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Tonart | Beitrag vom 19.08.2016

Zum 20. Todestag von Rio ReiserErinnerung an einen deutschen "Rock-Heiligen"

Von Laf Überland

Der Sänger Rio Reiser bei einem Auftritt als König von Deutschland. ( imago/Horst Galuschka)
Der Sänger Rio Reiser bei einem Auftritt als König von Deutschland. ( imago/Horst Galuschka)

Eigentlich wollte Rio Reiser nur eine bessere Welt. Liebe überall und dazu die Möglichkeit, seine Gassenhauer zu singen. Aber die Menschen, die sich hinter seinen Liedern verschanzten, hatten nie vor, diese Welt umzusetzen. Das hat ihn zerrissen.

"Wir wollen die Menschen dazu überzeugen, dass sich alle Menschen von ihren Unterdrückern befreien müssen."

Rio Reiser war ein Träumer - ein radikaler Träumer, was damals noch eine echte Referenz war. Rio sang Lieder gegen Unterdrückung, wie sie jeder verstand, und Lieder über das Leben und das Lieben und die Sehnsucht und das Sein. Und er sang sie so, wie der Zeitgeist ihm grad um die Ohren fegte.

Seit 1970 die erste Platte seines Kollektivs Ton Steine Scherben erschienen war, träumte Rio für Spontis und Anarchos, für Ökos und Hausbesetzer, für PDS-Linke und für gewöhnliche Rockfans, denn alle linken rebellischen Utopien wurden auf die Scherben projiziert und an Rio delegiert, der Songs daraus machte - so klar und ergreifend, das all die andern sich darin wiederfanden.

Im Radio liefen sie natürlich nicht, denn Haltung machte bei Unterhaltung doch nur Probleme! Ton Steine Scherben wurden zügig zum Lebensmodell aller linken Bewegungen der 70er- und frühen 80er-Jahre: mit ihrer Politisierung des Privaten, dem Aufbau einer Kommune und dem alternativen Umzug aufs Land - auf einen Bauernhof in Fresenhagen nahe der dänischen Grenze.

Der Sänger Rio Reiser (1950 - 1996), aufgenommen im Dezember 1987 (picture alliance / Horst Galuschka)Der Sänger Rio Reiser (1950 - 1996), aufgenommen im Dezember 1987 (picture alliance / Horst Galuschka)

In die Kommune fielen dann, zum Ruhm der Kommunarden, abwechselnd Freunde und Genossen, Obdachlose, langhaarige Touristen aus Westdeutschland und bewaffnete Polizei-Kommandos ein. Und während die Fans ihre Helden bei der Selbstverwirklichung auf dem Bauernhof wähnten, mussten die tatsächlich bei der Heuernte helfen, damit sie den Strom bezahlen konnten.

Doch jede Generation sucht sich ihre eigenen Sprachrohre, und die Jahre unter Helmut Kohl waren die Zeit, als Solidarität und Anspruchsdenken sich vermischten und die Protestkultur sich in Spaßkultur verwandelte.

Und irgendwann gab es dann diese Nummer mit dem Solikonzert: Die Scherben kriegten in der Berliner Wohnung einen dieser typischen Anrufe: Besetzerdemo, Leute verhaftet, können die Anwälte nicht bezahlen, würdet ihr vielleicht ein Solikonzert spielen? Und die Scherben: Aber klar doch!

Selbst grad wieder pleite, karrten sie ihre Anlage dorthin und trugen sie in den vierten Stock, wo die Soliparty stattfand - nicht, dass ihnen einer dabei half... Und als die Anlage stand und Rio fragte, ob er sich eine Schmalzstulle vom Büffet nehmen könnte, und die gute Linksmenschin dahinter meinte: Ja, dann müsse er aber den Solibeitrag bezahlen - da schmiß Rio die Stullenplatten durch die Gegend, riß sich das Hemd auf, brüllte wütend herum und ließ sofort wieder abbauen. Und im Scherben-Plenum am nächsten Tag wurde beschlossen: Das war's.

Als Rio Reiser dann ohne die Band auf dem verschuldeten Hof in Fresenhagen saß, unterschrieb er, um die Schulden abzuzahlen, einen Plattenvertrag bei der großen Industrie. Als König von Deutschland wurde er sogar zum Popstar.

Seine Lieder waren so gut, so kompatibel, dass - als er tatsächlich zum Popstar wurde - den neuen Fans die Doppelbödigkeit vieler Songs gar nicht auffiel.

Die Grünen zogen mit diesem Schlager in den Wahlkampf. Aber die alten Fans bestraften ihr Vorbild mit Verachtung - erst recht, als er auch wunderbare Stücke für seine Freundin Marianne Rosenberg schrieb. "Anpassung" war noch der geringste Vorworf: "Primitiver Verrat!" riefen die Hausbeseter aus ihren Fenstern, und "Ausverkauf der linken Ideen"!

Rio Reiser: "Das ist aber nicht wahr, es ist nicht primitiv, banal, sondern es sind Sätze, Schlagworte, die gesprochen werden und wo man in bestimmten Situationen erkennt, was damit gemeint ist und die dann agitieren können: Macht kaputt, was euch kaputt macht."

Seine ursprüngliche Motivation hat den Sänger und Songschreiber nie verlassen - nur die Zuversicht, dass die Menschen, die sich hinter seinen Texten verschanzten, nicht wirklich vorhatten, mit ihm den Traum, den angeblich doch alle träumten, ernsthaft anzupacken.

Fotografie von Rio Reiser auf seinem Grab (Deutschlandradio / Cara Wuchold)Fotografie von Rio Reiser auf seinem Grab (Deutschlandradio / Cara Wuchold)

Am 20. August '96 fand sein Freund Rio Reiser tot neben seinen neuen Songtexten auf dem Fußboden. Da hatte er schon eine Weile Blut erbrochen und Stückchen von der Darmschleimhaut. Es hatte ihn wohl innerlich zerrissen.

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