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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 17.06.2016

Zur Abtreibung nach BrandenburgPolinnen suchen Hilfe in deutschen Kliniken

Von Arkadiusz Luba

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Vor dem Parlament in Warschau protestieren Frauen gegen eine Verschärfung des Abtreibungsrechts. (picture alliance/dpa/EPA/TOMASZ GZELL )
Vor dem Parlament in Warschau protestieren Frauen gegen eine Verschärfung des Abtreibungsrechts. (picture alliance/dpa/EPA/TOMASZ GZELL )

Das polnische Abtreibungsrecht ist eins der schärfsten in Europa. Viele Frauen, die durch eine ungewollte Schwangerschaft in eine Notlage geraten, machen sich deshalb auf den Weg nach Brandenburg.

Die Geschichte beginnt in katholischem Polen. Die Nachbarn östlich der Oder sind wieder konservativer geworden. In ihrem apostolischen Brief riefen die polnischen Bischöfe Anfang April zum Schutz eines menschlichen Lebens auf - von der Empfängnis an, bis hin zu einem natürlichen Tod. Dabei beriefen sie sich auf das fünfte Gebot - "du sollst nicht töten". Viele Gläubige fanden diesen Appell unangebracht und verließen die Kirche der heiligen Anna in Warschau.

"Ich bin nicht für die Abtreibung, denn das ist ein Mensch, eine Seele. Aber wenn das eine Vergewaltigung war oder die Gesundheit gefährdet ist, dann sollte jede Frau nach eigenem Gewissen entscheiden."

"Wenn wir genug Einrichtungen für behinderte Kinder hätten, wäre ich für das Verbot. Solange es aber keine entsprechende Regelung gibt, bin ich gegen das Abtreibungsverbot."

"Ich stehe der Kirche nahe, dennoch denke ich anders: Jede Frau sollte selbst über die Abtreibung entscheiden." 

Zu wenig Untersützung für Frauen 

Heute dürfen die Ärzte in Polen eine Schwangerschaft nur in drei Fällen abbrechen: wenn sie die Gesundheit der Mutter gefährdet, wenn das Kind schwer behindert sein wird oder wenn sie aus einer Vergewaltigung hervorgeht. Laut neusten Umfragen des polnischen Meinungsforschungszentrums CBOS vom März dieses Jahres ist die Mehrheit der Polen dagegen, das Abtreibungsrecht komplett abzuschaffen.

Die Gesetzesänderung darf nicht die ungewollt schwanger gewordenen Frauen in eine dramatische Situation treiben, so der Tenor. Der Staat tue zum Beispiel nichts für behinderte Kinder und unterstütze die betroffenen Mütter nicht, klagt die Frauenrechtlerin Wanda Nowicka, Vorsitzende des Vereins "Gleichheit und Moderne" und ehemalige Vizepräsidentin des polnischen Parlaments:

"Wenn ein behindertes Kind geboren wird, sollte es die beste staatliche Hilfe erhalten. Der Staat behandelt es aber stiefmütterlich. Die Betreuung solcher Kinder und deren Familien ist in Polen sehr schlecht." 

Das sei aber nicht der einzige Grund, warum Polinnen abtreiben wollen, meint die Gynäkologin Jutta Pliefke. In dem Berliner Verein "Pro Familia" berät sie Frauen, die ungewollt schwanger geworden sind. Die Entscheidung zum Schwangerschaftsabbruch wird in Polen wie in Deutschland aus verschiedensten Gründen getroffen:

"Weil zu wenig Geld da war, weil zu wenig Nahrungsmittel da waren, weil einfach die Mittel der Familie nicht reichten; vielleicht auch die Zeit und Kraft nicht reichten. Einfach wenn die Bedingungen nicht gut sind, da ist für 'n Kind, ist das sicher nicht gut für die Gesundheit und damit auch für die Lebenserwartung eines Kindes. Ich denke, dass es viele Faktoren gibt, die eine Rolle spielen bei der Frage, ob und wann Frauen und Paare sich für Kinder entscheiden; und welche Idee einer Familie dann auch gelebt werden kann oder gelebt werden soll."
 
Schon vor der erneuten Debatte zur Verschärfung des polnischen Abtreibungsrechts haben viele Polinnen im Ausland abgetrieben. Marta hat sich dafür zum Beispiel eine Klinik im Bundesland Brandenburg ausgesucht.

Abtreiben im Kreiskrankenhaus Prenzlau 

"Ich habe diesen Ort im Internet gefunden und wegen des polnisch sprechenden Teams gewählt. Ich kann mich hier gut verständigen und wichtige Fragen stellen." 

Marta entschied sich für das Kreiskrankenhaus Prenzlau, das im Nordosten Brandenburgs liegt, eine knappe Stunde von der polnischen Grenze entfernt. In der gynäkologischen Abteilung hört man polnische Sprachfetzen.

