Zum Tod des Dirigenten Bernard Haitink

Auf Augenhöhe mit dem Orchester

Der im Oktober 2021 verstorbene Dirigent Bernard Haitink bei einer Orchesterprobe, 1997.
Nahm "seinen" Klang von Amsterdam aus überall hin mit: Bernard Haitink. © picture alliance / akg-images / Marion Kalter
Von Mascha Drost · 22.10.2021
Bernard Haitink war ein stiller, unprätentiöser Dirigent. Er habe keine Mission, es gehe ihm nur um die Musik, sagte der Niederländer über sich selbst. Mit dieser Haltung leitete er auch große Orchester. Nun ist Haitink mit 92 Jahren gestorben.
"Ich habe keine Mission, so bin ich nicht. Ich will musizieren, und wenn wir zueinander kommen, ist das ein Glücksgefühl."
Bernhard Haitink hat die Orchester eingeladen, mit ihm zu musizieren – er stellte sich nicht über sie, war trotz seiner beeindruckend großen Erscheinung immer auf einer Ebene mit den Musikern.
Obwohl kein begnadeter Rhetor kannte er doch das Zauberwort – und das Orchester hob an zu klingen: geschmeidig, voll, in mattem Glanz. Es war dieser besondere, über die Jahrzehnte kultivierte Klang, der Haitinks Konzerte so besonders machte, und zu dem er Orchester weltweit verführte.

Die Anfänge in Amsterdam

Haitink beschrieb das so: "Ich nehme meinen eigenen Klang mit. Ich glaube, dieser Klangsinn war all diese Jahre gefüttert worden in Amsterdam, wo ich so jung angefangen und natürlich immer in diesem Saal geprobt habe. Ja, ich glaube, ich nehme diesen Klangsinn mit, und ein Orchester reagiert darauf."
In Amsterdam wurde Bernhard Haitink 1929 geboren, da stand er mit 27 Jahren das erste Mal als Einspringer vor dem Concertgebouw-Orchester. Drei Jahre später war er dessen Erster Dirigent und ab 1964 alleiniger Chefdirigent, fast ein Vierteljahrhundert lang.
Am Ende war es eine künstlerische Symbiose, anfangs vor allem Knochenarbeit für den jungen Dirigenten. Haitink war kein künstlerischer Überflieger, aber fleißig und hartnäckig.
"Das gehört zu der Entwicklung: Man muss sich durchbeißen und wenn man das nicht tut, dann hat man nicht genügend Talent. Man muss 'waterproof' sein, man muss von Kritik lernen. Wenn man nicht davon lernt, dann ist es aus."
Neben Amsterdam war es vor allem London, wo Bernard Haitink Maßstäbe setzte: Zwölf Jahre beim London Philharmonic Orchestra und anschließend elf Jahre am Royal Opera House, daneben leitete er viele Jahre die Opernfestspiele in Glyndebourne. Trotzdem war es vor allem das sinfonische Kernrepertoire, mit dem man seinen Namen verband: Beethoven, Brahms, Bruckner, Schubert – und natürlich Mahler.

Er warb für Mahlers Musik

Haitink warb wie kein anderer europäischer Dirigent für Mahlers Musik, als Zuschauer und Kritik noch die Nase rümpften. Seine Interpretationen aber hatten nichts von lautstarker Hemmungslosigkeit oder gar Entblößung, mit der diese Sinfonien oft präsentiert werden. Man hat ihn deshalb oft als Diener der Partitur, als Vermittler beschrieben – der weder aus dem Bauch heraus agierte noch ein Werk in seinen Einzelteilen analysierte.
Haitink selbst sagte dazu: "Ich bin überhaupt kein fanatischer Diener – ich liebe die Musik, ich liebe das Musizieren. Aber was kann ich tun, wenn die Leute das sagen, da kann ich nichts tun. Man soll sich nicht verteidigen, aber ich empfinde es als Klischees."
Wenige Dirigenten haben eine derart umfangreiche Diskografie hinterlassen. Nicht jeder Aufnahme gebührt Ewigkeitswert, aber was die Sinfonik von Brahms, Bruckner oder Mahler betrifft, hat Bernard Haitink etwas in seiner Wahrhaftigkeit und menschlichen Größe Gültiges geschaffen.
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