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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.11.2015

Zum Tod von Günter Schabowski"Schnodderschnauze der Macht"

Friedrich Schorlemmer im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Pfarrer Friedrich Schorlemmer (dpa / picture-alliance / Maurizio Gambarini)
Der Bürgerrechtler und Theologe Friedrich Schorlemmer: Schabowski war der "Lieblings-Wende-Mensch " der Westdeutschen (dpa / picture-alliance / Maurizio Gambarini)

Günter Schabowski sei der Einzige aus der SED-Macht-Clique gewesen, der den "Dialog auf Augenhöhe" ernst genommen habe, sagt Friedrich Schorlemmer. Vergessen dürfe man aber nicht, dass Schabowski vor der Wende "einer der Schlimmsten" im SED-Staat gewesen sei.

Der verstorbene Günter Schabowski ist für den Bürgerrechtler und Pfarrer Friedrich Schorlemmer die "Schnodderschnauze der Macht" gewesen. Schorlemmer war dabei, als Schabowski sich am 4. November 1989 auf dem Rednerpult am Alexanderplatz Zehntausenden stellte – und gnadenlos ausgepfiffen wurde. Er bat Schorlemmer, der ebenfalls Redner war, zuvor sogar noch um dessen Segen.

Schabowski sei der Einzige gewesen, der sich aus der SED-Macht-Clique dem Volk gestellt habe, lobte Schorlemmer nun den Verstorbenen im Deutschlandradio Kultur. Schabowski habe den "Dialog auf Augenhöhe" ernst genommen. Es gehöre zu seinen Verdiensten, sich vom "hohen Stuhl der nicht legitimierten Macht" auf die Ebene des Volkes begeben zu haben.

Als Bezirkseinsatzleiter für Berlin sei er aber auch für schwere Übergriffe verantwortlich gewesen, kritisierte Schorlemmer. Er zitierte Christa Wolf, die gesagt hatte, Schabowski sei einer gewesen, vor dem man Angst hatte. "Wirklich einer der Schlimmsten vor der Wende", fügte Schorlemmer hinzu.

"Schabowski war ein Wolf, der kiloweise Kreide gefressen hatte"

Insgesamt habe Schabowski später dann nachhaltig den Eindruck eines Wolfs vermittelt, der kiloweise Kreise gefressen habe, sagte der Bürgerrechtler. Schorlemmer warf Schabowski vor, sich nach der Wende um 180 Grad gedreht zu haben. Dieser habe in Diskussionen eine Form von Antikommunismus vertreten, die "peinlich" gewesen sei.

Günter Schabowski während der historischen Pressekonferenz am 9. November 1989. (dpa / picture-alliance)Die Mauer ist auf: Günter Schabowski während der historischen Pressekonferenz am 9. November 1989 (dpa / picture-alliance)

Schabowski sei der "Lieblings-Wende-Mensch der Westdeutschen" gewesen, so Schorlemmer – "aber jetzt kann er sich nur noch im Grabe umdrehen."

Der Ex-SED-Funktionär Günter Schabowski war am frühen Sonntagmorgen in Berlin gestorben. Sein berühmtester Satz war "Das tritt ... nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich" – am Tag, als die Mauer aufging.

Schorlemmer betonte, Schabowski habe keine Ahnung gehabt, was er mit seinen Worten auslösen würde. Er sei nach der berühmten Pressekonferenz ganz ruhig mit seinem Auto nach Hause gefahren. "Es ist großartig, dann nicht die SED die Mauer aus Gnade öffnete, sondern dass das Volk hinging und die Mauer einrannte", sagte Schorlemmer.

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