Marta liegt in einem Zweibettzimmer. Sie erholt sich noch von der Narkose.

"Ich fühlte Angst. Panik und Angst vor dem, was auf mich zukommt. Es ist unangenehm, abzutreiben. Wenn ich zehn Jahre jünger wäre, würde ich das Kind definitiv zur Welt bringen. Aber ich habe keine Kraft mehr. Und in Polen ist es wie es ist: nicht gut." 

Marta heißt nicht wirklich so. Auch die anderen Frauen hier möchten lieber anonym bleiben.

Marta ist Mitte 40 und Mutter von zwei bereits erwachsenen Kindern. Sie kommt aus der Nähe von Breslau. Zuhause ist sie arbeitslos, von Zeit zu Zeit arbeitet sie als Putzfrau in Deutschland. Ihr Mann Adam hat sie hierher begleitet und voll unterstützt, jedoch auch mit gemischten Gefühlen:

"Natürlich bin ich bei ihr, wir gehören beide dazu. Ich hätte schon gerne noch ein Kind, aber bei drei Kindern müsste ich wohl nur noch arbeiten; oder um Beihilfe betteln. In Polen kriegen Alkoholiker einfacher Hilfe als kinderreiche Familien." 

Jetzt, nach dem Eingriff, fühlt sich Marta sichtlich erleichtert:

"Es ist vorbei. Ich muss nicht mehr daran denken, wie die Zukunft sonst wäre. Alles wird wieder normal." 

Im Nebenbett liegt Basia. Eine Krankenschwester gibt ihr ein Glas Wasser. Nach dem Eingriff ist Basia sehr durstig.

Basia stammt aus der Woiwodschaft Westpommern und ist auf den ersten Blick 15 Jahre jünger als Marta. In ihrer Familie wissen nur die Mutter und die Großmutter von der ungewollten Schwangerschaft. Nach Prenzlau kam sie mit einer Freundin. Zur Abtreibung habe sie sich ohne große Gefühle entschieden, sagt sie. Denn von Anfang an wusste Basia, dass sie für ein Kind noch nicht bereit ist:

"Den Vater des Kindes kannte ich noch nicht lange. Er wurde plötzlich handgreiflich, deshalb habe ich ihn verlassen. Während des Mutterschaftsurlaubs hätte ich ca. 1000 Zloty erhalten. Das würde nur für die Miete reichen." 

Von der Schülerin bis zur Bankdirektorin

Behandelt wurden die beiden Frauen von Janusz Rudziński, einem polnischen Gynäkologen. Seine Patientinnen kommen aus allen Regionen Polens nach Prenzlau, sagt der Mediziner:

"Spektrum ist sehr breit, von der Schülerinnen, Studentinnen, dann Geschäftsführerinnen, Bankdirektorinnen, auch Schauspielerinnen, aber auch ungebildete Frauen, Verkäuferinnen, Putzfrauen usw. Die Leute haben Vertrauen. Nicht alle wollen gleich Schwangerschaftsabbruch. Einige wollen ganz einfach Beratung, weil in Polen gibt's keine solche Möglichkeiten." 

Die Frauenärzte in Polen hätten Angst mit ihren Patientinnen über einen Schwangerschaftsabbruch zu sprechen, so Rudziński. Schon ein Beratungsgespräch könnte als Hilfe zur Abtreibung betrachtet werden. Und dies ist nach dem polnischen Strafgesetzbuch strafbar.

Aber der Schwangerschaftsabbruch ist auch in Deutschland - und somit auch in dem Krankenhaus in Prenzlau - strafbar. Er bleibt aber de facto straffrei, wenn Frauen sich an bestimmte Vorgaben halten. Die Schwangerschaft darf die zwölfte Schwangerschaftswoche nicht überschritten haben. Außerdem gehört ein obligatorisches Beratungsgespräch bei einer staatlich zugelassenen Beratungsstelle dazu. Es wird mit einem Beratungsschein dokumentiert. Da das Beratungsgespräch einen streng persönlichen Charakter hat, darf es nicht veröffentlicht werden. Für die meisten Frauen ist es eine enorm angespannte Zeit, fasst Ilona Mixtacka zusammen. Während der acht Jahren als Dolmetscherin bei der Berliner Beratungsstelle "Pro Familia" hat sie schon tausende polnische Frauen betreut und als Übersetzerin begleitet:

"Wir machen zusammen einen Termin beim Frauenarzt und dann gehen wir einfach zusammen hin. Und ich bleib‘ da und warte bis es alles zu Ende ist. Ich übersetze auch. Worüber sprechen wir? Also über familiäre oder partnerschaftliche Konflikte. Die Themen sind ja auch in dem Zeitpunkt unwichtig. Ja, ich nehm‘ sie einfach in Arm, so, ich spiele die Rolle von einer großen besten Freundin. Wenn eine Person dabei ist, dann fühlen sie sich viel sicherer und ruhiger und gelassener." 

