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Nachspiel | Beitrag vom 25.11.2018

Zwangsdoping in der DDRWenn ein Staat das Leben seiner Sportler auf Spiel setzt

Von Caroline Kuban

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Anabolikum - Oral Turinabol (Tablettenpackung der VEB Jenapharm) (imago/Steinach)
Anabolikum - Oral Turinabol (Tablettenpackung der VEB Jenapharm) (imago/Steinach)

Tausende Männer und Frauen wurden in der DDR ohne ihr Wissen gedopt. Damit sie auch internationale Wettkämpfe gewinnen, mussten sie Testosteron und Wachstumshormone schlucken. Unter den Folgen des Zwangsdopings leiden heute auch ihre Kinder.

Als Dörte Thümmler im April dieses Jahres bei einer Pressekonferenz zum ersten Mal öffentlich von ihrem Trauma spricht, versagt ihr die Stimme. 30 Jahre ist es her, dass die damals 16-jährige Hochleistungssportlerin aufgrund von Rückenproblemen ihre Karriere beenden musste. Die klassische Erfolgskarriere einer DDR-Turnerin: Mit 14 dreifache Spartakiade-Siegerin, nationale Meisterschaften, 1987 der WM-Titel am Stufenbarren und 1988 die Olympischen Spiele in Seoul, wo sie mit 16 im Team Bronze gewinnt. 

Eigentlich wollte sie Eiskunstläuferin werden. Als sie mit vier zum ersten Mal auf Schlittschuhen steht, läuft sie sofort los. Aber ihre Mutter hat andere Pläne. Selbst als Turnerin wenig erfolgreich, soll Tochter Dörte ihren Traum erfüllen. Also schickt sie sie in einen Berliner Sportkindergarten. Von dort geht es nachmittags in die Halle vom SC Dynamo Berlin nach Hohenschönhausen. Mit acht folgt der Wechsel auf die Kinder- und Jugendsportschule und der Umzug ins Internat. Trainingseinheiten von Montag bis Samstag bestimmen von da an ihren Alltag. Nur sonntags darf sie bei ihrer Familie sein. Als Elfjährige sagt sie sehr nachdrücklich, dass sie aufhören will. Doch Trainer, Physiotherapeuten und Funktionäre lassen sie nicht. Zu groß ist ihr Talent. 

"Ich hab nie die Chance gehabt, irgendwie rauszukommen. Dafür braucht man die Unterstützung der Eltern, und die hatte ich nicht. Weil meine Eltern viel zu eng eingebunden waren ins ganze System, und viel mehr auf die Leistungen fixiert waren als auf mich."

Mit sechs Jahren hört Thümmlers Kindheit auf

Die Mutter war Jugendtrainerin im Nationalen Turnverband der DDR, der Stiefvater, Manfred Thümmler, Chef der Sportmedizin beim SC Dynamo Berlin und seit 1974 Mitglied der sogenannten "Arbeitsgruppe unterstützende Mittel". Im Berliner Doping-Prozess wurde er 1999 wegen Beihilfe zur Körperverletzung angeklagt, das Verfahren aber eingestellt. 

Mit seinem Auftauchen beginnt Dörtes Leidensweg: "Er ist in unsere Familie gekommen, da war ich sechs oder sieben, und ich hab halt immer das Gefühl gehabt, ab da hat meine Kindheit aufgehört. Es ging halt nur darum, mich wieder fit zu machen für die Woche."

Dörte funktioniert. Und sie wird immer besser. Irgendwann ist sie so gut, dass ein Trainerwechsel ansteht. Für Dörte beginnt eine schreckliche Zeit, geprägt von Demütigungen und Verletzungen, von Druck und Jähzorn. Auch die Trainer stehen unter enormem Erfolgsdruck. Schließlich gilt es, die DDR als siegreiche Sportnation ganz nach vorne zu bringen. Dafür haben sie freie Hand in jeder Hinsicht. Niemanden kümmert es, wenn sie ausrasten, schreien, toben und unter Druck setzen. Dörte erinnert sich an ein Trainingslager in Kienbaum, wo die angespannte Situation eskaliert. Auf dem Schwebebalken stehend weigert sie sich, am Ende ihrer Kräfte, weiterzumachen. 

"Das Schlimmste war, dass er mir beide Füße vom Balken weggestoßen hat, und deswegen bin ich total in die Rotation gekommen. Ich bin auf den Balken geknallt, er wollte mich verletzen. Ich hatte immer Angst vor diesem Trainer."

