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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.12.2019

Zum Tod von Martin WarnkeRevolutionär der Kunstgeschichte

Frank Fehrenbach im Gespräch mit Marietta Schwarz

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Eine Fotographie des Kunsthistorikers Martin Warnke aus dem Jahr 2006. Er trägt eine Anzug-Jacke und Krawatte und blickt leicht lächelnd in die Kamera (Gerda Henkel Stiftung)
Klare Sprache, gelassener, aufklärerischer Duktus: der Kunsthistoriker Martin Warnke. (Gerda Henkel Stiftung)

Er war alles andere als "nur" ein Kunsthistoriker, er prägte eine neue Sicht auf die Kunst: Martin Warnke. Nun ist er mit 82 Jahren gestorben. Herausragend waren seine Berichte für die "Stuttgarter Zeitung" über die Auschwitz-Prozesse.

Martin Warnke habe mit der Vorstellung gebrochen, dass man auch in der Kunst einen individuellen Religionsersatz finden könne, erklärt Frank Fehrenbach, Vorsitzender des Beirats der von Warnke ins Leben gerufenen Aby-Warburg-Stiftung in Hamburg. Warnke habe den "in der deutschen Kunstgeschichte vor allem fortwirkenden ästhetizistischen Ansatz" radikal infrage gestellt: "Und das war natürlich zunächst ganz, ganz schockierend".

Pathosfreier Umgang mit Kunst

Martin Warnke, der nun im Alter von 82 Jahren gestorben ist, war Professor für Kunstgeschichte an der Universität Marburg. Eine Besonderheit sei von Anfang an sein "sehr kühler Zugriff auf die Kunstgeschichte" gewesen und "ein pathosfreier Umgang mit Kunstwerken", gleichzeitig habe Warnke  "eine ungeheure Präzision in der Sprache" gehabt, so Fehrenbach. "Es ist eine sehr klare Sprache, die ihn ausgezeichnet hat, ein sehr gelassener, sehr aufklärerischer Duktus. Und das ist doch für Kunsthistoriker erst mal relativ ungewohnt gewesen, denn die Betriebstemperatur im Umgang mit Kunstwerken war eigentlich bis zu Martin Warnkes Auftreten normalerweise eine relativ hohe."

Herausragend waren seine Berichte für die "Stuttgarter Zeitung" über die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt am Main und sein nachhaltiger Einfluss auf die Kunstgeschichte, in der er sich immer für einen neuen, auch sozialgeschichtlich geprägten Blick einsetzte.

"Also die angebliche Politikfernheit, die Unabhängigkeit, dann auch letztlich durch die Nationalsozialisten kontaminierten Denkformen, die hat er eben infrage gestellt und gezeigt, dass die Kunstgeschichte in ihrer Sprachverwendung eigentlich immer noch stark hierarchischen, um nicht zu sagen: gewaltsamen Mustern anhängt", so Fehrenbach.

Bilderarchiv zu politischer Propaganda

Sehr prägend für Warnke war Aby Warburg, dessen Lehre er weitergedacht hat. Warburg selbst habe sich vor allem im Spätwerk in den 20er-Jahren immer wieder intensiv mit dem Fortleben von traditionellen Bildmustern beschäftigt. Gerade in einer Zeit der aufkommenden Totalitarismen interessierte er sich für die Bildformen der politischen Propaganda. "Und das hat Martin Warnke entscheidend vorangetrieben, weitergetrieben. Das Ergebnis ist ein unglaublich reicher Bestand an kartografierten Bildern, ein Bilderarchiv, das sich in Hamburg befindet und das nun zeigt, wie im Bereich der Politik alte und älteste Bilder immer weiter fortwirken und das in allen Varianten durchzuexerzieren war die Lebensaufgabe von Martin Warnke", so Fehrenbach.

Für sein Archiv sammelte er Zeitungsausschnitte, Postkarten, alle möglichen politischen Plakate oder Flugblätter der frühen Neuzeit. "Da gibt es also einen unglaublichen Fundus von Bildern, die in irgendeiner Weise auf soziale Wirklichkeit und politische Herrschaftsverhältnisse Bezug nehmen", erklärt Fehrenbach. "Ich erwähne nur als ein Beispiel die immer wieder unglaublich dauerhaften Versuche, politische Herrschaft mit bestimmten Tierformen zu verbinden, den politischen Herrscher mit bestimmten Tier-Attributen auszustatten."

(nho)

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