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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.11.2013

Zum Tod von Peter KurzeckDas Erzählen als "mantrahafte Einübung" des Schreibens

Der Autor Andreas Maier über den verstorbenen Schriftsteller Peter Kurzeck

Moderation: Sigrid Brinkmann

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Der Stadtschreiber des Frankfurter Stadtteils Bergen-Enkheim, Peter Kurzeck, befestigt am 1.9.2000 ein Metallschild mit seinem Namen an der Fassade des Stadtschreiberhauses (picture-alliance / dpa / Arne Dedert)
Der Schriftsteller Peter Kurzeck trat am 1.9.2000 sein Amt als Stadtschreiber des Frankfurter Stadtteils Bergen-Enkheim an. (picture-alliance / dpa / Arne Dedert)

Peter Kurzeck, der am 25. November 2013 im Alter von 70 Jahren verstorben ist, habe seine Werke im Austausch mit Vertrauten entwickelt, erzählt der Autor Andreas Maier. Jahrelang habe ihn Kurzeck beispielsweise von unterwegs aus Telefonzellen angerufen - oftmals eine oder eineinhalb Stunden lang.

Der Schriftsteller Peter Kurzeck war eine eigenwillige unnachahmliche Persönlichkeit. Und das als Autor wie als Vortragender, der seine Hörbücher zum Teil auch ohne Manuskript aufnahm. Er wurde 1943 im böhmischen Tachau geboren und später mit bedeutenden Literaturauszeichnungen wie dem Alfred-Döblin und dem Grimmelshausen-Preis geehrt. Viele Jahre war er in Frankfurt am Main zu Hause. Seine zweite Heimat war Uzès in der Provence. Dort verbrachte er den Großteil des Jahres. Der Schriftsteller Andreas Maier lebt ebenfalls in Frankfurt am Main und war in engem Kontakt mit Peter Kurzeck.

"Ich war jahrelang einer von denen, die der Peter, wenn er unterwegs war, aus Telefonzellen angerufen hat", erzählt Maier. "Das war so eine Art von Hilfekette für ihn, mit der er sich durch den Tag gehangelt hat." Wenn das Telefon geklingelt habe und Peter Kurzeck dran gewesen sei, habe er gewusst: "Jetzt gibt's eine Stunde, eineinhalb Stunden nur den Peter." Kurzeck habe den Austausch mit Vertrauten gebraucht. Das sei "eine Art von gepflegter, stilisierter Bedürftigkeit" gewesen, "die in seinen Text reingeragt hat als auch in seine Person", sagt der 46-Jährige. "Wie immer ist das, was man ist und wie man sich selbst zurechtlegt, nie zu trennen gewesen."

"Unglaubliches Qualitätsurteil"

Er habe seine Werke, auch seine Hörbücher - frei gesprochene Texte wie etwa "Mein wildes Herz" -, in Gesprächen mit Freunden und Bekannten entwickelt, erklärt Maier."Alles, was der Peter dem Publikum in den Hörbüchern nahe gebracht hat, hat er mir Jahre vorher schon in ähnlicher Ausführlichkeit improvisatorisch über Stunden erzählt. Das sei eine "mantrahafte Einübung und Vorübung" dessen gewesen, was später seine Prosa werden sollte.

Aus Frankreich musste Peter Kurzeck häufig nach Deutschland pendeln. Denn das sei der einzige Markt für seine Bücher gewesen, da sie in keine andere Sprache übersetzt wurden. Dieser Umstand sei ein "unglaubliches Qualitätsurteil", so Andreas Maier. Denn diese Prosa funktioniere nur so, wie Kurzeck sie geschaffen habe.

Auf die Frage, ob Kurzecks rastlos wirkender Drang zur Beobachtung und zum Bewahren jedes Details - wie es von Leuten beschrieben wird, die ihn gut kannten - aus den Erfahrungen des Kriegs und der Flucht gespeist wurde, antwortet Andreas Maier: "Ich habe ihn nie als akribischen Beobachter wahrgenommen. Er hat ein bisschen die Rolle gespielt, weil das auch wunderbar zu seiner Literatur gepasst hat." Maier sagt, er glaube dieses Bedürfnis nach Beobachtung und Bewahrung nicht. Man müsse eine Sprache für die Dinge finden und darin könnten sehr viele Dinge vorkommen. "Der Peter hat es geschafft, eine Sprache zu finden, in der er sehr viel drin haben kann an erzähltem Material, an Erinnerung aus der Umwelt."

"Er ist nach wie vor unter uns"

Dass Peter Kurzecks Romanzyklus "Das alte Jahrhundert" - fünf von zwölf Bänden sind geschrieben - unvollendet bleiben wird, bezweifelt Andreas Maier. In Uzès liege sehr viel, was gesichtet und geordnet werden müsse. Er hoffe, dass sich dafür jemand finde. "Ich glaube schon, dass der Peter die weiteren Bände so skizziert hat, dass auch sichtbar werden kann, worum es da hätte gehen sollen und dass der Tonfall auch spürbar wird", ist Maier überzeugt. "Ich glaube nicht, dass der Peter mit all seinen Texten demnächst ins Grab steigen wird. Er ist nach wie vor unter uns."

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