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Interview | Beitrag vom 15.09.2020

Zur Lage der Flüchtlinge auf LesbosPanische Angst, Hitze und kein Wasser

Franziska Grillmeier im Gespräch mit Dieter Kassel

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Eine Frau sitzt vor ihrem Zelt an der Straße und hat den Kopf auf die rechte Hand aufgestüzt. Sie sieht nachdenklich aus. (Getty Images / NurPhoto / Grigoris Siamidis)
Die Situation erscheint vielen Flüchtlingen auf Lesbos inzwischen aussichtslos. Journalisten werden zum Teil offenbar nicht mehr zu ihnen durchgelassen. (Getty Images / NurPhoto / Grigoris Siamidis)

12.000 Menschen irgendwo auf der Straße: Nach dem Moria-Brand ist die Lage für die Flüchtlinge auf Lesbos katastrophal, berichtet die Journalistin Franziska Grillmeier. Nach ihrem Eindruck wollen die Geflüchteten nicht in ein neues Zeltlager ziehen.

Dieter Kassel: Seit Brände die Flüchtlingsunterkünfte in Moria zerstört haben, leben knapp 12.000 Menschen dort auf der Straße. Wie sie vorher gelebt haben in den völlig überfüllten Unterkünften und wie es ihnen jetzt geht, das beobachtet Franziska Grillmeier aus nächster Nähe. Die deutsche Journalistin lebt seit 2018 auf Lesbos, während der Brände war sie gerade in Hamburg, sie ist dann aber sofort wieder zurückgefahren. Eine Frage, die ausnahmsweise nicht so banal ist, wie sie sonst klingt: Es ist jetzt ungefähr zehn Minuten nach acht bei Ihnen, wie ist das Wetter und wie ist die Temperatur?

Grillmeier: Die Sonne ist gerade aufgegangen, es wird jetzt gleich ganz grell. Wir haben im Moment noch eine Wahnsinnshitze hier, es wird heute wieder über 30 Grad, was auf der Insel noch mal mehr ist, weil durch die Luftfeuchtigkeit und durch den Beton, auf dem wir die ganze Zeit sitzen, die Temperatur manchmal über 40 Grad erreicht.

Kassel: Und irgendwann kommt der Winter, dann wird es schlimmer, wir wollen nicht hoffen, dass es dann so ist wie jetzt. Wenn Sie da lang laufen tagsüber, am frühen Morgen, am späten Abend, was sehen Sie da?

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Grillmeier: Das Problem ist tatsächlich im Moment die Hitze. Ich will mir gar nicht ausmalen, was passieren würde, wenn es jetzt regnen würde. Die Menschen haben ja nicht mal eine Plane über dem Kopf im Moment. Gestern war ich noch bis spät in die Nacht vor Ort, da haben dann die meisten versucht, irgendwie Essen zu organisieren, haben sich über die Olivenbaumhaine in die Verwaltungsstadt geschmuggelt, um Reis und Tomatenmark zu kaufen, um das dann hier zu kochen.

Auf der Straße, wo ja immer noch Tausende ausharren und wo die Presse auch gerade nicht durchgelassen wird - deswegen muss ich selber auch durch die Olivenbäume und durch den Maschendraht steigen, um zu den Leuten vorzudringen. Es ist wirklich eine absolut verzweifelte Situation, und ich versuche immer wieder, die Leute zu finden, die ich kenne, um nachzuvollziehen, wie es ihnen jetzt nach der fünften oder sechsten Nacht geht.

Alte Leute, Kinder, Familien, Kranke

Kassel: Haben Sie auch erlebt, dass nicht nur Journalistinnen und Journalisten, sondern auch Vertreterinnen und Vertreter von NGOs, die helfen wollen, nicht mehr durchgelassen werden?

