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Fazit | Beitrag vom 11.02.2021

Zum Tod des "Hustler"-Verlegers"Larry Flynts Karriere begann mit der Ausbeutung einer Frau"

Theresa Lachner im Gespräch mit Marietta Schwarz

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Pornoverleger Larry Flynt in seinem Rollstuhl. (picture alliance / dpa / Hans Gutknecht)
Nach einem Mordversuch im Jahr 1978 war der Pornoverleger Larry Flynt von der Hüfte abwärts gelähmt. (picture alliance / dpa / Hans Gutknecht)

Larry Flynt wurde berühmt mit seinem Pornoheft "Hustler". Er setzte sich aber auch für Entrechtete ein. Doch war er wirklich der couragierte Kämpfer? Die Sexbloggerin Theresa Lachner zweifelt daran. Vielmehr seien Frauen in seinen Magazinen entwürdigt worden.

Einer der umstrittensten Pornoverleger der USA ist tot: Larry Flynt. Der Gründer des Erotikmagazins "Hustler" starb am Mittwoch im Alter von 78 Jahren an Herzversagen in Los Angeles. Immer wieder wurde Flynt und seinen Zeitschriften Obszönität vorgeworfen.

Aufgewachsen war Flynt in ärmlichen Verhältnissen in den ländlich geprägten Staaten Kentucky und Indiana. Als Teenager ging er zunächst zum Militär, bevor er mit 22 Jahren seinen ersten "Hustler"-Stripclub gründete. Ein kleines Werbeblättchen mit Neuigkeiten über sein wachsendes Geschäft peppte er 1974 zur ersten "Hustler"-Ausgabe auf.

Das Schmuddelheft für die Arbeiterklasse

Die Feministin, Buchautorin und Sexbloggerin Theresa Lachner sieht es kritisch, wie Flynt mit seinem Pornoheft berühmt geworden ist. "Seine Karriere begann eigentlich mit der Ausbeutung einer Frau." Das Pornoheft machte 1975 Schlagzeilen, weil es von Paparazzi geschossene Nacktfotos der früheren First Lady Jacqueline Kennedy Onassis abdruckte.

Der "Hustler" unterschied sich zu den Hochglanz-Männermagazinen wie dem "Playboy" und "Penthouse". Lachner sagt, Flynt habe das Element "Class" in sein Heft gebracht. "Er hat schon ganz klar gesagt, dass er 'Working-Class-Pornografie' produziert."

Der "Playboy" sei das Magazin gewesen, für dass sich Frauen gerne ablichten lassen hätten. Für den "Hustler" sei das hingegen nicht so gewesen und Flynt habe Frauen teilweise Millionen geboten, damit sie sich ausziehen, die das jedoch ablehnten. "Hustler war halt dieses Schmuddelige", sagt Lachner, "und das aber auch mit einem gewissen Stolz." Zu den Hochzeiten hatte das Magazin eine Auflage von drei Millionen Abonnenten.

Im Kampf gegen Zensur

Flynt sah sich gerne als Kämpfer gegen die Zensur, für die Meinungsfreiheit, die Rechte von Homosexuellen und gegen Rassismus. Unzählige Male stand er vor Gericht und landete kurz im Gefängnis. Wegen Verbreitung von Pornografie wurde er 1977 zu einem Vierteljahrhundert hinter Gittern verurteilt, ein Berufungsgericht hob das Urteil aber wieder auf. 1984 kandidierte er erfolglos bei der US-Präsidentenwahl. 

Nach einem Gerichtstermin im US-Staat Georgia wurde Flynt im März 1978 aus dem Hinterhalt angeschossen. Seit dem Attentat war er von der Hüfte abwärts gelähmt, zu besonderen Anlässen fuhr Flynt in einem vergoldeten Rollstuhl vor. 

Der Schütze war ein Rassist, der den im "Hustler" gezeigten Sex von Menschen unterschiedlicher Ethnien ablehnte. 2013 überraschte Flynt die Welt mit einer neuen Kampagne: Er wollte den Mann, der auf ihn geschossen hatte, vor der Hinrichtung bewahren. Seine Bemühungen blieben jedoch vergeblich. Das Todesurteil wurde noch im selben Jahr vollstreckt.

Miloš Forman verfilmte 1997 die Biografie von Flynt. In einem Interview sagte der Regisseur zu seinen Beweggründen und über seine Faszination: "Ich weiß nicht, wer er ist. Und das fasziniert mich. Ist er wirklich ein couragierter Kämpfer für die Freiheit? Oder einfach ein selbstgefälliger Typ, der immer wieder die Verfassung missbraucht, um noch mehr Magazine zu verkaufen? Oder ist er beides? Wenn ja, was ist er mehr?"

"Wichsfantasien für alte weiße Männer"

Wahrscheinlich sind diese Fragen, nicht ganz leicht zu beantworten. Kritiker jedoch waren über den Film empört. Er thematisiere nicht die Bilder im Pornoheft "Hustler", in dem Frauen "geschlagen, gefoltert und vergewaltigt" werden, schrieb die US-Frauenrechtlerin Gloria Steinem damals in der "New York Times". Sie nannte ihn einmal "einen widerlichen und sadistischen Pornografen."

Explizite Darstellungen und Pornografie sind für Lachner nicht das Problem. Doch Flynt sei nicht der Kämpfer für die sexuelle Selbstverwirklichung und Freiheit der Frau gewesen. Denn in seiner Pornografie sei die Frau immer "das Objekt und nicht die Agierende". "Da geht es mehr um Wichsfantasien alter weißer Männer", meint Lachner.

Besonders müsse zwischen Sexualität und Gewalt unterschieden werden, sagt Lachner. Und der "Hustler" habe eben auch Vergewaltigungsszenen gezeigt, oder ein Cover, auf dem eine nackte Frau durch den Fleischwolf gedreht werde.

Lachner sei froh drüber, dass mit Flynts Tod "diese Altherren-Erotik-Schmuddelsache mal wirklich ausstirbt". Allerdings kenne sie die Kämpfe, die er ausgefochten habe. "Dass Sexualität in den Medien zensiert wird, das ist eine Tatsache - und dafür hege ich dann doch Empathie." 

(sbd)

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