Seit 07:20 Uhr Politisches Feuilleton

Mittwoch, 23.10.2019
 
Seit 07:20 Uhr Politisches Feuilleton

Fazit | Beitrag vom 08.05.2019

Zum Tod von Ingomar von KieseritzkySprachspieler und experimenteller Wortarrangeur

Von Helmut Böttiger

Beitrag hören Podcast abonnieren
Der Schriftsteller Ingomar von Kieseritzky ((c) imago images - gezett 58552657)
Schrieb mit "zärtlicher Kälte": Ingomar von Kieseritzky (1944-2019). ((c) imago images - gezett 58552657)

Er war einer der großen Unbekannten der deutschen Literatur. Die Kritiker liebten ihn, das große Publikum blieb ihm verwehrt: vielleicht auch wegen seiner Abneigung gegen schlüssige Handlungen. Nun ist Ingomar von Kieseritzky in Berlin gestorben.

Ingomar von Kieseritzky, der 1944 in Dresden geboren wurde, galt immer als einer der skurrilsten und originellsten Schriftsteller in deutscher Sprache. Das konnte man schon 1968, anlässlich seines Debüts, ahnen. Es hieß: "Ossip und Sobolev oder die Melancholie".

Gegen den Trend der Zeit

Gerade in diesem Epochenjahr musste das als widerspenstig und sich gegen die Zeitläufte sperrend gelten. Weitere Bücher verraten ein Programm, das an die Traditionen aufklärerischer, gelehrter Schriften anzuknüpfen scheint: "Trägheit oder Szenen aus der Vita Activa" von 1978 etwa oder "Die ungeheuerliche Ohrfeige oder Szenen aus der Geschichte der Vernunft" von 1981.

Kieseritzky wurde als Sprachspieler und experimenteller Wortarrangeur in literarischen Kreisen hoch geschätzt und vor allem von berühmten Kollegen enthusiastisch besprochen: mehrfach etwa von Ludwig Harig, der ihn liebevoll einen "misanthropischen Lüstling" nannte und einen "Meister der Spezialistendialoge".

Einer der produktivste Hörspielautoren

Michael Krüger nannte das "Trägheits"-Buch "eines der gescheitesten, vor allem witzigsten" überhaupt, "mit zärtlicher Kälte geschrieben". Kieseritzky erzählte kaum Handlungen, sondern trieb mit seinem vertrackt-ironischen Übersteigerungsstil die Sprache selbst voran, ins Absurde und Groteske.

Seine mehr als hundert Hörspiele übersetzten das wie nebenbei auch ins Radiophone. Jetzt ist er im Westen Berlins, wo er den größten Teil seines Lebens verbrachte, gestorben.

Mehr zum Thema

Hörstück mit absurden Gedichten und Schraubenliedern - In St. Wendel am Schlossplatz
(Deutschlandfunk Kultur, Klangkunst, 07.12.2018)

Ernst Jandl Gesamtausgabe - Meister der experimentellen Lyrik
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 09.09.2016)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsDer Traum vom Fliegen
Richard Neuhauss (1855–1915), Otto Lilienthal am Fliegeberg in Lichterfelde. (Museum LA8/Otto Lilienthal-Museum, Anklam)

Eine Ausstellung über das Fliegen wird in der "Welt" besprochen und resümiert: "Was die mutigen Pioniere allesamt unterschätzt hatten: Über den Wolken ist auch die Unfreiheit grenzenlos." Auch die anderen Feuilletons besprechen Ausstellungen.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 17Wirtschaftswunder, Winnetou und Wurst?
Olaf Hoerbe als Intschu-tschuna spielt während der Hauptprobe von "Winnetou " auf der Felsenbühne in Rathen, Sachsen. (dpa /  Matthias Rietschel)

Wie reagieren Theater auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen in Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus? In einer Umfrage haben 32 Theaterleiter in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen darauf geantwortet.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur