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Thema / Archiv | Beitrag vom 30.05.2014

Zum Tod von Karlheinz Böhm"Ein unbestechlicher Humanitärer"

Rupert Neudeck über das Lebenswerk des Schauspielers und Entwicklungshelfers

Karlheinz Böhm am 23.06.2011 in Addis Abeba in Äthiopien (picture alliance / dpa / Tobias Hase)
Der Wechsel in die Entwicklungshilfe sei nicht der erste Bruch in Böhms Biografie gewesen, sagt Neudeck. (picture alliance / dpa / Tobias Hase)

Karlheinz Böhm sei "einer der stärksten politischen Agenten" in der Bundesrepublik gewesen, sagt Rupert Neudeck. Den Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur und den verstorbenen Schauspieler verband eine lange Freundschaft.

Susanne Führer: Es gibt viele Hilfsprojekte, Vereine, Organisationen, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Not der Menschen zu lindern. Manche sind prominenter als andere. Dass die Stiftung "Menschen für Menschen" so bekannt war und ist, hat sie wohl der Tatsache zu verdanken, dass sie von einem ehemaligen Schauspieler gegründet und geleitet wurde, nämlich von Karlheinz Böhm, der in den "Sissi"-Filmen Kaiser Franz Joseph gespielt hatte. Heute wurde bekannt, dass Karlheinz Böhm gestern Abend in seiner Heimat Österreich gestorben ist. Am Telefon ist nun Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur und aktuell Vorsitzender der Grünhelme. Guten Tag, Herr Neudeck!

Rupert Neudeck: Ja, guten Tag!

Führer: Sie kannten ja Karlheinz Böhm recht gut. Wie haben Sie die Todesmeldung aufgenommen?

Neudeck: Ja, das ist eine im Grunde furchtbare Nachricht. "Jeder Tod ist ein Mörder", hat Simone de Beauvoir beim Tod ihrer Mutter gesagt. Und ich habe das nie vergessen, mit jedem Tod muss man erst fertigwerden, zumal wenn man über eine so lange Wegstrecke mit ihm zusammengearbeitet und ihn begleitet hat, ihn beobachtet hat, mit ihm gestritten hat, dann ist ein Tod natürlich ein Abschied, ein Ende und erst mal die Leere. Und wir müssen damit fertig werden.

Führer: Eine lange Wegstrecke, sagen Sie. Wie und wann haben Sie denn Karlheinz Böhm kennengelernt?

Neudeck: Wir sind zwei Jahre auseinander bei der Geburt, bei unserer zweiten Geburt. Ich glaube, das Wort ist sogar sehr gut, denn ich habe das als eine zweite Geburt erlebt, neben meinem Beruf als Journalist noch eine zweite Arbeit zu haben. Er hat mit der Schauspielerei im Grunde abgeschlossen und etwas anderes gesucht, ihn hat der Hunger auf der Welt so furchtbar mitgenommen, dass er in dieser berühmten Szene 1981 bei Elstner in der Sendung diese unglaubliche ...

Führer: "Wetten, dass ..."

Neudeck: ... komische Wette eingegangen ist, die aber dann dazu geführt hat, dass er 1,7 Millionen DM bekam, und das war der Auftrag für ihn.

Führer: Wir sollten noch mal kurz erinnern: Er hat gewettet, dass nicht jeder dritte Zuschauer spenden wird. Und wenn er die Wette verliert, dann würde er nach Afrika gehen und dort helfen. Und das hat er dann getan.

"Mit größtmöglicher Naivität begonnen"

Neudeck: Ja. Es war eine Wette um alle möglichen Ecken herum, ich glaube, er hat mir das auch noch mal gesagt, dass ihn das damals überkommen hat. Alles war falsch an der Wette, man konnte gar nicht eine D-Mark irgendwie auf ein Konto bringen, man konnte auch nicht persönlich das zu dem Bundespräsidenten bringen, was er gesagt hat. Aber das zeichnet große humanitäre Aktionen aus, dass sie begonnen werden und nur begonnen werden können mit einer größtmöglichen Naivität. Das kenne ich auch von unseren Arbeiten und das war bei ihm auch der Fall.

Führer: Gut, das war 1981. Und wie und wann haben Sie ihn nun kennengelernt?

