Zwei Außenseiter zwischen Nähe und Distanz

21.08.2009
Primzahlen sind nur durch sich selber und durch eins teilbar. Sie treten unregelmäßig in der Zahlenfolge auf wie eins, drei, sieben, elf und dreizehn, siebzehn, dreiundzwanzig. Vielstellige Primzahlen sind nur schwer zu erkennen und ein Thema der höheren Mathematik. Sie wird zum Lebensinhalt von Matthia Balossino, einem der beiden Protagonisten des Erstlingsromans von Paolo Giordano.
Matthia Balossini ist sechs Jahre alt, als seine schwerstbehinderte Zwillingsschwester verschwindet, nachdem er sie allein im Park zurückgelassen hat. Die daraus entstehenden Schuldgefühle prägen sein ganzes Leben. Lediglich in der Mathematik mit ihren ganz klaren Grenzen und Strukturen fühlt er sich zu Hause. Ansonsten lässt der hoch intelligente und sehr sensible Junge niemanden an sich heran. Um die bohrenden Schmerzen in seinem Inneren zu überdecken, verletzt Matthia sich immer wieder an den Händen. Seine Schulzeit verbringt er als Außenseiter, bis er im Gymnasium Alice kennenlernt.

Alice Della Rocca soll für ihren gestrengen Vater etwas ganz Besonderes sein. Alle seine Anforderungen muss die kleine Alice erfüllen. Dazu gehört auch das Skilaufen, das sie hasst. Bei einem Skiunfall wird Alice verschüttet. Sie wird gerettet, doch ein Bein bleibt steif. Das junge Mädchen lehnt seinen Körper ab und straft sich mit Magersucht. Ihre Eltern finden keinen Weg zu ihr. Alice möchte in der Pubertät gern zu den coolen Mädchen der Klasse gehören, gerät aber durch ihr mangelndes Selbstbewusstsein immer wieder in die Rolle des Opfers.

Als Matthia im Gymnasium in die Klasse von Alice kommt, erkennen die beiden einander schnell als Außenstehende, die jeweils ihr Geheimnis mit sich tragen und dadurch nicht mit ihren Mitmenschen wirklich in Kontakt treten können. Die beiden werden Freunde und haben immer wieder das Gefühl für einander bestimmt zu sein. Aber es bleibt eine geringe Distanz, die sie nicht überwinden können, wie bei den Primzahlenzwillingen, die ganz dicht in der Zahlenreihe nebeneinander stehen und doch keine Verbindung zueinander haben.

Paulo Giordano entwickelt in seinem Roman die Geschichte zweier Familien, die jeweils durch ein traumatisches Erlebnis gefangen sind für ihr weiteres Leben. Das Berührende dabei ist die sehr präzise Schilderung der beiden Hauptcharaktere. Der Autor beschreibt die Einsamkeit und Verletztheit von Matthia und Alice mit großem Einfühlungsvermögen und so eindringlich, dass der Leser das Schicksal der beiden gut nachvollziehen kann. Trotz ihrer Einsamkeit geben die beiden einander Halt, so dass der Roman nicht in der Verzweiflung ertrinkt, sondern der Leser unbedingt erfahren möchte, welche Lösung das Leben für diese Beiden bereit hält. Mit seiner sehr einfühlsamen Sprache, die sich in einfachen und klaren Sätzen und Dialogen zeigt, hat Paolo Giordano einen großen Roman geschrieben, der den Leser mit der Frage zurücklässt, wie dies einem 26-jährigen Physiker gelingen kann.

Paolo Giordano wurde 1982 in Turin geboren. Dort hat er auch Physik studiert und gelehrt. Nach einigen Kurzgeschichten hat er "Die Einsamkeit der Primzahlen" als Debüt veröffentlicht und damit 2008 in Italien einen überwältigenden Erfolg gehabt. Der Roman wurde zum meistverkauften Buch des Jahres und Paolo Giordano wurde als jüngster Autor überhaupt mit dem wichtigsten Literaturpreis Italiens, dem Premio Strega, ausgezeichnet.

Besprochen von Birgit Koß

Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen
Aus dem Italienischen von Bruno Genzler
Karl Blessing Verlag, München 2009
368 Seiten, 19,95 Euro