Zum Tod von Jean-Luc Godard

Meister des filmischen Experiments

Schwarz-weiß Porträt von  Jean-Luc Godard im April 2001. Mit gefalteten Händen schaut er konzentriert Richtung Kamera.
Pionier der Nouvelle Vague: Jean-Luc Godard, hier im Jahr 2020. © Getty Images / Sygma / Christophe D Yvoire
Von Bernd Sobolla · 13.09.2022
Der französisch-schweizerische Filmregisseur Jean-Luc Godard ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Der Mitbegründer der "Nouvelle Vague" brach oft mit Konventionen und gilt als einer der einflussreichsten Regisseure der Filmgeschichte.
Der Regisseur Jean-Luc Godard gehört mit Francois Truffaut, Jacques Rivette und Eric Rohmer zu den wichtigsten Regisseuren der Filmbewegung "Nouvelle Vague" und gilt als einer der einflussreichsten Filmemacher überhaupt. Nun ist er im Alter von 91 Jahren gestorben.
Unter seinen Werken sind Meilensteine der Filmgeschichte wie "Außer Atem" oder "Elf Uhr nachts". Alle seine Filme hatten einen experimentellen Charakter und Godard setzte sich in ihnen, besonders in den 1960er-Jahren, intensiv mit dem Kapitalismus auseinander.
In seinem Film "Elf Uhr nachts" flieht ein junges Paar, gespielt von Anna Karina und Jean-Paul Belmondo, aus einer bürgerlichen Wohlstandswelt, hält sich mit Diebstählen über Wasser und ist immer unterwegs. Der Film aus dem Jahr 1965 steht exemplarisch für Godards Ansatz, Komödie und Tragödie, Philosophie, Poesie und Gesellschaftskritik zu mischen.

Redaktionell empfohlener externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt. Deutschlandradio hat darauf keinen Einfluss. Näheres dazu lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung. Sie können die Anzeige jederzeit wieder deaktivieren.

Jean-Luc Godard wird 1930 in Paris geboren und wächst in einer großbürgerlichen französisch-schweizerischen Familie auf. Er studiert an der Sorbonne Ethnologie und kommt in seiner Studienzeit mit einem Filmclub in Kontakt, in dem er Francois Truffaut, Jacques Rivette und Éric Rohmer kennenlernt.
Gemeinsam gründen sie 1950 eine Filmzeitschrift, die aber schnell wieder eingestellt wird. Als André Bazin ein Jahr später das Filmmagazin "Cahiers du cinéma" gründet, gehört Godard zu den ersten Autoren. Parallel dazu dreht er viele Kurzfilme und 1960 seinen ersten Spielfilm - "Außer Atem".

Der Erfolg ist ihm suspekt

Für den Gangster- und Beziehungsfilm benutzen Godard und Kameramann Raoul Coutard eine Handkamera. Sie drehen nicht im Studio, sondern nur an Originalschauplätzen und oft mit Achsensprüngen. Im Schnitt montiert Godard viele kleine Zeitsprünge, die dem Werk eine ungewöhnliche Dynamik verleihen.

Redaktionell empfohlener externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt. Deutschlandradio hat darauf keinen Einfluss. Näheres dazu lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung. Sie können die Anzeige jederzeit wieder deaktivieren.

Der Film sprengt alle Konventionen und gewinnt auf der Berlinale den Silbernen Bären. Doch Jean-Luc Godard ist der Erfolg suspekt:

Ich habe das Gefühl, das Kino weniger zu lieben als noch vor einem Jahr. Einfach deshalb, weil ich einen populären Film gemacht habe. Ich hoffe, die Leute hassen meinen nächsten Film, sodass ich wieder Lust haben werde, Filme zu drehen. Ich arbeite lieber mit Leuten zusammen, wenn ich kämpfen muss.  

Jean-Luc Godard

Die 1960er-Jahre sind seine große Dekade: In dieser Zeit dreht Godard 22 Filme, macht Jean-Paul-Belmondo und Anna Karina, mit der er zwischen 1961 und 1965 verheiratet ist, zu Stars. Wobei Godard und Karina eine Art Celebrity-Paar der Linken bilden. Zudem arbeitet er mit etablierten Schauspielern wie Jeanne Moreau, Brigitte Bardot, Eddie Constantine, Michel Piccoli oder Jean-Pierre Léaud zusammen.
So entstehen Filme wie "Eine Frau ist eine Frau", "Die Verachtung", "Die Außenseiterbande" oder "Alphaville". Letzterer, eine Mischung aus Science-Fiction und Film Noir, gewinnt den Goldenen Bären.