Sportmediziner verschrieben Thümmler Testosteron

Leistungssteigerung um jeden Preis, und am Ende musste der Sieg stehen. Dafür waren alle Mittel recht. Auch der Einsatz von Doping-Präparaten. Testosteron, Wachstumshormone, Schmerzmittel. Oftmals überdosiert, verschrieben von den Ärzten der Sportmedizin.

In dem Treffbericht von IM Technik vom 6.11.1975 heißt es: "In diesem Zusammenhang informierte der IMV, dass man in der sportmedizinischen Unterstützung offensichtlich gegenwärtig noch die einzige Möglichkeit für weitere Leistungssteigerungen sieht. Augenfällig war dies selbst bei der Spartakiade, wo ein großer Teil, selbst Sportler noch im Kindesalter bereits "angefüttert" worden sind. Der IMV hob in diesem Zusammenhang besonders die Aktivitäten der Trainer hervor, die von den Ärzten verlangen und zum großen Teil durchsetzen, alle erlaubten und unerlaubten Mittel einzusetzen. Letztlich hängt davon ihr Prämienanteil ab, der wesentlich höher ist als der der Ärzte."

Dörte Thümmler, ehemalige Spitzensportlerin im Geräteturnen (picture alliance/dpa/Foto: Gregor Fischer)Dörte Thümmler, ehemalige Spitzensportlerin im Geräteturnen, im April 2018 während einer Pressekonferenz zu Missbrauch und Doping in der ehemaligen DDR. (picture alliance/dpa/Foto: Gregor Fischer)
Dörte Thümmler: "Wenn man dann gelesen hat, wir haben ja auch alle Gutachten dazu, wann, also ungefähr ab elf, und auch was gegeben wurde und worin es war, sowas wie Eiweißpralinen oder Kaugummis, wo man denkt 'wirklich jetzt?' Das waren halt Sachen, worüber wir uns dann mal gefreut haben, weil wir ja natürlich nicht viel Süßes essen durften. Wir dachten, man will uns eine Freude machen. Wenn einem das bewusst wird, ist das schon nochmal sehr heftig und sehr schlimm."

Mit 16 Jahren beenden Rückenschmerzen Thümmlers Karriere

Wie vielen anderen minderjährigen Leistungssportlern war Dörte nicht klar, was sie da zu sich nahm. "Wir hatten halt Kraftaufbau, Wachstumshemmer, und natürlich mehrere verschiedene psychische Substanzen waren auch drin, um uns stresswiderstandsfähiger zu machen. In meinem Gutachten sind es auch nicht end-erforschte Psychopharmaka gewesen, das ist dann schon."

Die Olympischen Spiele in Seoul 1988 sind der Höhepunkt und zugleich das Ende ihrer Karriere. Wegen ihres geschädigten Rückens verbringt Dörte mehrere Monate in der sportmedizinischen Abteilung in Hohenschönhausen. Da ist sie 16. Ihren Berufswunsch, Choreographin zu werden, kann sie aufgrund ihrer Rückenprobleme nicht verwirklichen. Stattdessen macht sie eine Ausbildung zur Restaurantkauffrau. Inzwischen gibt es die DDR nicht mehr. 1995 wird ihr erster Sohn geboren. Drei Jahre später, mit 26, erleidet sie einen ersten Nervenzusammenbruch und verbringt mehrere Monate in der Klinik. Ihre größte Sorge gilt der Entwicklung ihres Kindes. 2008 wird sie zum zweiten Mal Mutter.

"Beide Kinder müssen mit den Folgen des Ganzen leben, des ganzen Sports, und haben viel ertragen müssen, was normale Kinder nicht ertragen müssen. Denn wenn die Mutter in der Klinik ist oder krankheitsbedingt hart an sich arbeiten muss oder unsicher ist, was die Erziehung angeht, können die Kinder sich nicht so frei entwickeln wie sonst auch."

Mit 48 Jahren kann Thümmler nicht mehr arbeiten – Rente

Seit acht Jahren ist die 46-jährige Dörte Thümmler in Rente. Arbeiten kann sie nicht mehr. 

