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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.09.2016

Zum CSU-Vorstoß über ARD und ZDF"Crazy Horst" im Sommerloch

Lorenz Engell im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Mikrofone stehen am 17.03.2016 bei der Ministerpräsidentenkonferenz der Länder in der Landesvertretung des Landes Bremen in Berlin auf einem Tisch (Bernd von Jutrczenka,dpa picture-alliance)
Zu viele öffentlich-rechtliche Sender gibt es nach den Vorstellungen der CSU. (Bernd von Jutrczenka,dpa picture-alliance)

Der CSU-Vorstoß zur Zusammenlegung von ARD und ZDF sei "völliger Unsinn", meint der Medienphilosoph Lorenz Engell. Nicht die Vielzahl öffentlich-rechtlicher Programme sei das Problem, sondern dass alle das Gleiche machten.

Die CSU will ARD und ZDF zusammenlegen. So jedenfalls Horst Seehofer in der "Bild am Sonntag".

Der Weimarer Medienphilosoph Lorenz Engell sieht darin lediglich eine "lustige Intervention" von "Crazy Horst, der dann im Sommerloch solche Sachen sagt". Für sich genommen entbehre der Vorstoß jeder Grundlage und sei "völliger Unsinn".

"Niemand weiß, was Seehofer damit will. Will er Geld sparen? Will er Qualitäten verbessern? Es ist überhaupt nichts vorgetragen."

Nicht Vielzahl, sondern Gleichförmigkeit der Programme ist ein Problem

Für Engell ist das Problem nicht, dass es über ein Dutzend öffentlich-rechtlicher Fernseh- und mehr als 50 Radioprogramme gibt, sondern deren inhaltliche Gleichförmigkeit. "Vor allem auch stilistischen Konsens, ästhetischen Konsens. Das ist nicht gut." Hier wäre mehr Profilierung und "Auseinanderspreizung" angebracht, meint der Medienphilosoph von der Bauhaus-Universität Weimar.  


Das Interview im Wortlaut:

Korbinian Frenzel: Würde Ihnen was fehlen, wenn es keinen öffentlich-rechtlichen Rundfunk mehr gäbe? Hoffentlich sagen Sie jetzt Ja, aber vielleicht fragen Sie sich ja manchmal schon: So, wie er ist, mit den großen Schiffen ARD und ZDF, muss er so sein, geht es nicht vielleicht schlanker oder moderner oder gehaltvoller? Horst Seehofer und seine CSU haben diese Debatte angestoßen, Zusammenlegung von ARD und ZDF, das ist der Kerngedanke, und wir wollen uns dieser Debatte als Teil des Ganzen natürlich stellen heute Morgen mit Lorenz Engell, Professor für Medienphilosophie an der Bauhaus-Universität in Weimar, guten Morgen!

Lorenz Engell: Guten Morgen, guten Morgen!

"Solche Aktionen bringen keine Verschlankung"

Frenzel: Herr Engell, Doppelstrukturen beseitigen, das will Horst Seehofer. Deswegen diese Idee, ARD und ZDF werden eins. Ist das ein Vorschlag, der nur gut klingt oder der auch gut ist?

Engell: So für sich genommen erst mal, so wie wir ihn jetzt der Presse und den Verlautbarungen entnehmen können, entbehrt er jeder Grundlage und ist ja völliger Unsinn. Und das will auch keiner und es ist auch überhaupt nicht vorgetragen, was man damit eigentlich erreichen will. Also, sagen wir mal, wenn es einen Markt gäbe und es gäbe zwei Wettbewerber, käme keiner auf die Idee zu sagen, das ist eine Doppelstruktur. Also, niemand weiß, was Seehofer damit will. Will er Geld sparen? Will er Qualitäten verbessern? Es ist überhaupt nichts vorgetragen. Es ist eine lustige Intervention.

Frenzel: Vielleicht helfe ich mal, Horst Seehofer zu interpretieren: Man könnte ja sagen, machen wir es wie die BBC in Großbritannien, das ist ein Haus, ohne Frage ja auch ein Haus mit Qualität.

