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Fazit | Beitrag vom 08.07.2019

ZwangspauseImpuls-Festival Sachsen-Anhalt droht das Aus

Von Christoph Richter

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Orchester, ein Musiker als schwarze Silhouette von hinten. (imago images / epd / Jens Schulze)
Das Impuls-Festival ist bundesweit das einzige Orchesterfestival für Neue Musik. (imago images / epd / Jens Schulze)

Die Magdeburger Staatskanzlei will dem renommierten, zeitgenössischen Orchesterfestival Impuls ein Jahr Auszeit verordnen und die Mittel für 2020 komplett streichen. Neue Musik werde in Sachsen-Anhalt ausgetrocknet, befürchten Kritiker.

Seit nun einem Jahr dauert schon der Streit in Sachsen-Anhalt um Deutschlands einzigartiges Breiten-Festival der Neuen Musik, das Impuls-Festival. Klar ist, die Magdeburger Staatskanzlei will es nicht mehr so wie bisher. Was man stattdessen will? Keiner weiß es genau. Darüber herrscht großes Rätselraten. Auch der Intendant des Festivals, der holländische Dirigent Hans Rotmann, ist ratlos:

"Wir hatten immer einen guten Dialog. Das ist 2016 abgerissen. Das ist kein gutes Zeichen für ein Land, das sich Musikland nennt."

Ein Festival für Klassik-Outsider

Seit seiner Gründung 2008 ist Hans Rotman verantwortlich für das Impuls-Festival. Er will Klassik-Outsider erreichen:

"Ich möchte gern, dass die Leute in Halberstadt oder in Dessau oder in Halle auch das verstehen, was man sonst nur in den Metropolen hören kann."

Mit zunehmenden Erfolg, denn die Zuschauerzahlen habe sich nach Angaben der Festivalmacher seit 2008 vervierfacht. Für den Halberstädter Oberbügermeister Andreas Henke von der Linkspartei, Vorsitzender des Netzwerk Impuls e.V., eine bundesweit einzigartige Erfolgsgeschichte:

"Impuls hat in den letzten zehn Jahren, zwanzig Kooperationen mit Ensembles in Sachsen-Anhalt vorgenommen. Wir haben 300 Veranstaltungen durchgeführt: Konzerte, Masterclasses, Seminare. 500 Werke von 200 zeitgenössischen Komponisten wurden aufgeführt. Es gab 95 Auftragskompositionen."

Verordnete Zwangspause

Fakten, die die Magdeburger Staatskanzlei völlig unbeeindruckt lassen. Stattdessen mosert man in internen Runden: Das Festival habe eine zu geringe nationale beziehungsweise internationale Ausstrahlung, es kämen zu wenige Auftragswerke von Komponisten aus Sachsen-Anhalt. Und es würden eher moderne als zeitgenössische Werke gespielt werden. Gründe, warum man jetzt dem Festival eine künstliche Pause verordnen beziehungsweise die Landesförderung für ein Jahr aussetzen wolle, wie hinter den Kulissen zu hören ist.

Sozialdemokrat Gerhard Miesterfeld, der Präsident des Landesmusikrates Sachsen-Anhalt, nennt die Pläne der Staatskanzlei ein "Armutszeugnis." Man würde ohne Not einem bundesweit anerkannten und erfolgreichen Orchesterfestival den Stecker ziehen:

"Und wenn man dann die Rechnung aufmacht: Musikland Sachsen-Anhalt ist gleich Einschläfern des Impuls-Festivals, dann ist das ein Zeichen, was kaum einer versteht."

Gerne hätten wir mit der Magdeburger Staatskanzlei zu den Vorwürfen gesprochen. Ebenso gerne hätten wir erfahren, welche Pläne man mit dem Impuls-Festival hat: Doch dazu ist man derzeit nicht bereit. In einer knappen E-Mail heißt es nur: "Sobald sich eine Entscheidung abzeichnet, wird es einen Pressetermin dazu geben".

Ohne Eigenmittel geht es nicht

Der Kulturetat des Landes Sachsen-Anhalt liegt bei 120 Millionen Euro. Aus diesem Topf bekomme das Impuls-Festival 150.000 Euro. Aber nur unter Vorbehalt, erzählt Intendant Hans Rotman:

"Denn wir haben die Hürde aufgebrummt bekommen, das wir 50 Prozent der Mittel als  Eigenmittel einspielen müssen. Das ist wahrscheinlich weltweit die höchste Eigenmittelquote für Neue Musik. Aber wir werden es schaffen."

Auch mit Hilfe der international agierenden Zürcher Ernst von Siemens Musikstiftung. Sie schießt dem Impuls-Festival 34.000 Euro zu.

Zukunftspläne und Gerüchte

Um das Impuls-Festival künftig mehr noch in den europäischen Kontext zu rücken, wolle man 2020 in Magdeburg eine internationale Konferenz veranstalten. Mit Gastspielen renommierter Ensembles zeitgenössischer Musik. Hans Rotman ist unermüdlich dabei, an der Fortentwicklung des Festivals zu basteln.

Die Gerüchte, die währenddessen im Hintergrund schwirren, lassen ihn kalt. Es ist die Rede von einer Fusion der Magdeburger Telemann-Festtage mit dem Impuls-Festival, um ein Super-Musik-Event draus zu machen. So heißt es zumindest hinter vorgehaltener Hand. Allerdings ohne Hans Rotman. Denn sein Programm sei insbesondere dem CDU-Kulturstaatssekretär Gunnar Schellenberger zu weltoffen, zu politisch, sagen Insider. Als neuer Intendant eines runderneuerten Impuls-Festivals ist der Kulturmanager Michael Kaufmann im Gespräch. 2017 hat er als Intendant des Dessauer Kurt-Weill-Festivals vorzeitig das Handtuch geworfen, nicht viel anders lief es 2018 mit der Deutschen Staatsphilharmonie in Ludwigshafen.

Der Präsident des Landesmusikrates Gerhard Misterfeld kenne die Gerüchte sagt er, als das Mikrofon aus ist. Er habe das Gefühl – so Miesterfeld weiter – dass das Festival zum Spielball politischer Interessen gemacht werde:

"Ich kann allen nur raten, aus so einer Diskussion Parteipolitik rauszulassen. Dazu ist Kultur im Allgemeinen, Musik im Speziellen zu wesentlich. Als das sie unter parteilichen Interessen zerredet werden darf."

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