale Internetbenutzer, der Bürger merkt von all dem nichts – die Fäden werden im Hintergrund zusammengehalten und neu verflochten. Deshalb ist es wichtig, sich Gedanken zu machen, wie Datenschutz konkret aussehen sollte, um Datenmissbrauch vorzubeugen. "Gedanklich leben wir noch im Papierzeitalter", warnen die Autoren, dabei erlauben moderne Technologien heute Dinge, die sich viele nicht mal vorstellen können. Es ist an der Zeit, den Werterahmen neu zu justieren und alle, die im großen Stil Daten verarbeiten, zu einer gewissen Zurückhaltung zu verpflichten. Denn die Erfahrung zeigt: Was möglich ist, das wird auch gemacht – in der Industrie, aber auch in staatlichen Institutionen.

Eine der Hauptforderungen: Jeder sollte selbst entscheiden können, wer was über ihn weiß. Genau daran mangelt es derzeit. Vor allem in den sozialen Netzwerken ist es schwierig, Kontrolle über die eigenen Daten zu behalten. In größeren Onlinediensten wie von Google oder Yahoo sieht es nicht besser aus, wenn man diverse Dienste regelmäßig benutzt. Transparenz für den Benutzer? Fehlanzeige. Nur wenn die User mehr Transparenz fordern und die rechtlichen Rahmenbedingungen stimmen, werden sich große Anbieter, erst recht aus den USA dazu bewegen lassen, dem Einzelnen mehr Gestaltungsmöglichkeiten an die Hand zu geben.

Die Autoren erklären verständlich, wie die aktuellen rechtlichen Rahmenbedingungen aussehen, welche Möglichkeiten moderne Datenverarbeitung heute bietet und welche Risiken damit verbunden sind. Dabei werden auch Themen nicht ausgespart, die in den regulären Medien kaum zur Sprache kommen, etwa das SWIFT-Abkommen, das regelt, welche Informationen über den weltweiten Datenverkehr von Behörden ausgewertet werden dürfen. Der Leser bekommt aber auch konkrete Hilfen an die Hand, etwa, mit welchen Informationen er freizügiger sein darf und welche sparsam Onlinediensten anvertraut werden sollten – und warum. Stichwort: Datensparsamkeit.

Auch einen Ausblick, wohin die Reise geht, welche Möglichkeiten in Zukunft genutzt werden könnten, ist Thema des Buches. Die Autoren verschaffen einen guten Überblick über die aktuelle Situation, das Ganze in verständlicher Sprache geschrieben, wenn auch nicht besonders packend oder unterhaltsam, sondern eher nüchtern. Sie schärfen den Blick und fordern den Leser auf, eine eigene Haltung zum Thema Datenschutz zu entwickeln.

Besprochen von Jörg Schieb

Astrid Auer-Reinsdorff, Joachim Jakobs, Niels Lepperhoff: Vom Datum zum Dossier. Wie der Mensch mit seinen schutzlosen Daten in der Informationsgesellschaft ferngesteuert werden kann
dpunkt.verlag, Heidelberg 2011
170 Seiten, 16,90 Euro

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