Engell: Und mit riesigen Skandalen und Problemen auch. Also, dass nur einer da ist, heißt nicht, dass irgendwas sich verbessert. Allerdings finde ich jetzt auch lustig, nicht nur Crazy Horst, der dann im Sommerloch solche Sachen sagt, sondern ich finde auch lustig, wie gleich der Journalistenverband reflexartig darauf reagiert. Die müssen sich auch gar keine Sorgen machen eigentlich. Selbst wenn man das machte und alles zusammenlegte, würde wahrscheinlich kein einziger Arbeitsplatz verschwinden, das kann man sich überhaupt nicht vorstellen, dass … Solche Aktionen bringen ja in Wirklichkeit meistens überhaupt gar keine Verschlankung in wirklicher Weise.

Zahlreiche politische Einflussversuche speziell beim ZDF

Also, ich glaube, das geht ganz woanders … Ich nehme mal an, irgendwie hat Horst Seehofer sich geärgert über etwas, was im ZDF lief, und das gehört zu der ganzen Serie von Versuchen der CDU, auf interne Vorgänge im ZDF und auf journalistische Praktiken des ZDF ganz speziell Rücksicht zu nehmen beziehungsweise Einfluss zu nehmen und die einzudämmen. Das war ja schon beim Fall des Chefredakteurs Brender so, das war schon vorher. Es ist so, seit der Gründung ist das so und da reiht sich das ein. Also, ernster muss man das aber glaube ich erst mal so nicht nehmen.

Frenzel: Dann nehmen wir das vielleicht nicht so ernst, aber stellen doch mal eine Frage nach vorne. Denn über eins kann man ja trefflich nachdenken: Gibt es vielleicht einfach zu viel öffentlich-rechtliches Angebot? Wir machen über 50 Radioprogramme, auch über ein Dutzend Fernsehangebote, da kann ich auch als öffentlich-rechtlich tickender Moderator nachvollziehen, dass manche sagen: Ein bisschen weniger, das wäre doch denkbar, auch vielleicht, um mehr Qualität in das Weniger, das man macht, zu stecken?

Engell: Ah ja, jetzt kommen wir also zu den interessanten Fragen, nämlich … Nehmen wir mal an, es wäre ernst zu nehmen, was wäre denn dann? Kann man da nicht was draus machen, aus dem, was der Seehofer da sagt? Das ist ja oft so, und so auch hier. Ich würde aber in die ganz umgekehrte Richtung argumentieren, die Sie haben. Also, das Problem ist ja nicht, dass wir 500 Radiosender haben, sondern das Problem ist, dass sie alle das Gleiche machen, das ist das Problem. Man müsste, wenn man schon 500 Radiosender hat oder Fernsehsender, das ja nutzen, um jeden etwas anderes machen zu lassen, um Diversifizierung, Auswahl, Experiment, meinetwegen auch so ein, ja, so ein Sender, der so crazy ist wie Horst Seehofer oder ... [Lücke in der Tonspur] einzuführen, das kann ja gar nicht schaden. Das wäre eine interessante Entwicklung.

Ein Techniker steht neben einer Leiter vor einem ZDF-Logo. Auf einem Tisch sieht man Minerlwasser und Gläser. (Christian Charisius dpa)Vor allem auf das ZDF habe die Politik immer versucht, Einfluss zu nehmen, sagt Engell (Christian Charisius dpa)

Frenzel: Das wäre dann die CSU-AfD-Welle.

Engell: Meinetwegen. Es ist aber besser als alle machen nur immer das Gleiche, nur Konsens. Vor allem auch stilistischen Konsens, ästhetischen Konsens. Das ist nicht gut. Und wenn man da rangehen könnte, Profilierung, Auseinanderspreizung… Aber wenn ich nicht ein völlig unaufmerksamer Fernsehzuschauer bin, haben das zumindest die beiden großen Tanker auch schon begriffen und sich jetzt verlegt – also, verlegt heißt vergliedert – in eine Reihe von digitalen Unterangeboten, denen sie den Versuch beigeben, sich durch eine bestimmte Programmauswahl oder einen bestimmten Stil voneinander zu unterscheiden.