Neudeck: Wir haben uns kennengelernt, weil er uns sofort angerufen hat, nachdem er beschlossen hat, diese Arbeit zu beginnen. Wir haben uns besucht, er ist bei uns gewesen, ich bin auch mal in Düsseldorf gewesen, wo er damals wohnte, und er hat uns gefragt, wie man das denn so macht mit dem Beginn einer Arbeit. Er war also damals schon sehr bereitwillig, mit anderen zusammen etwas zu überlegen. Er ist dann in sein Land gegangen, das bis zum Ende und bis heute, auch für seine Frau, die die Nachfolge von ihm übernommen hat, sein Land geblieben ist, nämlich nach Äthiopien. Und das war ein Land, das uns Deutsche damals umgetrieben hat, weil, dort war eine der furchtbarsten Hungerkatastrophen, Dürrekatastrophen ausgebrochen. Zugleich war es eine schlechte Regierung, die mit dieser Hungerkatastrophe nicht fertig wurde. Also, es war alles da, um ganz kräftig Hilfe zu leisten. Und er hat es mit seinen Mitteln, mit seinen Möglichkeiten, die damals mit großen Spenden aus der Bevölkerung der Bundesrepublik kamen, mit Bravour gemacht.

Führer: Karlheinz Böhm ist gestern Abend gestorben, aus diesem Anlass spreche ich im Deutschlandradio Kultur mit Rupert Neudeck über Karlheinz Böhm und seine Organisation Menschen für Menschen. Herr Neudeck, Sie haben vorhin gesagt, Sie hätten sich auch mit ihm gestritten. Ging es da um die Art, wie man so eine Hilfe organisiert?

Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisation "Grünhelme" (dpa / picture-alliance / Britta Pedersen)Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisation "Grünhelme" (dpa / picture-alliance / Britta Pedersen)

Neudeck: Weniger. Wir waren ganz unterschiedliche Typen. Wir waren unglaublich unterschiedlich im Bezug auf die Arbeit vor Ort. Ich war immer misstrauisch gegenüber Regierungen, zumal wenn es Diktaturen sind, zumal wenn es in einem Land wie Äthiopien schon einen Bürgerkrieg gab. Er hat sich viel zu schnell – das war meine Einschätzung – immer rangeschmissen an die Machthaber. Das war, glaube ich, auch sein Erbteil aus seiner Zeit als Schauspieler. Er hat das auch bewundert und uns beneidet um das politische Fingerspitzengefühl. Darin konnten wir uns aber streiten und konnten diesen Streit sogar heftig betreiben, ohne dass unsere Freundschaft und unsere Kooperation je auseinandergegangen ist.

Wir waren dann in diesem Bürgerkriegsland Äthiopien ganz schnell – "wir" meint: Cap Anamur/Deutsche Notärzte –, wir waren ganz schnell auch auf der anderen Seite. Es gab ganz große Gebiete in Äthiopien, die wurden beherrscht von den Befreiungsfronten, der eritreischen Befreiungsfront und von der Tigray-Befreiungsfront. Das hat er nicht gemacht, er war sehr eng liiert mit der Regierung, ohne das zu merken. Dann gab es eine große Krise für ihn, als Mengistu – Haile Mariam Mengistu war damals der Diktator, der dann gestürzt wurde im Zuge des Mauerfalls, weil er eben mit Moskau kooperiert hat –, und er hat uns dann gebeten, den Kontakt ... ihn einzuführen im Grunde bei den Befreiungsbewegungen. Und das haben wir auch getan, das war auch gar keine Schwierigkeit, das zu tun, weil, Karlheinz Böhm war bis an sein Lebensende ein unbestechlicher Humanitärer.

"Fassbinder machte ihn zu einem ganz anderen Schauspieler"

Führer: Das ist ja ein großer Schritt, den er gemacht hat, vom Studio nach Äthiopien. Haben Sie den Eindruck, dass er sich verändert hat durch seine Arbeit für diese Organisation beziehungsweise durch seine vielen Aufenthalte auch in Afrika?

Neudeck: Ja, ganz sicher, das kann ja gar nicht ausbleiben. Es war für ihn aber nicht nur Bruch, darüber haben wir natürlich oft gesprochen. Er hatte ja schon einen ersten Bruch selbst produziert und selbst vorgenommen, als er als anerkannter Grandseigneur der Hollywood-Schauspielerei eben zu Fassbinder gegangen ist in den 70er-Jahren, oder schon Ende 60er-, 70er-Jahren. Und Fassbinder war natürlich ein Revolutionär, nicht nur auf der Kinoleinwand, sondern auch in seinem Leben. Und er wurde Schauspieler, das hat er nie vergessen ... Fassbinder hat ihn im Grunde zu einem ganz neuen, ganz anderen Schauspieler gemacht. Und das führte dahin, dass er ein Rebell wurde, der dann die humanitäre Arbeit entdeckt hat und damit eben sein ganzes zweites Leben ausgestattet hat.

Führer: Karlheinz Böhm hat ja seine Prominenz als Schauspieler auch für seine Hilfsarbeit genutzt. Seine Organisation hat bis heute 415 Millionen Euro in Äthiopien eingesetzt. Er war sozusagen auch auf diesem Gebiet ein Star. Halten Sie das für legitim?

Neudeck: Absolut. Wenn es für den guten Zweck ist, darf man nicht eine Sekunde zögern, so etwas auszunutzen, wahrzunehmen. Ich besinne mich, dass einer der Größten unserer Zunft, der Franziskanerpater Abbé Pierre in Frankreich einmal in unserer Zeit, damals, als wir so aktiv waren in Äthiopien, den Leninpreis annahm, den es damals noch in Moskau, im alten sozialistisch-kommunistischen Moskau gab, und alle Welt über ihn hergefallen ist. Und er hat gesagt: Wenn ich das Geld kriege und muss dafür nichts tun, muss dafür mein Rückgrat nicht krümmen, dann nehme ich das Geld sofort und baue dafür Häuser für die Obdachlosen in Paris.

Führer: Ja, die Welt ist ja kompliziert, was auch die Hilfe angeht. Das ist ja auch eine zwiespältige Angelegenheit, sie kann ja auch zur Verfestigung von Abhängigkeit führen. Ich will jetzt gar nicht die grundsätzliche Debatte über Entwicklungshilfe führen, aber man kann ja schon sagen, dass die Bilder, die Karlheinz Böhm produziert hat oder hat produzieren lassen, ja auch dieses Klischee eigentlich immer wieder genährt haben: Hier steht der starke, weiße, strahlende Mann inmitten seiner schwachen schwarzen Schützlinge.

Neudeck: Na ja, aber er hat ... Wir dürfen nicht vergessen, er hatte dann doch eine äthiopische Frau. Und das war nicht eine Irgendwer, sondern das war eine unglaublich intelligente, kluge und fähige Frau, die Almaz, wir alle kannten und liebten. Und mit der hat er das ja dann in der letzten ... in der zweiten Hälfte oder im letzten Drittel dieser Zeit in Äthiopien zusammen gemacht. Er hat auch verstanden, die Arbeit dort zu äthiopisieren in den verschiedenen Stammesgebieten, in denen er tätig war. Er hat eigene Mitarbeiter dort hochkommen lassen.

"Auch politisch den richtigen Dreh gefunden"

Das heißt, "Menschen für Menschen" war damals, in der Zeit, als ich das noch vor Ort beobachten konnte, auch schon eine zu zwei Dritteln äthiopische Organisation geworden und lebte zu zwei Dritteln eben auch weiter, oder zur Gänze von den Geldern der reichen Menschen aus unserem Land, der Bundesrepublik Deutschland. Er hat auch politisch natürlich den richtigen Dreh gefunden, er war einer der stärksten politischen Agenten in der Bundesrepublik, die wir auch heute brauchen würden, der gegen den Waffenexport von Europa nach Afrika eingeschritten ist. Wenn wir das beherzigt hätten, was Karlheinz Böhm mehrmals, immer wieder bei seinen Auftritten gesagt hat, dann ständen wir im Moment zum Beispiel nicht im Südsudan in einer Katastrophe, weil da wieder so viele Waffen in ein Land gekommen sind, das ganz neu auf der afrikanischen Landkarte entwickelt wurde und seine Unabhängigkeit bekam.

Führer: Zum Tode Karlheinz Böhms war das Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur und der Vorsitzende des Friedenscorps Grünhelme. Danke für das Gespräch, Herr Neudeck!

Neudeck: Danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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