Montag, 20.05.2019
 

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 22.06.2017

Zum 250. Geburtstag von Wilhelm von HumboldtSteht auf gegen die McDonaldisierung der Hochschule!

Von Peter Grottian

Podcast abonnieren
Studierende der Georg-August-Universität in Göttingen sitzen in einem Hörsaal. (dpa / picture alliance / Swen Pförtner)
Hoher Nettigkeitsindex, aber kaum Wille zur Kritik: Politologe Peter Grottian verzweifelt am studentischen Nachwuchs. (dpa / picture alliance / Swen Pförtner)

Schlechte Arbeitsbedingungen für den akademischen Nachwuchs, intellektueller Kahlschlag dank Bachelor, kreuzbrave Studenten ohne kritisches Bewusstsein: Die Zustände an deutschen Unis seien bedrückend, sagt Politologe Peter Grottian. Der Protest sei überfällig.

Um es vorweg zu nehmen: Wilhelm von Humboldt würde sich wohl im Grabe umdrehen, wenn er die vertanen Chancen für gute Universitäten heute wahrnehmen könnte.

Humboldt war zurecht überzeugt, dass der wissenschaftliche Fortschritt von einem egalitär angenäherten Lernprozess zwischen Studenten und Hochschullehrern bestimmt sein sollte. Humboldt wollte, würden wir heute sagen, den demokratischen Lernprozess zwischen Studierenden und Hochschullehrern.

Natürlich wollte Humboldt als Repräsentant der preußischen Reformen den starken, innovativen Hochschullehrer mit Vorbildcharakter. Aber er träumte auch davon, wie diese Hochschullehrer mit sich, ihrem wissenschaftlichen Nachwuchs und den Studenten umgehen sollen: fürsorglich, aber auch emanzipatorisch, Kritik und Gegenkritik zulassend, auf die produktive Urteilskraft setzend.

Die Demokratisierung ist bis heute nicht verwirklicht

Heute würde man sagen, er wollte etwas Modernes, Vordemokratisches oder sogar Demokratisches. Flache Hierarchien, integrierende Forschungs- und Erkenntnisprozesse, das Ernstnehmen des wissenschaftlichen Nachwuchses. Er wollte im Sinne von Kant den wissenschaftlich urteilsfähigen Menschen in einem wechselseitigen Lernprozess zum Wohle der Entwicklung von kritischer Wissenschaft.

Man mag das alles für idealistisch, träumerisch, untauglich für die heutigen Massenuniversitäten halten – aber der Zauber des demokratischen Lernprozesses hat an Faszination nichts verloren.

1968 und die Studentenrebellion waren auch die Hoffnung auf Demokratisierung von Lernprozessen. Demokratisierung von Lernprozessen an den Hochschulen ist bis heute nicht verwirklicht. Die Macht der Hochschullehrer ist ungebrochen. Forschung ist ihre Priorität und höchstens ein Drittel der Hochschullehrer sind in der Lehre wirklich engagiert.

Kreuzbrave Studenten und miserabel bezahlter Nachwuchs

Heutige Studierende sind mehrheitlich kreuzbrav, an einem zügigen Studium interessiert und wollen mit einem hohen Nettigkeitsindex keinen Ärger mit Dozenten haben, gar sie herausfordern. Seminarkonzeptionen kritisieren: eher Seltenheitswert. In höheren Semestern forschendes Lernen einüben: weitgehend Fehlanzeige. Der wissenschaftliche Nachwuchs wird behandelt wie der letzte Dreck: miserable Teilzeitbezahlung, Kurzfristigkeit von Verträgen, abhängig von Hochschullehrern. Proteste gibt es seit 2009 nicht mehr. Friedhofsruhe.

Die Verdummungen über Bachelor-Systeme werden hingenommen – und die Abbruchzahlen zeigen: Es ist fast nichts besser geworden. Humboldt würde sagen: Die Hochschulen hätten heute eigentlich gute Chancen demokratische Lehr- und Lernprozesse zu fördern – aber Hochschullehrer denken an sich selbst und Studierende sind junge Vertreter einer marktkonformen Demokratie.

Schlechte Aussichten für etwas mehr Humboldt an den Hochschulen. Hoffnung nur dann, wenn die Studierenden gegen die McDonaldisierung der Hochschule aufstehen und für ihre Urteilsfähigkeit kämpfen.

Der Politologe Peter Grottian während einer Kundgebung gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21. (picture alliance / dpa / Marijan Murat)Der Autor (picture alliance / dpa / Marijan Murat)Peter Grottian ist Sozialwissenschaftler und politischer Aktivist.

Er war knapp 30 Jahre Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität in Berlin.

Mehr zum Thema

Plagiate - Doktoranden werden von Professoren betrogen
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 27.10.2015)

Hochschulen in den USA - Studenten wehren sich gegen freie Lehre
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 10.08.2015)

Akademischer Nachwuchs in Sachsen - Raus aus der Vertragsfalle?
(Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 12.12.2014)

Hörerkommentare

Wir behalten uns vor, Kommentare vor Veröffentlichung zu prüfen. Bitte befolgen Sie unsere Regeln. Für die Kommentarfunktion nutzen wir testweise ein System der US-Firma Disqus, Inc. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

comments powered by Disqus

Politisches Feuilleton

VerfassungsrechtKinderrechte ins Grundgesetz
Ein Junge und ein Mädchen sitzen an einem Hafen auf einem Metallpöller, an dem man Schiffe festbindet. (unsplash / Annie Spratt)

Die Verfassung müsse eindeutig klarstellen: "Kinder und Jugendliche sind ab Geburt Träger aller Grundrechte", sagt die frühere Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Das sei notwendig - auch um Kinder vor Helikoptereltern zu schützen. Mehr

Diskussion um E-ScooterPlatz da, hier komm ich!
Auf einer nassen Strass fährt im Vordergund ein E-Scooter, im Hintergrund in der Unschärfe sind weitere Autos zu sehen. (picture alliance / dpa / Christoph Soeder)

Mit harten Bandagen kämpfen Autofahrer, Radler und Fußgänger bereits jetzt um Raum auf Deutschlands Straßen. Und da sollen auch noch E-Scooter dazukommen? Der Philosoph Christian Uhle ist skeptisch: "Wir müssen Mobilität ganz anders denken."Mehr

Europa-DebatteFür eine EU der Rechtsstaaten
Eine Landkarte der EU-Mitgliedsländer auf einer Wand aus Bausteinen, umrahmt von der EU-Flagge. (picture alliance / dpa / epa belga EC)

Großbritannien und Frankreich handeln gegenüber der EU oft, als wären sie die Weltmächte von einst, kritisiert der Jurist Matthias Buth. Er vermisst bei beiden ein modernes Staatsverständnis, in dem Souveränität und Nation keine sakralen Größen sind.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur