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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.02.2021

Zum Tod von Jazzmusiker Chick CoreaEr wollte für immer ein Student sein

Odilo Clausnitzer im Gespräch mit Marietta Schwarz

Chick Corea spielt im Ronnie Scott's Jazzclub in London (England) (Images of Jazz/Heritage Images)
Sein Leben lang sehr beweglich: Chick Corea bei einem Konzert in London. (Images of Jazz/Heritage Images)

Der Jazz-Pionier Chick Corea ist tot. Der 23-fache Grammy-Gewinner starb mit 79 Jahren an einer seltenen Krebserkrankung. Corea sei bis zum Schluss hin und her gesprungen und immer kreativ und neugierig geblieben, sagt Jazz-Kenner Odilo Clausnitzer.

Marietta Schwarz: Chick Corea ist gestorben. Sehr produktiv war der Jazzmusiker immer. Worin liegt die historische Bedeutung von Chick Corea?

Odilo Clausnitzer: Chick Corea war einer der Musiker, die den Jazz-Rock auf den Weg gebracht haben, und ich denke, darin liegt seine Jazz-historische Bedeutung. Er wurde Ende der 1960er-Jahre Mitglied in der Band von Miles Davis, dem großen Jazz-Trompeter, und der hat ihn in seine Band geholt, um mit ihm dezidiert in diese Jazz-Rock-Richtung zu gehen.

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Miles Davis schreibt in seiner Autobiografie, er habe Chick Corea nahegelegt, das E-Piano zu übernehmen, was der am Anfang gar nicht habe machen wollen. Aber tatsächlich hat er dann am E-Piano zu seiner ganz eigenen Spielweise gefunden und mitgeholfen, Miles Davis in diese Jazz-Rock-Richtung zu bringen.

Er war bei entscheidenden Platten wie "Bitches Brew" und "In a Silent Way" dabei und hat dann 1972 mit "Return to Forever" selbst eine der wichtigsten Gruppen des Jazz-Rock gegründet und einige entscheidende Platten gemacht.

Marietta Schwarz: Eine sehr lange Jazz-Karriere. Ein halbes Jahrhundert, kann man sagen. Mit unterschiedlichen Stilphasen?

Auf sehr unterschiedlichen Feldern aktiv

Odilo Clausnitzer: Ja, er war auf sehr unterschiedlichen Feldern aktiv. Man kann es vielleicht am besten so sagen, dass er einfach sehr beweglich war. Es war nicht unbedingt ein Nacheinander, sondern es war ein Hin und Her, teilweise auch eine Gleichzeitigkeit.

Angefangen hat er in einer Latin-Band in New York. Er war ein italienischer Einwanderer, hatte aber immer eine starke Verbindung zur Latin-Musik. Er hat mit Willie Bobo und Mongo Santamaria angefangen und dann akustischen Jazz gemacht. Dann hat er diese Jazz-Rock-Phase gehabt. Aber fast gleichzeitig auch kammermusikalische Platten gemacht, zum Beispiel im Duo mit dem Vibraphonisten Gary Burton.

Er hat dann zehn Jahre nach dem Ende von "Return to Forever" auch eine neue Jazz-Rock-Gruppe gegründet, die "Electric Band". Aber dann kurz darauf schon wieder eine akustische Band gegründet mit denselben Musikern. Dann hat er sich in den 1990er-Jahren in das Abenteuer Mozart gestürzt und Klavierkonzerte aufgeführt.

So ist er bis zum Schluss hin und her gesprungen und immer kreativ und neugierig geblieben. Es gibt ein Zitat von ihm. Worauf es ihm ankomme sei, immer interessiert zu bleiben, immer ein Student zu bleiben. Ich glaube, das ist er bis zum Schluss geblieben.

Marietta Schwarz: Im Zusammenhang mit Corea wird immer mal wieder sein Engagement für Scientology erwähnt. Was hat es damit auf sich?

Werbung für die Scientology-Sekte

Odilo Clausnitzer: Chick Corea ist Anfang der 1970er-Jahre Mitglied der Scientology-Sekte geworden und er hat dann auch wirklich keine Gelegenheit ausgelassen, Werbung für die Sekte zu machen. Auf jeder Platte erschien eine wortreiche Danksagung an L. Ron Hubbard, den Gründer dieser Sekte. Das ist in Deutschland wesentlich stärker problematisiert worden als zum Beispiel in den USA.

Ich kann mich erinnern, dass ich ihn einmal live gehört habe und für eine Zeitung darüber schreiben wollte. Und da wurde dann tatsächlich darüber diskutiert, ob man das überhaupt machen kann: Einen Musiker, der sich für diese Sekte engagiert, im Feuilleton darzustellen. Das wäre, glaube ich, in den USA niemals vorgekommen.

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