Bis zum Ende der neunten Schwangerschaftswoche kann der Schwangerschaftsabbruch mit Medikamenten durchgeführt werden; danach - operativ, von einem Frauenarzt. Wenn die Frau immer noch einen Schwangerschaftsabbruch will, gibt Janusz Rudziński zu bedenken. Erst dann führt er ihn durch:

"Das ist kein angenehmer Eingriff, aber ich bin Arzt, ich will den Frauen helfen. Dieser Eingriff dauert vielleicht zwei, drei Minuten, intravenöse Betäubung. Und nach zwei Stunden danach die Patientin kann Krankenhaus verlassen." 

Bis auf ein paar andauernde Blutungen zum Beispiel gab es seit den letzten zehn Jahren keine Komplikationen, versichert Rudziński. Selbst wenn, wären solche Fälle bei einer Kontrolluntersuchung nach dem Abbruch leicht festzustellen. Nochmals die Gynäkologin, Jutta Pliefke:

"Das ist absolut notwendig, dass eine Kontrolluntersuchung durchgeführt wird, um sicher zu sein, dass alles gut gelaufen ist. Und falls es Probleme gibt, dann entsprechend nochmal nachzubehandeln, was auch unproblematisch ist, wenn ich's machen kann und wenn ich's weiß. Wenn diese Möglichkeit nicht da ist, das kann tatsächlich dazu führen, dass die Frau unter Umständen ihre Gesundheit oder sogar ihr Leben verliert."

"Abtreibung sollte legalisiert werden"

Genau diese Ängste bewegten auch Basia, die in Prenzlau nach Hilfe suchte:

"In Polen ist das alles viel schwieriger; illegal. Ich hatte Angst, die Abtreibung würde lebensgefährlich durchgeführt, auch viel teurer. Das ist krank, wenn eine vergewaltigte Frau das Kind gebären und an den Gewaltakt ihr Leben lang erinnert werden müsste. Abtreibung sollte legalisiert werden. Keiner sonst kann mein Leben leben." 

In Berlin demonstrierten Mitte April einige Dutzend Polen für Frauenrechte ihrer Mitbürgerinnen; darunter waren verzweifelte Frauen, aber auch einige, die mit kämpferischem Blick Transparente trugen. "Hände weg von meinem Uterus", "Die Wahl zurückbekommen" oder "Solidarität mit polnischen Frauen", stand darauf. In ihren Händen hielten die Demonstranten einfache Drahtbügel, wie man sie aus der Reinigung kennt; hier als Symbol für eine unsichere, private Abtreibung. Weit vorne, am Megafon Krzysztof Ignaciuk. Er hat vor kurzem eine neue Partei mitgegründet, die knappe vier Prozent bei der letzten Wahl in Polen geholt hat. Die Partei heißt "Razem", auf Deutsch - "Gemeinsam". Sie will eine andere Art Politik - gemeinsam mit den Bürgern - und glaubt, dies ist möglich. Bei der Demonstration auf der Berliner Museumsinsel rief Ignaciuk:

"Diese Demo ist auch eine Männersache! Eure Wahlfreiheit ist ein Wert für uns und Teil unserer Freiheit! Euer Zugang zum öffentlichen Gesundheitswesen und eure Schwangerschaft dürfen nicht von Angst erfüllt sein!" 

Die konservative Regierung rudert zurück

Aber noch ist nichts entschieden. Selbst die konservative Premierministerin Polens, Beata Szydło, die sich für das komplette Abtreibungsverbot ausspricht, schlägt jetzt eher milde Töne. In einem Interview für den Polnischen Rundfunk Anfang April unterstrich sie:

"Lasst uns abwarten. Es gibt keinen Fraktionszwang bei der PiS und jeder wird nach eigenem Gewissen abstimmen. - Ich bin überrascht, wie viel dieses Thema an Aufmerksamkeit gewinnt. Denn derzeit arbeitet die polnische Regierung an keinem solchen Gesetz. Das Gesetz gibt es noch nicht; erst einmal nur einen Bürgerentwurf." 

Die diesjährige Abtreibungsdebatte in der polnischen Öffentlichkeit ist heftiger als die der letzten Jahre. Das vorgeschlagene Projekt der Pro-Life-Aktivisten soll nämlich die Abtreibung in Polen komplett verbieten.

Egal, wie die Entscheidung im Warschauer Parlament ausfällt, die polnischen Frauen werden weiterhin im Ausland abtreiben. Im Krankenhaus Prenzlau zahlen sie dafür 400 bis 500 Euro. Eine Alternative gibt es für diese Frauen nicht.

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