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Fazit | Beitrag vom 11.01.2019

Zum Tod des Bassbaritons Theo AdamDem Klang gebührt der Vorrang

Boris Gruhl im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Der Dresdner Kammersänger Theo Adam (imago)
Der Dresdner Kammersänger Theo Adam (imago)

Einer der wenigen deutsch-deutschen Weltstars der Opernbühne - so würdigte Kulturstaatsministerin Monika Grütters den verstorbenen Opernsänger Theo Adam. Obwohl er in Bayreuth Erfolge feierte, blieb er Dresden zeitlebens verbunden.

Das nennt man eine gelungene Rahmung: Sein Debüt gab Opernsänger Theo Adam 1949 an der Dresdner Staatsoper als Eremit in Webers "Freischütz", 57 Jahre später feiert Adam seinen Bühnenabschied als Eremit im "Freischütz" in der Semperoper.

Als Eremit im Freischütz nimmt am Donnerstag (30.11.2006) Kammersänger Theo Adam seinen Abschied von der Bühne. Das Ensemble der Sächsischen Staatsoper verabschiedet den 80jährigen auf der Bühne der Semperoper. Diese Partie sang er im Dezember 1949 wenige Monate nach Beginn seines Engagements in Dresden zum ersten Mal. Der gebürtige Dresdner gehörte ab 1937 dem Kreuzchor an. Nach dem Krieg arbeitete er als Neulehrer und studierte nebenher Gesang. 1949 debütierte er an der Staatsoper, von 1952 bis 1980 sang er regelmäßig bei den Bayreuther Festspielen und auch an anderen berühmten Häusern. Unter bekannten Dirigenten wie Herbert Blomstedt, K... (dpa-Zentralbild)Seine erste und seine letzte Rolle war der Eremit im "Freischütz": Theo Adam bei seinem Bühnenabschied 2006 (dpa-Zentralbild)

Die Rolle des Eremiten sei symptomatisch für Theo Adam gewesen, meint der Musikjournalist Boris Gruhl: "Diese Partie hat eine vermittelnde Funktion. Da, wo man denkt, jetzt geht alles den Bach runter, mit den Menschen, da sagt er: 'Wir wollen mal sehen, ob ihr noch die Chance, die ihr bekommt, nutzen könnt'. Und dafür hatte er immer - auch in vielen anderen Partien - ein bisschen so was wie Güte in der Stimmung."

Immer mit einer gewissen Zerbrechlichkeit

Richtige Bösewichter waren Adams Sache nicht, und auch die kraftvollen Partien interpretierte er immer mehrdimensional. "Er hat auch in den Wagner-Partien es immer vermocht, so eine gewisse Zerbrechlichkeit einzubringen", sagt Gruhl.

Bei Theo Adam denkt man immer zuerst an den Wagner-Sänger. "Das ist auch richtig so", meint Boris Gruhl. "Aber er hat auch in früheren Jahren großartig Mozart gesungen". Gruhl erinnert sich an "einen rasanten Don Giovanni" an der Berliner Staatsoper 1967. "Er hat auch immer wieder Lieder gesungen", so Gruhl.

Das habe Adam dann auch bei den Wagner-Rollen geholfen, meint Boris Gruhl, "dass man sie auch lyrisch singt und ihnen eine sensible Ausstrahlung gibt". Übertreibung sei überhaupt nicht die Art des Baritons gewesen, erinnert sich Gruhl. "Es war immer eine gewisse Zurückhaltung - auch szenisch, auch in seinem Spiel. Er wusste, der Stimme, dem Klang gebührt der Vorrang."

Später hat Adam auch selber inszeniert. "Er war sicher kein Freund des sogenannten Regie-Theaters", sagt Gruhl, sondern sei eher konventionell geblieben. "Aber er hatte einen guten Blick für die großen Bilder". Und die Personenkonstellationen zwischen den Sängern und Sängerinnen habe er sehr intensiv gestalten können.

Enge Verbindung zu Dresden

Zu seiner Herkunft, zu der Stadt Dresden, habe Adam immer eine sehr enge Verbindung gehabt, sagt Boris Gruhl. Wie seine Verbindung zur DDR gewesen sei, sei dagegen schwierig einzuschätzen. Adam habe immer reisen dürfen und wurde von der DDR ausgezeichnet:

"Zu seinem 40. Bühnenjubiläum am 7. Oktober 1989 erhielt er den großen Stern der Völkerfreundschaft. Den hat er dann im selben Jahr im Dezember zurückgegeben, und gesagt: 'Ich habe jetzt Einsichten, die ich damals nicht hatte und deshalb will ich ein Zeichen setzen.'"

Eine gewisse Ambivalenz bleibt

Adam sei sicher kein Widerständler gewesen, so dass eine gewisse Ambivalenz bleibt, meint Gruhl. Aber: "Diese besondere Art seiner sehr individuellen gesanglichen Interpretation von Partien, die man immer glaubte, kennen zu meinen, die macht ihn einzigartig", sagt der Musikjournalist.

(beb)

Hören Sie auch das Gespräch mit Musikkritiker Uwe Friedrich zum Tod von Theo Adam:

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