Harald Freyberger, Professor für Psychosomatische Medizin und Psychiatrie an der Universitätsmedizin in Greifswald sowie Leiter der Klinik für Psychiatrie in Stralsund, forscht seit Jahren zum Thema Staatsdoping in der DDR und den gesundheitlichen Langzeitfolgen. "Wenn die natürliche Schmerzwahrnehmung durch Einsatz von Dopingmitteln künstlich verschoben wird, kommt es zu Problemen", erklärt Freyberger. 

"Wir alle haben als Gesunde eine relativ präzise Schmerzwahrnehmung, die uns warnt, dosiert in unseren Aktionen. Und wenn sie Menschen jahrelang das Zeug geben in hohen Dosierungen, dann wird diese Schmerzwahrnehmung verändert und verstellt. Und es gibt gleichzeitig im Gehirn eine Art Schmerzgedächtnis, in dem diese Dinge gespeichert werden. Und wenn sie, wie es oft passiert ist, die Leute sehr lange hoch dosiert mit Schmerzmedikamenten behandelt haben und dann diese Medikamente nach einer Leistungssportzeit plötzlich absetzen, dann kommt es zu einer Explosion der Schmerzsymptomatik, aber auch zu einer Explosion des Schmerzgedächtnisses, und damit zu gravierenden Nebenwirkungen, dauerhaften Veränderungen der Schmerzsensibilität und der Schmerzempfindlichkeit, die sie noch 20 Jahre später sehen können."

Testosteron kann zu psychischen Störungen führen

Noch gravierender sind die Auswirkungen von Testosteron, vor allem für Sportler und Sportlerinnen in sehr jungen Jahren, wo bestimmte Hirnfunktionen erst noch entstehen, austariert und moduliert werden. Testosteron wirkt auf alle inneren Organe. Es kann Herzvergrößerungen nach sich ziehen oder Wachstumsprozesse von Leber und Lunge ankurbeln. Lange unterschätzt wurden die psychischen Auswirkungen dieses Hormon-Präparats, sagte Harald Freyberger:

"Testosteronpräparate wirken auf die Intensität der Affekte, alles, was mit expansiven Affekten, das heißt mit Angst, Aggression zu tun hat, wird massiv verstärkt und die Modulation wird durcheinander gebracht. Damit reichen auch die natürlichen Regulationsmechanismen wie Selbstberuhigung, Entspannung, nicht mehr aus, solche überschießenden Affekte zu regulieren. Dann gerät das Gefühl, die eigene innere Sicherheit, seine Gefühle regulieren zu können, völlig außer Kontrolle, dann entstehen Störungen."

Frank Hellmuth war Handballer. 1979 kam er mit 19 Jahren über Motor Köthen und Dynamo Halle Neustadt als Leistungssportler zum SC Dynamo Berlin, dem Verein der Volkspolizei und des Ministeriums für Staatssicherheit. "In der DDR war das eigentlich üblich, dass man eher da einsteigt. Aber ich war relativ groß, war gut, war Linkshänder, und die brauchten mich und wollten mich, und deswegen hab ich den Sprung erst mit 18 noch zum Sportclub geschafft."

Mediziner testeten Medikamente an Amateursportlern

In der DDR waren Olympische Medaillen Staatsziel. Stasiakten belegen, wie systematisch dafür Dopingmittel zum Einsatz kamen. Der Staatsplan 14.25 aus dem Jahr 1974, beschlossen vom Zentralkomitee der SED, enthielt ein geheimes und umfassendes Dopingprogramm. Offiziell sprach man von "unterstützenden Mitteln", aber die Verantwortlichen wussten: Sie handelten gegen die Antidopingregeln des Sports. Auch gegen das strenge Arzneimittelgesetz der DDR. Sie wussten auch, welche Schäden sie anrichteten. Manche Trainer und Ärzte dopten ihre Schützlinge sogar über die angeordnete Dosis hinaus. Es wurden auch Sportler gedopt, von denen man wusste, dass sie keine Medaillen gewinnen werden. Aber an ihnen konnte man die Wirkung der Substanzen testen.

Im Treffbericht des IM Technik vom 1.8.1974 heißt es: "Als Übergangslösung werden den Aktiven in Vorbereitung auf die EM nach dem Absetzen der Anabole Hormone gespritzt, was jedoch nicht zu einer ständigen Einrichtung werden kann, da die Nachwirkungen bei den weiblichen Aktiven (Bartwuchs, tiefe Stimme) von bleibendem Wert sind. In diese Aktion werden außer dem IMV lediglich drei Ärzte einbezogen, die darüber strengstes Stillschweigen zu bewahren haben."

