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Nachspiel | Beitrag vom 02.12.2018

Zwangsdoping in der DDRAufarbeitung unerwünscht?

Von Christoph Richter

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Beteiligt am DDR-Dopingsystem war auch das Forschungsinstitut für Körperkultur in Leipzig, hier ein nachgestelltes Bahndlungszimmer (imago Sportfoto)
Beteiligt am DDR-Dopingsystem war auch das Forschungsinstitut für Körperkultur in Leipzig, hier ein nachgestelltes Bahndlungszimmer (imago Sportfoto)

Die Opfer von Zwangsdoping leiden bis heute an den Folgen: Manche Schäden tauchen erst spät auf. Auch die Kinder der Opfer sind angeblich betroffen. Doch Studien, die dies klären könnten, werden nicht genehmigt, Nachfragen nicht beantwortet.

Das nüchterne Wartezimmer in der Orthopädie im Haus 8 der Universitätsklinik Magdeburg ist gut gefüllt. Seit etwa einem Jahr, erzählt der aus Göttingen stammende Chefarzt Christoph Lohmann, kämen immer mehr frühere DDR-Leistungssportler in die Praxis, die über Schmerzen klagen. Manche bräuchten morgens eine gefühlte Ewigkeit, um aus dem Bett zu kommen. Skelettale Abnutzungserscheinungen nennt es Lohmann. Spätfolgen aus dem DDR-Zwangs-Dopingsystem:

"Sie erinnern sich sehr genau, welche Medikamente – entweder in Pulverform oder Tablettenform – sie erhalten haben, zum Beispiel Oralturinabol."

Um die Spätfolgen auch wissenschaftlich exakt belegen zu können, will Lohmann in naher Zukunft eine vergleichende klinische Studie anstellen: "Wir haben eine relativ gute Daten-Grundlage. Es handelt sich hier um 70 ehemalige Kadersportler. Wir werden jetzt die Daten analysieren und aufarbeiten."

Auch Nachkommen angeblich betroffen

Ähnliches hat auch Jörg Frommer vor. Trauma-Experte und Professor für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Er arbeitet ebenfalls an der Uni-Klinik Magdeburg. Eines seiner Themen: Die transgenerationellen Folgen des DDR-Zwangsdopings. Man wisse, sagt Frommer, dass Dopingmittel zu epigenetischen Veränderungen führen, also das genetische Erbgut beeinflussen können. Darunter leiden am Ende nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch die Nachfahren. Er beobachte, unterstreicht Frommer, gerade bei den Kindern eine immense Häufung von psychischen Erkrankungen, wie Suchtschäden oder Depressionen.

Um das jedoch wissenschaftlich fundiert zu belegen, denn die Datenbasis sei aktuell relativ dürftig, müsse man klinische Studien in die Wege leiten. Doch ob das in Magdeburg gewollt sei, bezweifelt Chefarzt Frommer.

"Natürlich gibt es eine große Skepsis im wissenschaftlichen Bereich. Und es gibt auch Behinderungen. Die aber dadurch nachlassen, dass die Generation die damals beteiligt war am System, nun langsam im Ruhestand ist und nicht mehr das Sagen hat an der Universität."

Geringes Aufklärungsinteresse

Trauma-Experte Frommer macht der Universitätsklinik Magdeburg harsche Vorwürfe, man wolle dort wissenschaftliche Forschungsarbeiten hinsichtlich der Doping-Spätfolgen schlicht blockieren.

"Ich kann keine Details nennen. Aus Verschwiegenheitsgründen. Aber wenn sie zum Beispiel ein Forschungsprojekt durchführen wollen, müssen sie vor eine Ethikkommission. Und wenn sie dann feststellen, dass in dieser Ethikkommission sehr, sehr kritisch nachgefragt wird über das Projekt und sie recherchieren ein bisschen und finden heraus, dass ein Mitglied der Ethikkommission über den Einfluss von Medikamenten auf sportliche Leistungen in der DDR habilitiert hat, dann ist schon klar, dass da das Aufklärungsinteresse nicht sehr groß ist."

Die Anschuldigungen wiegen schwer. Und bedeuten soviel wie: Eine Aufklärung zu den Folgen des DDR-Zwangsdopings sei an der Universitätsklinik Magdeburg nicht gewollt. Dem Orthopäden Lohmann ist die Situation durchaus vertraut. Er spricht allerdings nur Klartext, wenn das Mikrofon aus. Öffentlich will er sich zu den Vorwürfen nicht äußern, auch um sein eigenes Forschungs-Projekt nicht zu gefährden.

Nachfragen zwecklos

Frommers Anschuldigungen gelten einem Mitglied der Ethikkommission an der Uni-Klinik Magdeburg. In seiner 1978 vorgelegten Habilitationsschrift, die dem Deutschlandfunk Kultur vorliegt, hat er den Einfluss von Psychopharmaka auf die Leistungsfähigkeit untersucht. Also, wie Arzneimittel zu dosieren seien, damit sie leistungsfördernd oder leistungsmindernd wirken.

Gerne hätten wir mit dem Pharmakologen selbst gesprochen. Und nachgefragt, ob die Vorwürfe stimmen, dass er Forschungsarbeiten hinsichtlich der Doping-Spätfolgen blockieren würde. Seitens der Magdeburger Ethikkommission hieß es dazu aber nur, dass Risiko-Nutzen-Bewertungen bei Forschungsvorhaben nicht öffentlich gemacht werden. Weshalb ein Gespräch hinsichtlich der Vorwürfe nicht möglich sei. Was natürlich irritierend ist, weil damit die Anschuldigungen – die Uni-Klinik Magdeburg würde die Aufarbeitung der Folgen des DDR-Zwangs-Dopingsystems blockieren – weiter im Raum stehen.

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