Redaktionell empfohlener externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt. Deutschlandradio hat darauf keinen Einfluss. Näheres dazu lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung. Sie können die Anzeige jederzeit wieder deaktivieren.

Viele Kritiker sind fasziniert vom experimentellen Charakter der Filme, zu denen Godard immer ausführliche Schriften herausgibt. Zudem ist er der erste Filmemacher, der die Schauspieler während der Dialoge nicht selbst zeigt, sondern den Raum zwischen ihnen.
"Die Kommunikation spielt sich im Raum zwischen ihnen ab: Um von einem Bahnhof zum anderen zu kommen, brauche ich einen Zug. Und für mich sind Filme wie ein Zug, nicht so sehr wie ein Bahnhof", sagt Godard.

Texte gegen das kommerzielle Kino

Godard thematisiert den Algerien-Krieg in "Der kleine Soldat", die Kommerzialisierung der Filmbranche in "Die Verachtung" oder die Kontrolle der Menschen in der futuristischen Gesellschaft in "Alphaville". Und fast immer – wenn auch beiläufig – greift er Werbung, Konsum und Ausbeutung an. Zum Beispiel 1967 in dem Film "Weekend", in dem er eine zehnminütige Kamerafahrt entlang einer Autokolonne zeigt, in der Aggression und Gewalt herrschen.
Ab den 1970er-Jahren nimmt das Interesse an Godars Filmen deutlich ab. Er formuliert mit dem sozialistischen Theoretiker Jean-Pierre Gorin Texte gegen das kommerzielle Kino, sieht seine Werke als Beitrag zur Revolution an und setzt sich für antizionistische Palästinenser ein.
1980 gelingt Godard mit "Rette sich wer kann" wieder ein Erfolg. Darin schildert er, wie eine Prostituierte, gespielt von Isabelle Huppert, aus dem Abhängigkeitsverhältnis von ihrem Zuhälter ausbricht, der sie verprügelt und wiederholen lässt, dass niemand unabhängig ist: weder die Hure noch der Sekretär, weder Hausfrau noch Herzogin.
Für Godard der Beginn einer neuen Zeit als Filmemacher:

Meine Qualen sind vorüber. Für mich war es so, als hätte ich mich in der Leinwand verloren. Und jetzt ist es so, als ob ich in meine Kindheit zurückgekommen wäre. Allerdings durch die Hintertür oder das Fenster im zweiten Stock. Auf jeden Fall habe ich keine Qualen mehr.

Jean-Luc Godard

Bis ins hohe Alter dreht Godard weiterhin Kurz-, Kompilations- oder Dokumentarfilme. Werke, die regelmäßig auf Festivals laufen, aber nur selten im Kino. Einer seiner letzten Spielfilme ist 2014 der 3-D-Film "Goodbye to Language", der auf dem Filmfestival in Cannes den Preis der Jury gewinnt, doch anschließend untergeht. Das Werk handelt von einem Paar, das nicht mehr miteinander kommunizieren kann.

Das Ende der Karriere

Wirklich nachhaltig wirken Godards Filme der 1960er-Jahre. Sie gelten bis heute als richtungsweisend und haben Filmemacher wie Woody Allen, Quentin Tarantino, Won Kar-Wai oder Wim Wenders beeinflusst.

Redaktionell empfohlener externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt. Deutschlandradio hat darauf keinen Einfluss. Näheres dazu lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung. Sie können die Anzeige jederzeit wieder deaktivieren.

2021 verkündet Jean-Luc Godard in einem Interview für das Kerala International Film Festival in Indien das Ende seiner Karriere mit der Vollendung seiner letzten beiden Drehbücher: "Ich beende mein Leben als Filmemacher, mein Leben als Regisseur, indem ich diese Drehbücher fertigstelle. Dann verabschiede ich mich von den Filmen."
Godards Schaffen umfasst über 120 Kurz-, Spiel-, Essay- und Dokumentarfilme. "Bildbuch" heißt sein letzter Film. 2010 erhält der Meister der "Nouvelle Vague" einen Ehren-Oscar für sein Lebenswerk. Es ist seine zwanzigste internationale Auszeichnung.
Mehr zum Thema