Seit 11:05 Uhr Deutschlandrundfahrt

Sonntag, 17.02.2019
 
Seit 11:05 Uhr Deutschlandrundfahrt

Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.05.2012

Zwei Herzen, die eins sind, reißen Gebirge nieder

Neu im Kino: "Sharayet – Eine Liebe in Teheran" - ein Außenseiter-Hit von Regisseurin Maryam Keshavarz

Von Hans-Ulrich Pönack

Podcast abonnieren
Sarah Kazemy als Shireen Arshadi in "Sharayet - Eine Liebe in Teheran" (picture alliance / dpa)
Sarah Kazemy als Shireen Arshadi in "Sharayet - Eine Liebe in Teheran" (picture alliance / dpa)

Im vergangenen Jahr auf dem renommierten "Sundance Festival" gewann "Sharayet – Eine Liebe in Teheran" den Publikumspreis: ein prächtiger und kluger Unterhaltungsfilm.

Du bist jung, voller Elan, hast auch musikalisches Fieber im Blut, willst leben, willst Dich ausprobieren, willst Dein Leben genießen. Das Motto: Wir sind jung, also geben wir Gas. Aber das ist nicht so leicht hier im Iran. Du stammst zwar aus einem gutbürgerlichen, vergleichsweise komfortablen und liberalen Elternhaus, aber das "schützt" dich nun auch nicht mehr wie bisher, denn Du bist eine junge Frau,eine "wertlose" dynamische junge Ego-Frau.

Doch Atafeh Hakimi (Nikohl Boosheri), ebenso schön wie clever, akzeptiert dies nicht. Sie nutzt den vorgegebenen Freiraum und geht "heimlich" auf die Jagd nach der Lust und Vergnügen. Gemeinsam mit ihrer attraktiven Schulfreundin Shireen (Sarah Kazemy). Man "probiert", besucht illegale Partys, wo Kids beiderlei Geschlechts mit Musik, Sex und Drogen "experimentieren".

Dabei verlieben sich Atafeh und Shireen ineinander. Eine lesbische Beziehung im Iran? Die Moral-Polizei tritt auf den Plan. "Aufgeweckt" durch den in die Familie zurückgekehrten Bruder Mehran (Reza Sixo Safai). Der einst vielversprechende Musiker hat einen Drogenentzug hinter sich und sucht seinen Halt mehr und mehr im religiösen Fundamentalismus.

Überwacht in der geräumigen Wohnung, stasihaft von seiner eigenen Sippe, um eventuelle Unmoral "aufzudecken". "Manchmal müssen wir uns mit der Wirklichkeit abfinden", resigniert die Mutter. Der Vater, einst selber ein Revolutionär, der gegen das Schah-Regime kämpfte, sieht sich in der Defensive. "Du bestimmst über Deine Tochter, ich über meine Frau", gibt Sohn Mehrin die neue Richtung vor- als er Shireen "kauft", was Atafeh nicht mehr aushält.

George Orwell im Jahre 2010. "1984", der allgegenwärtige, mächtige "Große Bruder". Fundamentalistisch, aggressiv, zerstörend. Der Film basiert zum Großteil auf eigenen Erfahrungen der Drehbuch-Autorin und Regisseurin Maryam Keshavarz.. Mit ihrem Spielfilm-Debüt folgt sie einem persischen Sprichwort: "Zwei Herzen, die eins sind, reißen Gebirge nieder".

"Circumstance", wie der Film im Original heißt, wurde in Beirut, im Libanon, gedreht und ist eine faszinierende Gesellschaftsparabel auf den iranischen Mittelstand, der im Sommer 2009 von der sogenannten "Grünen Welle" der Opposition erfasst wurde.

"Circumstance" ist ein prächtiger und kluger Unterhaltungsfilm, besetzt mit einem überzeugenden Ensemble, aus dem die beiden weiblichen Hauptakteure in ihrem unangestrengten, feinfühligen körpersprachlichen Agieren herausragen.

Auf dem renommierten "Sundance Festival", wo der Film im Januar 2011 uraufgeführt wurde, erhielt "Sharayet –Eine Liebe in Teheran" den Publikumspreis. Wir hier sollten ihn – im derzeit angesagten übervollen Programmfieber – auf keinen Fall übersehen: Ein Außenseiter-Hit.

USA/Frankreich/Iran 2010; Regie: von Maryam Keshavarz, Darsteller: Nikohl Boosheri, Sarah Kazemy, Reza Sixo Safai, FSK ab 12 Jahren, Laufzeit: 105 Minuten

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

"Ein gesellschaftliches Erdbeben"

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsGiftigkeit kennt keine Grenzen
Bildnummer: 53251652 Datum: 25.07.2009 Copyright: imago/imagebroker Gummi- und Kunststoffprodukte enthalten gesundheitsschädliche und geruchsaktive Substanzen (imago)

Giftigkeit - neudeutsch auch Toxizität genannt - in allen Facetten bestimmt den Wochenrückblick auf die Kulturseiten der Zeitungen. Die "Zeit" schreibt gar vom Gefühl der Selbstgiftigkeit. Die Berlinale war auch Thema.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 11Von Vielfalt und Verstärkung
Ein Darsteller des Musicals "Miss Saigon" mit einem angeklebten kleinen Stirnmikrofon steht am 25.01.2019 in Köln bei einem Fototermin auf der Bühne. (imago / Horst Galuschka)

Wer spricht wie auf deutschen Bühnen? Es gibt zwar immer mehr Schauspieler*innen mit angeklebten Mikrofonen, aber noch zu wenige aus benachteiligten Gruppen. Um Diversity und Mikroports geht es in Folge #11 des Theaterpodcasts.Mehr

Folge 10Wachgerüttelt, durchgeschüttelt
Eine Frau hat sich einen #MeToo-Schriftzug auf den Unterarm geschrieben. (imago stock&people)

Was bleibt im Rückblick auf die Debatten dieses Theaterjahres? #MeToo, ganz klar. Über Gleichstellung sprechen Susanne Burkhardt und Elena Philipp mit France-Elena Damian vom Verein Pro Quote Bühne und diskutieren darüber, ob Theatermacher mit rechten Ideologen reden sollten.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur