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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.09.2010

Zwang zur guten Laune

Barbara Ehrenreich: "Smile or Die", Verlag Antje Kunstmann, München 2010, 254 Seiten

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Eine zwanghafte Ideologie des Optimismus beschreibt Barbara Ehrenreich. (Stock.XCHNG / joana franca)
Eine zwanghafte Ideologie des Optimismus beschreibt Barbara Ehrenreich. (Stock.XCHNG / joana franca)

Die "Kraft des positiven Denkens" ist zur lästigen "Pflicht" geworden, beklagt die New Yorker Publizistin Barbara Ehrenreich. Sie hat mit "Smile or Die" einen Weckruf gegen den Zwang zur Selbsttäuschung und Realitätsverdrängung verfasst.

Optimistische Frohnaturen sind allemal angenehmer als dauerdeprimierte Nörgler. Lob ist inspirierender als Tadel. Hohe Wertschätzung schafft ein besseres Betriebsklima als üble Nachrede. Einverstanden, sagt die New Yorker Publizistin Barbara Ehrenreich, aber: Aus der "Kraft des positiven Denkens" ist die "Pflicht zum positiven Denken" geworden. Aus dem Normalen das Normative, aus dem mentalitätstypischen Optimismus der US-Amerikaner eine zwanghafte Ideologie; aus der Ermutigung, sich aufzuraffen, ist ein Mittel der sozialen Kontrolle geworden, denn gesunde Skepsis oder gar konkrete Kritik sind ein Kündigungsgrund.

Kennengelernt hat die Autorin den Druck zum Muntersein durch ihre Brustkrebsdiagnose. Plötzlich hineingeworfen in eine "Welt aus rosa Schleifchen, Teddybären und kitschigen Trostwort-Kärtchen", in einen Kosmos aus Frauenliteratur, Ratgeberbroschüren, Selbsthilfegruppen und -Netzwerken, lernt Barbara Ehrenreich, der Brustkrebsverlauf hänge einzig von ihrer geistigen Einstellung ab. Wut, Angst oder gar Auflehnung seien tabu, "smile or die" das oberste Gebot der Selbstheilungs-Szene.

Dasselbe auf dem Arbeitsmarkt: Je brutaler der Stellenabbau, umso euphorischer das Heer der Motivationstrainer und Coaches, die den Gefeuerten in Büchern, DVDs und teuren Seminaren einhämmern: Krisen sind Chancen, wenn Du positiv denkst.

Dass man Selbsttäuschung und Realitätsverdrängung als "Kraft des positiven Denkens" etikettieren kann, haben nicht erst Vincent Peale oder Dale Carnegie erfunden: Als Reaktion auf den stets sündenzerknirschten Calvinismus der frommen Siedler entstand in den USA schon im 19. Jahrhundert jene "Christliche Wissenschaft", die Wohlstand, Gesundheit und privates Glück für machbar, für magisch-mechanisch herstellbar hält und: Die Krankheit, Armut oder persönliches Scheitern immer als selbst verschuldet begreift.

Aufgegriffen, so Barbara Ehrenreich, haben dies im 20. Jahrhundert die Mega-Kirchen solcher Fernsehprediger wie Robert Schuller oder Joyce Meyer, und, erstaunlicherweise, die Industrie! "Trenne Dich von Leuten, die Dich runterziehen; hör' nicht auf Bedenkenträger; mecker` nicht, motiviere Dich!" Dieses Mantra des neureligiös-neoliberalen Positivismus sei für den Finanzmarktcrash von 2008 mitverantwortlich, meint die Autorin. Verantwortlich auch für eine Persönlichkeitsspaltung: Ich, der Positivdenker, muss mich, den Arbeitslosen, täglich neu zum Optimismus bekehren.

Trotz vieler arg kleinteilig erzählten Monströsitäten der Political Correctness hat mich Barbara Ehrenreichs schriller Weckruf beeindruckt. Die Kirchen, sagt sie, werden immer unternehmensähnlicher und die Firmen immer kirchlicher. Während Pfarrer mit Personalcoaching, Budget- und Wachstumszielvorgaben beschäftigt sind, zelebrieren Topmanager ihre "positive Unternehmensphilosophie" wie ein religiöses Ritual. Im Schönfärbervokabular der Unternehmensberater werden kritische Aufklärung und gesunder Menschenverstand exorziert wie Dämonen. Die Firma eine Sekte, der Chef ein Chef-Ideologe und die Mitarbeiter nur noch Cheerleader – dagegen wettert Barbara Ehrenreich. Zu Recht, wie ich finde.

Besprochen von Andreas Malessa

Barbara Ehrenreich: Smile or Die. Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt
Aus dem Englischen von Gabriele Gockel und Barbara Steckhan
Verlag Antje Kunstmann, München 2010
254 Seiten, 19,90 Euro

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