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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 22.06.2017

Zum 250. Geburtstag von Wilhelm von HumboldtSteht auf gegen die McDonaldisierung der Hochschule!

Von Peter Grottian

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Studierende der Georg-August-Universität in Göttingen sitzen in einem Hörsaal. (dpa / picture alliance / Swen Pförtner)
Hoher Nettigkeitsindex, aber kaum Wille zur Kritik: Politologe Peter Grottian verzweifelt am studentischen Nachwuchs. (dpa / picture alliance / Swen Pförtner)

Schlechte Arbeitsbedingungen für den akademischen Nachwuchs, intellektueller Kahlschlag dank Bachelor, kreuzbrave Studenten ohne kritisches Bewusstsein: Die Zustände an deutschen Unis seien bedrückend, sagt Politologe Peter Grottian. Der Protest sei überfällig.

Um es vorweg zu nehmen: Wilhelm von Humboldt würde sich wohl im Grabe umdrehen, wenn er die vertanen Chancen für gute Universitäten heute wahrnehmen könnte.

Humboldt war zurecht überzeugt, dass der wissenschaftliche Fortschritt von einem egalitär angenäherten Lernprozess zwischen Studenten und Hochschullehrern bestimmt sein sollte. Humboldt wollte, würden wir heute sagen, den demokratischen Lernprozess zwischen Studierenden und Hochschullehrern.

Natürlich wollte Humboldt als Repräsentant der preußischen Reformen den starken, innovativen Hochschullehrer mit Vorbildcharakter. Aber er träumte auch davon, wie diese Hochschullehrer mit sich, ihrem wissenschaftlichen Nachwuchs und den Studenten umgehen sollen: fürsorglich, aber auch emanzipatorisch, Kritik und Gegenkritik zulassend, auf die produktive Urteilskraft setzend.

Die Demokratisierung ist bis heute nicht verwirklicht

Heute würde man sagen, er wollte etwas Modernes, Vordemokratisches oder sogar Demokratisches. Flache Hierarchien, integrierende Forschungs- und Erkenntnisprozesse, das Ernstnehmen des wissenschaftlichen Nachwuchses. Er wollte im Sinne von Kant den wissenschaftlich urteilsfähigen Menschen in einem wechselseitigen Lernprozess zum Wohle der Entwicklung von kritischer Wissenschaft.

Man mag das alles für idealistisch, träumerisch, untauglich für die heutigen Massenuniversitäten halten – aber der Zauber des demokratischen Lernprozesses hat an Faszination nichts verloren.

1968 und die Studentenrebellion waren auch die Hoffnung auf Demokratisierung von Lernprozessen. Demokratisierung von Lernprozessen an den Hochschulen ist bis heute nicht verwirklicht. Die Macht der Hochschullehrer ist ungebrochen. Forschung ist ihre Priorität und höchstens ein Drittel der Hochschullehrer sind in der Lehre wirklich engagiert.

Kreuzbrave Studenten und miserabel bezahlter Nachwuchs

Heutige Studierende sind mehrheitlich kreuzbrav, an einem zügigen Studium interessiert und wollen mit einem hohen Nettigkeitsindex keinen Ärger mit Dozenten haben, gar sie herausfordern. Seminarkonzeptionen kritisieren: eher Seltenheitswert. In höheren Semestern forschendes Lernen einüben: weitgehend Fehlanzeige. Der wissenschaftliche Nachwuchs wird behandelt wie der letzte Dreck: miserable Teilzeitbezahlung, Kurzfristigkeit von Verträgen, abhängig von Hochschullehrern. Proteste gibt es seit 2009 nicht mehr. Friedhofsruhe.

Die Verdummungen über Bachelor-Systeme werden hingenommen – und die Abbruchzahlen zeigen: Es ist fast nichts besser geworden. Humboldt würde sagen: Die Hochschulen hätten heute eigentlich gute Chancen demokratische Lehr- und Lernprozesse zu fördern – aber Hochschullehrer denken an sich selbst und Studierende sind junge Vertreter einer marktkonformen Demokratie.

Schlechte Aussichten für etwas mehr Humboldt an den Hochschulen. Hoffnung nur dann, wenn die Studierenden gegen die McDonaldisierung der Hochschule aufstehen und für ihre Urteilsfähigkeit kämpfen.

Der Politologe Peter Grottian während einer Kundgebung gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21. (picture alliance / dpa / Marijan Murat)Der Autor (picture alliance / dpa / Marijan Murat)Peter Grottian ist Sozialwissenschaftler und politischer Aktivist.

Er war knapp 30 Jahre Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität in Berlin.

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