Frank Hellmuth: "Das Perfide ist, dass selbst in diesen Unterlagen noch zu erkennen ist, dass drinne stand, sinngemäß: Von den Sportlern, die getestet werden, muss man davon ausgehen, dass circa 20 Prozent an schweren körperlichen Missbildungen leiden können, dass es da zu Komplikationen kommen kann. Das wussten die also schon. Von 15.000 kann man ja runterrechnen, circa 3.000 bei sind, die das nicht so gut überstehen werden."

DDR-Behörden wussten um medizinischen Risiken

An Hand von Stasi-Unterlagen wurde Hellmuth erst klar, wie das flächendeckende Doping in der DDR organisiert war und wie es funktionierte.

"Ich selber kann mich nur erinnern, wenn ich Schwäche zeigte, körperliche, oder erkrankt war, dass ich zum Arzt gegangen bin in die Sportmedizin, und da gab es dann eine Vitaminspritze, die wurde auch ganz offiziell so bezeichnet, und, der erste Einstich, nach 10 Sekunden, haben Sie das Vitamin B auch auf der Zunge gespürt. Das war ein schöner Verblender, und da haben Sie auch nicht mitgekriegt, was da noch alles drin war. Dann hatte man sich zwei Tage ins Bett gelegt, mit 40 Fieber, aufgestanden, zum Training gegangen und am Wochenende wieder Handball gespielt. War wieder alles weg."

Acht Stunden Training täglich waren für ihn normal, sagt Frank Hellmuth. Heute weiß er, dass derart hohe Trainingsumfänge nur mit Hilfe bestimmter Substanzen zu bewältigen waren. Und dass sie eine starke Überbelastung sowie frühe Verschleißerscheinungen zur Folge hatten. Heute ist er 57 und sein Körper ist kaputt. 

"Die Verschleißerscheinungen sind immer größer geworden… das hat man dann das erste Mal gesehen, als man so ein Screening gemacht hat, Knochenscreening vom ganzen Körper, und die Ärzte sagten mir: "Na, sind Sie mal vom Panzer überfahren worden bei der Armee? Da ist ja alles schwarz bei ihnen". Dann waren das die Schultergelenke, Kniegelenke, Hüftgelenke, Sprunggelenke, die da sehr stark betroffen sind davon… Und denn kam der erste große Hammer, 2006 hatte ich Hodenkrebs."

Viele DDR-Trainer coachen noch heute Nachwuchssportler

Zehn Jahre später die zweite schwere Erkrankung: Prostatakrebs. Dazu kommen massive psychische Probleme: Depressionen, Angststörungen und chronisches Erschöpfungssyndrom. Das erlaubt es ihm nur zwei bis drei Stunden am Tag das zu machen, was er möchte. Viele Trainer von damals sind heute noch aktiv in ihrem Job. Arbeiten sogar mit Minderjährigen. Und dennoch: Frank Hellmuth will nicht anklagen. Er will seinen Frieden finden. "Ich würde das alles wieder so machen, das hat mich geprägt in meinem Leben. Es hat Spaß gemacht, es war (holt tief Luft) das, was ich am besten konnte, und deswegen würde ich alles wieder so machen."

Beteiligt am DDR-Dopingsystem war auch das Forschungsinstitut für Körperkultur in Leipzig, hier ein nachgestelltes Bahndlungszimmer (imago Sportfoto)Beteiligt am DDR-Dopingsystem war auch das Forschungsinstitut für Körperkultur in Leipzig, hier ein nachgestelltes Bahndlungszimmer (imago Sportfoto)
Geschichten wie die von Frank Hellmuth und Dörte Thümmler hört Ines Geipel nahezu täglich. Sie ist Vorsitzende des Doping Opfer Hilfevereins, DOH, in Berlin. Für Ines Geipel steht fest, dass auch einige Kinder der Dopingopfer, also aus der 2. Generation, geschädigt wurden: "Als wir gestartet sind mit dem 2. Dopingopfer-Hilfegesetz gab es einen Moment, wo wir klar entschieden haben: Wir fragen jetzt Betroffene, die sich melden, egal, ob Väter oder Mütter: wie ist die Situation der Kinder? Und ab diesem Zeitpunkt haben wir binnen kurzem über 300 Kinder, die mit schwersten Schädigungen, auch physischen Schädigungen, zu uns gekommen sind, und es ist ganz klar, wir kommen aus der Empirie, die Forschung ist noch nicht so weit, aber wir müssen natürlich, weil die Kinder sind heute 20, 25, 28, 30, verhindern, dass diese Generation psychotisch wird."

