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Fazit | Beitrag vom 12.10.2021

Zum Tod von Evelyn RichterFröhlicher Freigeist mit melancholischem Blick

Andreas Krase im Gespräch mit Marietta Schwarz

Evelyn Richter blickt lächelnd in Richtung des Betrachters. (pictura alliance / dpa / Peter Endig)
Die Fotografin Evelyn Richter zeichnete sich durch ein leidenschaftliches Interesse an den Menschen aus. (pictura alliance / dpa / Peter Endig)

Die Fotografin Evelyn Richter galt als Grande Dame der DDR-Fotografie. Nun ist sie im Alter von 91 Jahren gestorben. Kunsthistoriker Andreas Krase erinnert an eine Frau, die für freies Denken und fröhliche Anarchie stand.

Die Fotografien von Evelyn Richter hatten immer Aktualität über den Zeitpunkt ihrer Entstehung hinaus. Oft fotografierte sie den Alltag und die Lebensumstände in der DDR. Sie war Professorin an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und wurde unter anderem mit dem Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie ausgezeichnet. Am Sonntag ist Evelyn Richter mit 91 Jahren gestorben.

Der Kunsthistoriker Andreas Krase ist Kustos für Fotografie an den Technischen Sammlungen in Dresden und kannte Richter persönlich. Sie sei ein Freigeist gewesen: "Sie stand als Person für freies Denken und fröhliche Anarchie, eine sehr intensive Person, die einen in ihren Bann zog."

Körperliche Strapazen der Freiberuflichkeit

Richter sei ein sehr freundlicher und mitteilsamer Mensch gewesen, habe gern doziert, aber auch über persönliche Schwierigkeiten im Alltag gesprochen. "Sie nannte sich unbegabt zum Existieren, was die praktischen Dinge des Lebens betraf, und hatte auch die Kraft, darüber zu lachen", sagt Krase.

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Durch ihre langjährige freiberufliche Arbeit sowohl in der Messegestaltung als auch in der Werbefotografie habe sie schwere fotografische Ausrüstung tragen müssen und sich dadurch früh körperlichen Strapazen ausgesetzt. "Die Freiberuflichkeit hatte ihren Preis. Als ich sie kennenlernte, war sie Mitte 50, hatte bereits große körperliche Probleme und lief auf einen Stock gestützt herum, was mit ihrer ansonsten sehr eleganten und feinen Ausstrahlung im Kontrast stand."

Im Kontrast zu ihrer fröhlichen Art habe auch die Traurigkeit und Melancholie der Menschen gestanden, die sie fotografiert habe, sagt Krase. "Da sind Menschen unterwegs, die vereinsamt sind, die träumend wirken. Sie sind irgendwie ins Leben geworfen. Man hat das Gefühl, sie treiben fast ohne Bewusstsein von einem Ort zum anderen."

Existenzielle Not und die Liebe zur Kunst

Evelyn Richters Arbeit war geprägt von klassischer Straßen- und Alltagsfotografie in Schwarz-Weiß. Sie hat Menschen in der U-Bahn und in ihren Wohnungen fotografiert, Arbeiterinnen und Arbeiter in der Fabrik. 

Sie habe aus einer reichen großbürgerlichen Unternehmerfamilie aus Neukirch in Sachsen gestammt, sei dann aber verarmt und "kämpfte hart um ihre soziale Existenz als Freiberuflerin. Das waren Menschen, denen es auch so ging wie ihr. Allerdings kam sie aus einem anderen sozialen und kulturellen Kontext."

Ihre größte Leidenschaft sei aber die Welt der Musik gewesen. In Ihren Musikerporträts könne man das Aufgehen im Musischen, im künstlerischen Schaffen und im Erleben von Kunst über die Zeiten hinaus sehen. "Das ist die Botschaft, die von ihren Bildern ausgeht. Man braucht allerdings auch ein bisschen, um sich in die Schwarz-Weiß-Ästhetik ihre Bilder einzusehen, die intuitiv sind und immer versucht haben, etwas von der Essenz des Künstlerischen zu vermitteln", sagt Krase.

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