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Studio 9 | Beitrag vom 06.08.2019

Zum Tod von Toni MorrisonMit wachem Blick, voller Menschlichkeit

Von Johannes Kaiser

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Toni Morrison spricht auf der Bühne des Auditorium der George Washington University, September 2011. (Getty Images / Kris Connor )
Die Schriftstellerin Toni Morrison (Getty Images / Kris Connor )

Toni Morrison wurde eher unabsichtlich zu einer kulturellen Wortführerin des schwarzen Amerika. In ihren Romanen zeigte sie eine Welt, die den Weißen unbekannt war und von der Schwarze nicht dachten, dass sie von Bedeutung ist.

Im Jahr 1993 wurde Toni Morrison als erster afroamerikanischer Schriftstellerin der Literaturnobelpreis verliehen. Als Chloe Anthony Wofford am 18. Februar 1931 in Lorain im US-Bundesstaat Ohio geboren, war sie das zweite von vier Kindern. Damals steckten die USA in einer ihrer schwersten Wirtschaftskrisen, der Großen Depression. Tonis Vater nahm jeden Job an, der sich ihm bot. Geld war eigentlich nie da. Doch die meisten schwarzen Familien in ihrer Nachbarschaft waren arm. Da Toni Morrison nichts anderes kannte, empfand sie ihre Kindheit nicht als hart, sondern als wohlbehütet und glücklich.

Nach ihrem Abschluss in englischer Literatur an der Cornell University wurde sie Hochschuldozentin, heiratete dann einen Architekten aus Jamaika, bekam zwei Kinder. Doch die Ehe hielt nicht lange. Morrison ließ sich 1964 scheiden, um fortan in New York die nächsten 18 Jahre als Lektorin für schwarze Literatur in einem renommierten Verlag zu arbeiten. Nebenher begann sie Romane zu schreiben.

Kulturelle Wortführerin

"Ich weiß nicht, wie das bei den Nobelpreisträgern ist, die aus der Wissenschaftswelt kommen, aber in der Literatur werden sie automatisch als kulturelle Wortführer angesehen und das ist eine schwierige Rolle, wenn man sie nicht will", erklärte Morrison einmal. "Ich spreche jetzt von einer Art Sockel, auf den man mich gestellt hat. Diesen Teil mag ich überhaupt nicht, denn ich möchte weiterhin zwanglos bleiben können und auch mal Unrecht haben. Wenn mir etwas wirklich wichtig ist, dann behandle ich es in den Romanen oder in Essays oder in Vorlesungen."

Diesem Vorsatz ist Toni Morrison stets treu geblieben. Sie hat nie zu jenen gehört, die sich in alle Debatten einmischten, hat jeden Starrummel gehasst. Dass man sie als moralische Autorität ansah, kommentierte die Schriftstellerin lapidar.

Allerdings genoss sie die finanzielle Sorglosigkeit, die ihr der Nobel-Preis gestattete. Trotz elf erfolgreicher Romane, zahlreicher Kurzgeschichten und Theaterstücke hatte die alleinerziehende Mutter bis dato neben dem Schreiben stets einen Job gebraucht, um sich und ihre beiden Söhne durchzubringen.

Zwischen Anpassung, Unterwerfung und Auflehnung

Überhaupt hatte sie spät mit dem Schreiben begonnen, weil sie sich einfach nicht vorstellen konnte, dass es noch keine Bücher über die Welt der schwarzen Frauen geben sollte, die sie erlebt hatte. Als ihr dieses Versäumnis bewusst wurde, setzte sie sich an ihren 1970 erschienenen Erstling "Sehr blaue Augen", der schildert, wie ein kleines schwarzes Mädchen seine weiße Umwelt erlebt. Morrison wurde zur ersten schwarzen Schriftstellerin, die sich traute, die Hassliebe auf alles Weiße, die Balance zwischen Anpassung, Unterwerfung und Auflehnung ehrlich und unverblümt darzustellen. Keiner hat vor ihr die Welt der schwarzen Frauen in Hinterhöfen und Herrenhäusern so eindringlich ohne Scheuklappen, falsches Mitleid oder sozialkritischen Zeigefinger geschil­dert. Es sind Geschichten aus einer Welt, in der die Weißen nur als ferne Bedrohung oder Verlockung existieren:

"Weiße Frauen schreiben offensichtlich über weiße Männer, denn es sind ihre Väter, Söhne, Männer. Weiße Männer schreiben über weiße Männer, denn das ist es, was sie selbst sind. Schwarze Schriftsteller schreiben über weiße Männer, denn damit werden sie ständig konfrontiert. Schwarze Schriftstellerinnen tun das nicht. Weiße Männer existieren für sie im Prinzip nicht. Wenn Sie die aber aus Ih­rer Erzählung rauslassen, öffnet sich eine ganze Welt. Es ist eine riesige Befreiung, nicht darüber nachdenken zu müssen. Plötzlich gibt es lauter andere wichtige ernste Sachen, an die Sie denken."

Wie bleibt der Mensch ein Mensch?

Toni Morrisons Romane kommen für weiße Leserinnen und Leser Erkundungen ei­ner fremden, unbekannten Welt gleich: Zwar sind die Gefühle der Heldinnen vertraut, begreifbar, den eigenen ähnlich. Aber ihr Verhalten, ihre Denkweise erscheinen befremdlich, mysteriös, erstaunlich, sogar exotisch. Dabei hat sich die Schriftstellerin auch immer wieder mystischer und magischer Elemente bedient, von den Vorfahren aus Afrika mitgebracht. Morrison zeigte eine schwarze Kultur, wie sie bis dahin niemand beschrieben hatte. Doch sie hat nie für sich in Anspruch genommen, alles erklären zu können:

"Für mich beginnen alle Romane mit Fragen", erklärte sie. "Manchmal verstehe ich nicht, wie etwas hat geschehen können oder welche Konsequenzen bestimmte Handlungen haben. Und wenn ich darüber viel nachdenke, tauchen immer mehr Fragen auf und die Romane werden in dem Sinne zu Erkundungen. Sie bieten nicht wirklich Antworten, aber erhellen doch manches."

Morrison ging es vor allem um die Grundfrage: Wie bleibt ein Mensch selbst unter schlimmsten Verhältnissen ein Mensch? Woher haben die Schwarzen ihre spirituelle und psychische Stärke genommen? Was geschieht mit der Liebe unter solchen Verhältnissen? Dabei hat sie stets vermieden, die Afroamerikaner zu Gutmenschen zu stilisieren. Sie sind keine edlen Helden, vielmehr Menschen wie du und ich. Und doch bestimmt ihre Hautfarbe ihr Schicksal.

Historische Amnesie in den USA

Toni Morrison ist immer wieder tief in die Geschichte der Afroamerikaner eingestiegen. So enthüllt ihr fünfter Roman "Menschenkind", der ihr den Pulitzer-Preis einbrachte, unglaublich schockierende Einzelheiten des Alltags der schwarzen Sklaven in den USA. In "Paradise", 1998 erschienen, spürte sie der vergessenen Gründung rein schwarzer Städte nach, die nach Ende der Sklaverei entstanden, befasste sich in "Jazz" mit Harlem in den 30er-Jahren, ging in "Mercy" auf den Beginn der Sklaverei in den USA gegen Ende des 17. Jahrhundert zurück. Sie hat in ihren Romanen nur ungern Gegenwartsthemen aufgegriffen:

"Aktuelle Ereignisse interessieren mich in einem Roman überhaupt nicht. Es scheint mir, dass sogar das, was ich über die Ge­genwart denke, ein Produkt meines Nachdenkens darüber ist, was früher war. Zu dem Schändlichsten, was in den Vereinigten Staaten existiert, gehört diese Art historischer Amnesie. Niemand erin­nert sich an irgendetwas, das länger als drei Monate zurückliegt. Man redet so, als wäre das Leben vor zehn Jahren erfunden worden und vorher nichts gesche­hen, wiederholt daher ständig dieselben Fehler, reiht eine Enttäuschung an die andere, weil man die Stärken und Schwächen der Vergangenheit nicht kennt. Das ist der Prozess des Lernens."

Toni Morrisons Romane haben zumindest uns Europäerinnen und Europäern eine völlig unbekannte Welt eröffnet. Ihr wacher Blick, ihre Menschlichkeit, ihr feines Gespür für alle Formen von Diskriminierung werden auch künftige Generationen faszinieren.

Toni Morrison ist am gestrigen Montag nach kurzer Krankheit im Alter von 88 Jahren in New York gestorben, wie ihr Verlag mitteilte.

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