Eva-Maria Otte, Mitarbeiterin des Dopingopfer-Hilfevereins, berichtet aus ihren Beratungsgesprächen mit betroffenen Eltern: "Es geht sehr oft um körperliche Missbildungen am Skelettsystem oder im Knochenapparat. Das sind Löcher, Dellen im Schädel – Wirbelschäden, aber auch Organschäden wo Kinder schon mit einer defekten Leber, mit einer defekten Lunge, mit einem defekten Herzen auf die Welt kommen. Klar das sind alles Sachen, die kommen woanders auch vor, aber die Häufung ist schon gravierend."

Kinder von DDR-Sportlerinnen leiden unter Doping-Folgen

Auch Harald Freyberger ist sich sicher, dass das DDR-Doping manche Kinder damaliger Sportlerinnen zu Betroffenen gemacht hat. Seit Jahren forscht er über die Langzeitfolgen des DDR-Dopings, hat ähnliche Opfergruppen untersucht. Freyberger spricht von "Transgenerationalen Effekten": "Vor allem bei hohen Dosierungen sind Anabolika dazu in der Lage, diese genetische Information, oder Aspekte dieser genetischen Information zu ändern und damit das Risiko für bestimmte Organschäden in der nächsten Generation heraufzusetzen."

Gemeinsam mit Jochen Buhrmann, dem Leiter der Klinik für psychosomatische Medizin in Schwerin, will Freyberger eine Studie initiieren zur 2. Generation der Dopingopfer. "Die direkten psychischen Schäden, die nicht nur unmittelbar durch das Doping, sondern auch durch die Trainingsbedingungen, durch die Gewaltausübung im Training und durch die zahlreichen sexuellen und sadistischen Missbrauchsfälle, die wir identifiziert haben, zusätzlich zu den pharmakologischen Wirkungen der Dopingsubstanzen entstehen, dass die natürlich für Menschen gravierende Folgen haben, für ihre ganze weitere Entwicklung, die natürlich auch die Kinder beeinflussen."

Fritz-Lesch-Straße 29, Berlin-Hohenschönhausen. "Unmittelbar stehen wir vor der Sportmedizin, hier mussten wir her zur Operation, also ich wurde hier auch am Blinddarm operiert, das Andere blieb mir Gottseidank alles erspart. In dem großen Komplex hier geradeaus vorne links ist die Volleyball-Halle, da ist auch die große Dynamo-Halle mit 3000 Sitzplätzen, wir sind hier im Sportforum im Olympiastützpunkt von Berlin."

Athleten mussten kanisterweise Anabolika trinken

Bis zu 40 Stunden die Woche hat Ariane Speckhahn Anfang der 80er-Jahre hier Volleyball trainiert. 5 Mal wurde sie DDR-Meister. "Hier unten war eine Apotheke drin, hier wurden diese Entmüdungsgetränke immer hergestellt und abgeholt, die wir dann gekriegt haben nach dem Training."

Entmüdungsgetränke, das waren in der Regel Medikamente, zum Beispiel Paracetamol in hohen Dosierungen oder Anabolika, die in dem unverfänglichen Vitaminpulver Dynvital aufgelöst und den Athleten kanisterweise als Vitamincocktail gereicht wurden. 

Im Treffbericht des IM Technik vom 6.11.1975 heißt es: "Insgesamt schätzte der IMV ein, dass ohne die Anwendung anaboler Steroide keine Leistungen in dem gewohnten Umfang mehr zu bringen sind und wir nach dem Stand der trainingsmethodischen Möglichkeiten zu vielen Wettkämpfen überhaupt nicht mehr zu fahren brauchten, da letztlich nur Plätze von 1 bis 3 von Interesse sind."

Sie ist gut durchgekommen in ihrer aktiven Sportlerlaufbahn, sagt Ariane Speckhahn, die Probleme kamen erst später.  "Wo es mit dem Leistungssport zu Ende war, bekam ich relativ schnell Panikattacken und Angstzustände und das geht ja, wenn jemand so etwas kennt, der weiß, dass das ein ganz ganz langer Weg ist. Das ging 20 Jahre, irgendwann kam ich dann nicht mehr aus dem Haus."