Grillmeier: Sanitäre Koordination ist wirklich fast gar nicht möglich, da man der Willkür ausgesetzt ist, ob man durch diese Checkpoints kommt. Und ja, manche müssen sich auch wirklich mit dem Wasser durchschmuggeln. Da laufen Menschen wirklich auf diese kleinen Autos zu, und reißen die Türen auf und versuchen, Wasser zu bekommen, da viele zum Teil am Tag nur einen halben Liter Wasser haben. Jetzt bei den Temperaturen, die wir gerade angesprochen haben, kann das wirklich dazu führen, dass Leute einfach umfallen, und zwar am laufenden Band, ob es jetzt schwangere Menschen sind oder … Es sind auch wahnsinnig viele alte Leute hier, viele Familien. Versorgung, auch medizinische oder rechtliche Beratung, ist einfach nicht mehr möglich.

Kassel: Sie haben ja gerade schon erwähnt, dass es ein paar Flüchtlinge gibt, zu denen Sie schon seit längerer Zeit persönlichen Kontakt haben, so sie im Moment überhaupt an die rankommen. Was erzählen die jetzt gerade im Moment, wie sehen sie ihre eigene Lage jetzt, und was haben die für Erwartungen?

Grillmeier: Ich kenne eine afghanische Familie, die sind zu siebt, da meinte der kleine Sohn gestern: Wenn wir schlafen, gibt es Feuer, und wenn wir wach sind, gibt es Krieg, wann hört das alles auf? Es ist wirklich diese Panik, in das neue Camp zu ziehen. Seine Schwester hat zum Beispiel eine Nierenkrankheit schon seit acht Monaten, die dort behandelt werden soll, eigentlich auf dem Festland.

Die sollten vor acht Monaten schon medizinisch transferiert werden aus Moria, und das ist nie passiert. Man darf nicht vergessen, dass die Menschen - wahnsinnig viele schutzbedürftige Menschen, auch Überlebende von Folter oder sexueller Gewalt - jetzt jeden Tag wieder retraumatisiert wurden, die Familie gehört auch dazu, und die jetzt einfach eine totale Panik haben, wieder in dieses geschlossene Camp zu gehen.

Sie ja wussten auch von Moria, da gibt es keine Ärzte, dort kann man nicht einfach in eine Apotheke gehen, dort gibt es keine Schulen und kein Kino, wo man mal Ablenkung findet.

Menschenrechtsverletzungen in den Lagern

Kassel: Aber haben Sie mit dieser Familie auch über deren Erwartungen geredet? Auch wenn in Deutschland die Bereitschaft, Flüchtlinge aus Moria aufzunehmen, wächst, auch in der Politik, scheint es mir doch so, als ob es gar nicht dazu kommen kann, weil die griechische Regierung das ja nicht will. Also die Aussichten, dass die Menschen hierher oder in andere Länder der Europäischen Union kommen können, sind ja recht gering.

Grillmeier: Tatsächlich ist es so, dass Geflüchtete jetzt immer als Sicherheitsproblem gerahmt werden. Wenn man vor Ort ist, ist jetzt auch zu hören, dass die griechische Regierung keine Geflüchteten aus Moria ausreisen lassen will, Deutschland zum Beispiel könnte dann auch niemanden aufnehmen. Das setzt sich jetzt schon fort, auch in den Köpfen der Menschen, die sagen, mir ist es egal, wo ich hinkomme, ich muss nur mal an einen sicheren Ort, ich muss für meinen Mann Medikamente bekommen.

Da ist jetzt die Situation so, dass viele einfach sagen, wir wollen nicht in dieses Gefängnis gehen, weil wir von dort auch nicht weiterkommen, die auch Anrufe von Familien vom Festland, die sagen, wir wollen wieder zurück nach Moria, weil wir hier auch obdachlos sind, weil wir auch in Camps sind, wo wir kein Essen bekommen. Diese ganzen Camp-Strukturen in Griechenland funktionieren ja seit Jahren nur mit Menschenrechtsverletzungen, und das ist den Menschen auch bewusst. Aber es geht einfach gerade nur noch um Sicherheit.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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