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Länderreport | Beitrag vom 06.05.2019

Zusammenleben an der Grenze zu PolenEs gibt wieder Kinder im Dorf

Von Vanja Budde

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Wegweiser in Brandenburg: 22 km bis Stettin in Polen, 3 km bis Tantow ud 30 km nach Linken über die Autobahn A11. Nach Gryfino in Polen. (Vanja Budde)
Zur "Metropolregion Stettin" gehören auch deutsche Landstriche: Die Grenze verliert an Bedeutung. (Vanja Budde)

An der Grenze zu Polen profitiert manche Gemeinde vom Zuzug aus dem Nachbarland. Die Landstriche dies- und jenseits der Oder wachsen zusammen. So setzt das Amt Gartz für die Zukunft auf die Nähe zu Stettin – die Landeshauptstadt Potsdam ist weit weg.

Marta Szuster stampft und rührt in ihrer Küche in Staffelde Teig:
Ich frage:"Pierogi?"
Szuster bestätigt: "Ja, genau."
"Und mit welcher Füllung?", will ich wissen.
"Das ist eine Kartoffel-Quark-Füllung. Einfach, aber lecker."

Marta Szuster ist vor neun Jahren aus Gryfino in Polen ins deutsche Staffelde in der Uckermark gezogen. Sie fand das Dorf schön, hat sich in das große Haus mit Garten verliebt, ihr Mann Christofer könnte mit dem Fahrrad zur Arbeit ins Kraftwerk von Gryfino fahren: Das frühere Greifenhagen liegt nur fünf Kilometer weiter östlich, am anderen Ufer der Oder.

Zuzug aus Polen stoppt den Bevölkerungsschwund

Marta Szuster bereitet die Teigtaschen für die abendliche Gemeinderatssitzung zu. Beim deutsch-polnischen Osterfeuer in Staffelde reiße man sich um ihren Eintopf – Bigos –, erzählt die Mutter von drei Kindern fröhlich. Doch die jungen polnischen Familien bereichern nicht nur den Speiseplan ihrer neuen deutschen Nachbarn.

Marta Szuster, Gemeindevertreterin von Mescherin in Brandenburg (Vanja Budde)Lust auf Mitbestimmung und ein Sitz in der Gemeindevertretung: Marta Szuster. (Vanja Budde)

"Wir hatten hier einen Jungen und der zweite war dann mein kleiner Sohn, das war das zweite Kind hier im Dorf. Und jetzt haben wir über 20 Kinder im Dorf. Aber auch deutsche Kinder. Wir sagen immer: Schwangerschaften stecken an", sagt Szuster lachend. "Und das geht auch an den deutschen jungen Frauen nicht vorbei."

Kitas, die von Schließung bedroht waren, Schulen, die vor dem Aus standen: Dank der neuen polnischen Mitbürger sind diese Zeiten hier vorbei, freut sich Amtsdirektor Frank Gotzmann im Amt Gartz, zu dem Staffelde gehört. 300 Quadratkilometer umfasst sein Amtsbezirk, er hat aber nur 7000 Einwohner. Etwa 12 Prozent davon sind mittlerweile Polen. Dank ihnen ist der Bevölkerungsschwund gestoppt.

Metropolregion Stettin

"20, 25 Kilometer entfernt haben wir die polnische Großstadt Stettin, ungefähr eine halbe Million Einwohner. Im Umkreis leben 760.000 Einwohner", sagt Gotzmann. "Und die Stadt drückt immer mehr ins Umland – und sie drückt auch ins deutsche Umland."

Gartz setze darum für seine zukünftige Entwicklung weniger auf Potsdam, die Landeshauptstadt also, sondern auf die "grenzüberschreitende Metropolregion Stettin", sagt Gotzmann. So wie Stettin auch vor 1945 das Oberzentrum der umliegenden pommerschen Landkreise gewesen sei, die jetzt teils deutsch sind und teils polnisch, getrennt durch die Oder.

Aber damit die fünf Gemeinden, die sich auf deutscher Seite zum Verwaltungsverbund Amt Gartz zusammengeschlossen haben, wachsen und gedeihen, muss die Infrastruktur besser werden.

Gotzmann führt zwei Beispiele an: "Einmal die Autobahn und einmal die Eisenbahn."

Zeitreise Autobahnfahrt

Wer über die Autobahn 11 nach Stettin will, fühlt sich in lang vergangene Zeiten zurück versetzt: Ein rund vier Kilometer langer Abschnitt hier in der Uckermark führt über das letzte, original erhaltene Stück der früheren Reichsautobahn von 1936: Kaputte Platten, die Autos und Insassen durchrütteln.

"Wenn Sie da mehr als 80 fahren, das ist ein Erlebnis", sagt Gotzmann. "Da tut Ihnen das Auto wirklich weh."

Nach jahrelangem Kampf stehen jetzt, immerhin, Baustellenschilder auf der A 11. Gotzmann sagt: 

"Dass man nach 81 Jahren die Autobahn anfängt zu sanieren – ich glaube, das spricht für sich. Das gibt es in Deutschland nicht ein zweites Mal."

Eingleisige Bahnstrecke, nicht elektrifiziert

Ähnlich marode ist die Bahnverbindung: Nur 135 Kilometer liegen zwischen Berlin und Stettin, doch die rund 40 Kilometer lange Strecke zwischen Passow in der Uckermark und Stettin ist nur eingleisig. Und nicht elektrifiziert.

Diesel-Triebwagen ruckeln gemächlich durch die sanft hügelige Landschaft, Reisende verpassen oft in Angermünde ihren elektrifizierten Anschluss. Die bedauernswerten Pendler brauchen darum von Gartz mehr als zwei Stunden nach Berlin.

Frank Gotzmann, Amtsdirektor Amt Gartz. (Vanja Budde)Für Amtsdirektor Frank Gotzmann gibt es nachvollziehbare Gründe für den Frust in der Bevölkerung. (Vanja Budde)

Gotzmann erklärt, wie das bei der Bevölkerung ankommt: "Man versteht es einfach nicht, dass wirklich in der Bundesregierung die Auffassung vertreten worden ist, die Kriegsschäden aus dem Jahr 1945 im Jahre 2020 immer noch nicht zu beheben. Das hat bei den Leuten wirklich zu ganz viel Protest und auch Frust geführt, dass man einfach meinte, man geht drüber weg, wischt das weg. Jeder Euro, den man hier in den ländlichen Raum investiert, ist ein Euro zu viel. Und ob dahinter noch eine Großstadt mit der halben Million Einwohner kommt, interessiert uns nicht. Bei uns ist die Grenze die Grenze. Da ist man wirklich sprachlos."

2026 soll es nun so weit sein, die Bahnstrecke zweigleisig auszubauen und zu elektrifizieren. Es soll dann einen Stundentakt zwischen Berlin und Stettin geben, und einen Regionalexpress, der durchfährt. Gotzmann sagt dazu: "Das sind nun wieder Planungszeiträume, wo man sagt: Nun gut, es ist schwer zu ertragen, aber wir ertragen es hier als Pommern. Und uns gibt es zurzeit wirklich ein bisschen Auftrieb."

Mitbestimmen in der Gemeindevertretung

In Staffelde kocht Marta Szuster Kaffee. Sie war die erste Polin in der Gemeindevertretung, kandidiert bei den anstehenden Kommunalwahlen wieder. Weil sie mitbestimmen will über die Zukunft der Dörfer in der Region.

"Also, ich finde diese Idee prinzipiell schon gut, dass wir uns mehr als Speckgürtel von Stettin sehen als jetzt einen weit entfernten Ort von Potsdam oder von Berlin."

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