Sportlerinnen verloren ihre Gesundheit und fast ihre Kinder

Mit 21 der erste Bandscheibenvorfall, schwere psychosomatisch Probleme, Klinikaufenthalte. "1990 wurde auch der Marco geboren, der ist mit einem offenen Bauch geboren worden. Ich hab weder geraucht, noch getrunken, wir wussten nicht warum, wieso, weshalb. Das, was in den Bauch eigentlich reingehört, lag oben in so einer Blase drin, so wie offener Rücken, aber auf dem Bauch."

Marco hatte vier Operationen im ersten Lebensjahr. "Er hat eine Mal-Rotation, das heißt, die Organe liegen nicht dort wie bei einem Normalen, den Blinddarm hat man hier oben gefunden, unter der Lunge und das Herz ist auf dem rechten Fleck, nicht auf dem linken, aber das ist alles sonst organisch gesund."

Lange Zeit ging alles gut, dann bekam er richtige Probleme, erzählt der 28-jährige Marco: "Es fing mit heftigen Bauchschmerzen an und Erbrechen. Hab schon gedacht, ich könnt mich jetzt auch in einen Sarg legen und will eigentlich nur erlöst werden, das waren so heftige Schmerzen, die wünscht man keinem. Das waren denn die Darmverschlüsse, die sich durch die Vernarbung auf dem Bauch, die ganzen Verwachsungen, die im Darmtrakt entstanden sind, und dadurch kam keine Bewegung mehr in den Darm hinein. Man wusste nicht, was es ist. Das ist das Problem."

In letzter Minute wurde Marco operiert. Heute geht es ihm gut. Er arbeitet als Instrumentierungsmechaniker in der Luft- und Raumfahrttechnik. Ist er wütend darüber, was der Sport ihm und seiner Mutter angetan hat? "Was heißt wütend? Es ist halt passiert, man kann es nicht mehr rückgängig machen. Was bringt mir das, wenn ich darauf wütend bin? Irgendwann trifft auch die der Blitz."

Die Opfer des Zwangsdopings erhalten 10.000 Euro

In demselben Gebäude wo früher die Sportmedizin von Dynamo zuhause war, geht Ariane Speckhahn heute regelmäßig zum Sentis-Training. Ein spezielles Training für die Tiefenmuskulatur. Das hilft ihr gegen die Schmerzen, sagt die 46-Jährige. 

"Die erste Zeit war schon ein komisches Gefühl. Man hat ja hier so viel Zeit verbracht als Sportler, sieht man sich immer noch, wie man zum Training geschlichen ist mit Angst, was machen wir heute, wie komm ich nach Hause, wie kaputt. Das hat sich jetzt über die Zeit, 22 Jahre jetzt – mittlerweile tut es mir nicht mehr weh."

Wir wissen, dass Menschen, die in so frühen Entwicklungsphasen Kombinationen von pharmakologischen Experimenten und traumatisierenden Erfahrungen ausgesetzt waren, im Mittelwert 10 bis 12, manchmal sogar 15 Jahre kürzer leben, sagt Harald Freyberger.

"Wir müssen uns im Klaren darüber sein, dass auch heute noch und auch im westlichen Sport im exzessiven Umfang Doping stattfindet. Dass viele der wunderbaren Leistungen und Erfolge, die wir sehen, unnatürlich zustande kommen. Dass Sport in unserer Gesellschaft ein Bereich ist, der mit einer hohen Identifikation der Bevölkerung einhergeht, und dass es so eine Fiktion der Reinheit gibt. Und an dieser Fiktion der Reinheit halten viele Menschen fest, obwohl sie eigentlich wissen müssten, dass da gedopt wird. Und die Dopingopfer beschmutzen diese Idee der Reinheit, und damit stellen sie unsere Identifikation mit dem Sport in Frage. Und das bedeutet, dass Dopingopfer es noch schwerer haben als andere Opfergruppen, Gehör zu finden."

Im August 2002 verabschiedete die Bundesregierung ein Dopingopfer-Hilfegesetz und richtete einen Hilfsfond ein. 2016 wurde dieser erneuert und im Juli dieses Jahres noch einmal aufgestockt. Das Zwangsdopingprogramm der DDR umfasste insgesamt 15.000 Leistungssportler. 30 Prozent von ihnen haben irreversible Schäden, schätzen Experten. Bisher sind nur 1000 von ihnen als Dopingopfer staatlich anerkannt. Sie erhielten 10.500 Euro einmalig als Entschädigung. 

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