Fernsehen schafft heute viele Kommunikationsräume statt einem

Frenzel: Aber sind nicht gerade diese digitalen Angebote – immer mehr Spartenprogramme – genau auch ein Problem? Eigentlich ist doch der öffentlich-rechtliche Auftrag, möglichst eine breite Masse zu erreichen. Also, das Lagerfeuer herzustellen, da, wo sich alle versammeln, auch so was wie Konsens in der Gesellschaft. Oder ist das heutzutage eine Illusion?

Engell: Nö, das wäre eine schöne Aufgabe und man könnte sich ja sehr gut vorstellen, dass es auch nach wie vor Sender gibt, die das tun. Das ist schwierig und das wird immer schwieriger und gleichzeitig kann man ja auch vertreten, dass diese Lagerfeuerfunktion heute anders hergestellt wird, nicht mehr über den einen zentralen Punkt, sondern dadurch, dass man zum Beispiel zwischen ganz vielen verschiedenen Lagerfeuern immerzu hin- und herlaufen kann und hin- und herspringen kann und wir sozusagen aggregieren können zu einem ganz großen Feuer, wo man sich eben nicht mehr die ganze Nacht an einem aufhält, sondern an ganz vielen und nach allen mal gucken kann und man hat trotzdem so eine Art Integrationsfunktion, eben über die Bewegung, nicht über das Verweilen, sondern über die Bewegung. Das ist genauso gut und funktioniert als Konzept genauso gut, glaube ich.

So bizarr wie die Simpsons sollten öffentlich-rechtliche Serien sein

Frenzel: Herr Engell, mögen Sie eigentlich "Die Simpsons"?

Engell: Oh ja, natürlich! Vor allem, weil sie selber so viel übers Fernsehen sagen. Wenn man Fernsehen studieren will, kann man sich die sehr gut mal hernehmen.

Frenzel: Ich frage es vor dem Hintergrund, heute vor 25 Jahren kamen sie nämlich zum ersten Mal ins deutsche Fernsehen, eine amerikanisch, privat produzierte Produktion, die auch hier im Privatfunk die meiste Zeit lief. Ist das nicht auch ein Zeichen, dass Qualität durchaus auch ohne öffentlich-rechtliche Finanzierung funktioniert?

Engell: Sie kann funktionieren, das stimmt. Das sehen wir ja überhaupt bei Serien. Die besten Serien der letzten Jahrzehnte sind regelmäßig amerikanische Produktionen gewesen, die dann auf den privaten Kanälen gelaufen sind. Da, kann man wirklich sagen, ist das ein Riesenversäumnis der Öffentlich-Rechtlichen gewesen, sich da nicht viel drum gekümmert zu haben. Und ich würde sogar vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen erwarten, dass es eigene Serien produziert, die in der Bizarrerie wie bei den "Simpsons" oder in der Qualität wie bei den großen amerikanischen Serien in der Bildgebung, in der Spannung mithalten können, oder sogar übertreffen können. Denn Geld haben die genug. Also, das wäre mal eine Aufgabe. Und ich glaube, wenn mich nicht alles täuscht, läuft das ja auch schon. Ich glaube, gerade das ZDF ist gerade koproduzentenmäßig beteiligt an dem Versuch einer deutschen Qualitätsserie, die von Filmemachern gemacht wird, die auch was von Bild verstehen. Das ist interessant und in die Richtung, könnte ich mir vorstellen, kann man noch sehr viel mehr machen, mit dem vielen Geld, das die Öffentlich-Rechtlichen haben.

Frenzel: Lorenz Engell, Professor für Medienphilosophie an der Bauhaus-Universität Weimar. Wenn Sie einen Moment dran bleiben, dann hören Sie gleich noch was über "Die Simpsons", aber ich danke Ihnen auf jeden Fall schon mal für das Gespräch!

Engell: Sehr gut, vielen Dank für Ihr Interesse, tschüs!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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