Zum Tod des Philosophen Hermann Schmitz

    Ergriffen von der Macht der Gefühle

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    Hermann Schmitz, ein alter Herr mit weißem Haar und Brille, sitzt an seinem Schreibtisch und lächelt in die Kamera.
    Perspektiven über die Grenzen des Körpers hinaus: Hermann Schmitz (16.5.1928 - 5.5.2021). © Alexander Risse
    Hilge Landweer im Gespräch mit Catherine Newmark · 09.05.2021
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    Der Phänomenologe Hermann Schmitz ist mit 92 Jahren gestorben. Sein Denken kreiste um Leib und Gefühle. Damit habe er in Medizin, Psychologie und weiteren Disziplinen ganz neue Perspektiven eröffnet, sagt die Philosophin Hilge Landweer.
    Er war einer der letzten großen Systemphilosophen in Deutschland. Mit der "Neuen Phänomenologie" begründete der 1928 in Leipzig geborene Hermann Schmitz eine eigene Schule - und blieb doch in mancher Hinsicht bis zuletzt ein Geheimtipp.
    "Seine Philosophie ging vor allem von der alltäglichen unmittelbaren Erfahrung aus", sagt Hilge Landweer, Professorin für Philosophie an der Freien Universität Berlin. Den eigenen Leib zu spüren und von Gefühlen ergriffen zu werden, diese beiden Erfahrungen bildeten Ausgangspunkte seines Denkens, so Landweer. Von hier aus habe Schmitz ein eigenes philosophisches System begründet und dabei eine Sprache für Phänomene entwickelt, die von der westlich orientierten Philosophie bis dahin kaum beachtet worden seien.

    Ausbruch aus der Innenwelt

    Der eigene Leib, wie jeder einzelne Mensch ihn subjektiv erlebe, reiche nach Schmitz' Verständnis über die Grenzen des Körpers hinaus. Ebenso seien auch Gefühle aus seiner Sicht kein Phänomen einer abgeschlossenen Innenwelt, betont Landweer: "Es war ihm wichtig zu sagen, dass Gefühle keine inneren Zustände sind, sondern dass sie räumlich sind, dass sie als Atmosphären auch intersubjektiv wahrgenommen werden können."
    In diesem Sinne gehören Gefühle nie einem Menschen ganz allein – eine Sichtweise, die etwa das Phänomen Mitgefühl in ein neues Licht rücke, sagt Landweer: "Wenn wir leiblich davon ergriffen werden, sind es unsere eigenen Gefühle. Aber sie sind eben auch für andere spürbar."
    Entgegen dem weit verbreiteten Dualismus, demzufolge alles entweder Körper oder Geist sein müsse, habe Schmitz versucht, "eine Art Zwischenreich auszuformulieren" und geeignete Begriffe dafür zu schaffen. Keine leichte Aufgabe, "weil in unserer Kultur die Erfahrungen des leiblichen Spürens ein bisschen verschüttet sind", betont Landweer:
    "Wir sind ja sehr naturwissenschaftlich orientiert, und das sind ganz andere Beschreibungen. Das sind Beschreibungen aus der Perspektive einer dritten Person, die auch wichtig sind. Aber darauf kann das subjektive Spüren nicht reduziert werden. Das ist grundsätzlich etwas anderes."

    Mit Höflichkeit und Hingabe

    Indem er auf das Spüren und den Unterschied von Leib und Körper Wert legte, habe Schmitz neue Perspektiven eröffnet, zum Beispiel auch für die feministische Philosophie, so Landweer. Medizin, Psychologie und zahlreiche weitere Disziplinen verdankten ihm wichtige Anregungen: "Er war jemand, der versucht hat, die Macht, die in den Gefühlen steckt, zu beschreiben." Schmitz habe dieses Thema schon in den 1960er-Jahren ernst genommen und sei dem erst in jüngster Zeit wieder gestiegenen Interesse an Gefühlen damit weit voraus gewesen.
    Hilge Landweer, die Hermann Schmitz auch persönlich gut kannte, erinnert sich an ihn als einen Gelehrten alter Schule, der sein Leben mit Hingabe der Philosophie gewidmet habe – höflich im Umgang, unbedingt in der Sache. "Er sagte von sich zum Beispiel, er habe auf Familie bewusst verzichtet", erzählt Landweer. Dabei habe Schmitz vor wenigen Jahren einmal bekannt, "es wäre schön gewesen, Familie zu haben, aber er brauchte die Einsamkeit für die Entwicklung seiner Philosophie". Am Mittwoch, 5. Mai, ist Hermann Schmitz wenige Tage vor seinem 93. Geburtstag in Kiel gestorben.
    (fka)
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