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Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.10.2009

Zwei Frauen und ein Pfund Fleisch

Premiere "Der Kaufmann von Venedig" in Berlin

Von Michael Laages

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Armin Petras, Regisseur und Intendant des Berliner Maxim-Gorki-Theaters (AP)
Armin Petras, Regisseur und Intendant des Berliner Maxim-Gorki-Theaters (AP)

Die Rolle des Kaufmanns von Venedig und die des Juden Shylock hat Regisseur Armin Petras mit Frauen besetzt. Das macht die Geschichte des Stückes am Maxim Gorki Theater klarer und handfester, als sie eigentlich ist.

Dass dies kein "Kaufmann von Venedig” wie gewohnt werden würde, machte schon der erste Blick in den Besetzungszettel deutlich – Antonio, der Titel gebende "Kaufmann”, genau so wie Shylock, der jüdische Geldverleiher in Venedig, sind hier mit Frauen besetzt. Und nicht nur besetzt: Antonio ist tatsächlich "Antonia", und die sonderbare Innigkeit, mit der das bis dahin erfolgreiche Geschäftswesen zu Beginn den Freund Bassanio umgurrt und ihm fatalerweise dessen Brautwerbung anderswo finanzieren hilft, ist wirklich das unerwiderte Begehren einer unglücklichen Geliebten. Das macht die Geschichte klarer und handfester, als sie eigentlich ist; und Cristin König leuchtet dunkel.

Dass Regine Zimmermann Shylock spielt, ist (obwohl durchaus eindrucksvoll) schon weniger bedeutsam. Die Figur ist nun sozusagen Vater und Mutter der Tochter Jessica hat mit der einen doppelt schweren Kampf auszufechten, der darum nun weit eher das Motiv zur mörderischen Rache am nur scheinbar bankrotten Kaufmann stiftet als der ganze Streit ums Geld. Nicht nur, dass die klammen venezianischen Edelleute dem Juden die Tochter entführen; schlimm genug – schlimmer aber noch, dass die ihm als nächtlicher Albtraum (wenn Shylock eigentlich mit dem Glaubensbruder Tubal konferiert) eine Gardinenpredigt hält, von der er sich nicht erholen wird: dass der jüdische Vater die Tochter immer weggeschlossen habe vor der Welt, dass sie darum nie Freunde haben durfte und deshalb jetzt liebend gerne mit irgendeinem Christen durchbrennt.

Armin Petras hat deutlich und unübersehbar den innerfamiliären Konflikt im Hause Shylock ins Zentrum gerückt. Und den Fundamentalismus, der aus der dieser einerseits von außen erzwungenen, andererseits freiwilligen Abgeschlossenheit entstanden ist – er führt zum grausamen Plan, ein Pfund Christenfleisch zu schneiden aus des Kaufmanns, hier: der Kauffrau Körper. Im Programmheft findet sich ein kluges Gedankenspiel darüber, dass schon Shakespeare mit dem Juden Shylock eben nicht nur das ewige Model für den ja bis heute wirkenden Antisemitismus kreierte, sondern womöglich auch den wachsenden Puritanismus seiner Zeit kommentierte; also den christlichen Fundamentalismus früherer Spielart.

Die Klammer aber ist in jedem Fall das Geld, die neue Über-Macht der Epoche. Auch Antonio (oder Antonia) ist ja aufgestiegen und zu Ansehen gekommen in einer Stadt, deren alter Kern der Adel war, deren Zukunft aber die multikulturelle Offenheit sein wird für jede Art von Geschäft, unabhängig von Fremdsein oder Hautfarbe der Geschäftemacher. So gehören Kaufmann wie Geldverleiher auf verschiedene Weise nicht wirklich dazu.

Deshalb vielleicht stehen die Frauen im Zentrum, deshalb vielleicht Petras' Rückzug ins Familiäre – auch Portia, die reiche Erbin in der Vorstadt, bei der sich der immer klamme Partylöwe Bassanio gesundstoßen will, darf in dieser Inszenierung nicht die trickreiche Doppelrolle als Anwalt spielen. Sie kommt einfach als Bassanios frisch Angetraute und trickst so den Juden aus – mit dem Hinweis, dass zwar "ein Pfund Fleisch”, aber eben kein Tropfen Blut im Schuldschein steht. Nachdem er völlig vernichtet ist, folgt Shylock hier dann auch nicht dem gnädig-zynischen, im Grunde aber durchaus pragmatischen Angebot des Kaufmanns, zum Christentum zu konvertieren, um wenigstens ein bisschen vom Hab und Gut zu behalten – da schneidet er sich lieber die Kehle auf: Der letzte Akt des Fundamentalisten.

Reichlich Stoff zum Nachdenken also bietet diese Inszenierung – verpackt jedoch ist sie in eine Menge Zeug und Kram und Firlefanz. Speziell der Clownsfigur Lancelot, zu Beginn noch in jüdischem, dann in christlichem Dienst, kommt viel Spiel-Raum zu. Peter Jordan, aus dem alten Hamburger Thalia-Team kommend und jetzt Gast am Gorki, zieht denn auch alle Register, ja stiehlt beinahe den eigentlichen Kern-Figuren die Schau. Auch dass dieses Venedig in Natascha von Steigers Bühnenbild die ganze Zeit über (naheliegenderweise) unter Wasser steht, sorgt eher für alberne Effekte – und die Inszenierung hat von Beginn an Mühe, den Kern der eigenen Überlegungen ins Visier zu nehmen. Sie kann sich bis zum Schluss nicht recht entscheiden, legt viele kluge Fährten aus, verheddert sich schließlich aber lieber in Jux und Dollerei.

Aber wer wollte Petras das vorwerfen? "Der Kaufmann von Venedig” ist der Bastard, der Wechselbalg unter Shakespeares Stücken, teils Lust-, teils Trauerspiel, und nichts davon ganz. Das Publikum war ähnlicher Ansicht – viel Beifall, deutlicher Widerspruch und der derzeit handelsübliche Quietsch-Jubel der Fans.

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