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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.01.2015

Zum Tod von Will McBrideDie wilde Schönheit des Aufbegehrens

Von Jochen Stöckmann

Der Fotograf Will McBride (picture alliance / dpa / Tim Brakemeier)
Will McBride (1931−2015) im Oktober 2014 in der Galerie C/O Berlin (picture alliance / dpa / Tim Brakemeier)

Der amerikanische Fotograf und Künstler Will McBride war einer der großen Foto-Reporter. Furore machte er aber auch mit einem gewagten Aufklärungsbuch.

Als Will McBride, der ehemalige GI, die deutsche Fotolandschaft aufrollte, da hatte er ein Renommee als arrivierter Bildreporter zu verlieren. Ob "Quick", "Stern" oder "Paris Match", die großen – und entsprechend zahlungskräftigen – Magazine druckten Aufnahmen des erfolgreichen Freelancers ab: Panzer, die aus Ost und West am Checkpoint Charlie aufeinander zudonnern. John F. Kennedy vor der Berliner Mauer mit Adenauer und Willy Brandt, ganz aus der Nähe aufgenommen. Dazu die damalige Illustriertenprominenz: Peter Kraus, Heidi Brühl oder Lilo Pulver. Das war manchmal aufregend oder kribbelnd, aber durchweg konventionell fotografiert.

Ganz anders dagegen Fotos, mit denen der Amerikaner in Berlin – 1931 in St. Louis geboren – Jugendliche mit Schmalztolle, Lederjacke oder Petticoat in Szene setzte, ihrem Lebensgefühl Ausdruck gab. Etwa mit der Reportage "Jazz auf dem Fluß": Aus extremer Untersicht, mit ungewöhnlich schwungvollen Perspektiven, grobkörnig, aber niemals grau, mit effektvollen Schwarzweißkontrasten.

Gewagtes Aktfoto in einer bigotten Republik

Das war die Ästhetik von TWEN. Diese Zeitschrift wurde McBrides Zuhause, sein Familienalbum. Wie er in Bohème-Manier mit seiner Frau im Bett frühstückt, wie beide ihren Partyrausch auskosten, alles konnten ihre Leser mitverfolgen. Und dann dieses berühmte TWEN-Cover: McBrides Frau in halb geöffneter Jeans, hochschwanger, im Profil. Das war ein gewagter Akt in der bigotten, auf Anstand mehr noch als auf Moral bedachten Bundesrepublik.

Jahrzehnte später hatten sich die Wogen geglättet – und McBrides Attacken auf den ach so guten Geschmack der verspießerten 60-er zeigten ihre eigentliche, ihre stilbildende Wirkung: 1991 ahmte Anne Leibovitz sein TWEN-Cover für "Vanity Fair" nach, mit einer halbnackten, schwangeren Demi Moore. Das war Abkupfern im besten Sinne, als Hommage an eine fotoästhetische Pioniertat. McBrides wilde Schönheit jugendlichen Aufbegehrens – heute fortgeführt durch Nan Goldin oder Wolfgang Tillmans –, diese ruppige und fordernde Fotografie hat überdauert, hat sich besser gehalten als Jungmädchen-Träume der Weichzeichner vom Schlage eines David Hamilton.

Kindliche Triebe nicht verleugnen

Aber auch vor diesem Genre scheute McBride nicht zurück – wenn er damit seine eigenen Ziele verfolgen konnte. 1974 erschien "Zeig mal!", ein Aufklärungsbuch gegen den allein biologisch ausgerichteten Sexualkundeunterricht. Das Cover mit Buben und Mädel, splitternackt und sich selbst höchst interessiert betrachtend, würde heute jedem Verleger ein Verfahren wegen Kinderpornografie bescheren. McBride ging es damals um eine "Anleitung zur Liebesfähigkeit", um einen unbefangenen Umgang mit Sexualität, der kindliche Triebe nicht aufstachelt, sie aber auch nie verleugnet. In den USA erschien "Show Me" ein Jahr später – und wurde wegen der Bilder auf der Stelle verboten. Immerhin auch ein Zeichen für den Stellenwert der Fotografie.

Will McBride widmete sich unterdessen – zurückgezogen in der Toskana – der Malerei. Wieder in Berlin zeigte im Sommer 2009 eine Galerie die Bilder. Ein wiederkehrendes Motiv waren Schuljungen – die in ihrer aufreizenden, lasziven Harmlosigkeit mit Gewalt konfrontiert, von Panzern  überrollt werden. Mit diesem Antikriegs-Gestus hatte Will McBride, der jetzt im Alter von 84 Jahren gestorben ist, auch sein letztes Werk "No War!" geschaffen: Die monumentale Installation umfasst 200 Bronzeskulpturen und Gemälde. Ein Museum hat sich dafür nicht gefunden. Die Fotografien sind einfach griffiger.

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