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Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.05.2014

Zum 100. GeburtstagSperriger Avantgardist

Arno Schmidt wird mit zwei Ausstellungen und einer Theater-Uraufführung in seiner niedersächsischen Heimat gefeiert

Von Volkhard App

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Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme des Schriftstellers Arno Schmidt aus dem Jahr 1964 (dpa / picture alliance)
Der Schriftsteller Arno Schmidt (dpa / picture alliance)

Das Bomann Museum in Celle zeigt Manuskripte, herunter geschriebene Bleistifte oder den Teddy des Schriftstellers Arno Schmidt. Das Schlosstheater gegenüber bringt "Seelandschaft mit Pocahontas". Und in Bargfeld sind Schmidts Farbfotos zu sehen.

Damit durfte man nicht rechnen, den Klassiker der Moderne so singen zu hören. Obwohl die große Ausstellung im Celler Bomann Museum reich ist an schönen Momenten – und auratischen Exponaten: Da ist die grüne Lederjacke, die der Avantgardist trug, ein herunter geschriebener Bleistift zeugt von fleißiger Arbeit, ein Film wiederum zeigt den Literaten mit Stock beim Spaziergang.

Nicht zu vergessen das "Goldbrummerle”. So heißt der Teddy, den der kleine Arno von seiner Mutter geschenkt bekam. Auch später, im Häuschen in der Heide, war das Kuscheltier gegenwärtig und saß, wenn der Schriftsteller mal nicht über seine Zettelkästen gebeugt war und stattdessen mit seiner Frau fernsah, zwischen beiden als Mitbewohner. Nun ist der betagte Bär in eine der 50 Vitrinen gesteckt worden.

Der Teddybär "Goldbrummerle" des Schriftstellers Arno Schmidt liegt am 02.05.2014 in einer Vitrine im Bomann Museum in Celle (Niedersachsen). (picture alliance / dpa / Peter Steffen)Der Teddybär "Goldbrummerle" des Schriftstellers Arno Schmidt in einer Vitrine im Bomann Museum in Celle. (picture alliance / dpa / Peter Steffen)

Wer sich vor allem dem literarischen Werk nähern möchte, kann in Büchern blättern, trifft auf Manuskripte und Projekte in den Vitrinen, und die Zettelkästen zum Mammutwerk “Zettel’s Traum” sind ebenfalls versammelt. Bernd Rauschenbach von der Arno Schmidt Stiftung:

"Wir versuchen einen Spagat zwischen einer Ausstellung für Schmidt-Leser und einer für all die Leute, die überhaupt noch nichts von Schmidt kennengelernt haben. Wir haben uns ganz auf, wie wir hoffen, interessante und unerwartete Objekte aus dem Besitz von Schmidt konzentriert und stellen die in Verbindung zu Werk und Leben.“

Diese Ausstellung orientiert sich zwar auch an der Biografie und Chronologie, erweist sich aber immer wieder als sprunghaft und folgt damit Schmidts Erkenntnis, sein Leben sei kein Kontinuum, sondern ein Tableau mit Schnappschüssen. Durch Begriffe sind die Vitrinen gekennzeichnet, und da haben sich die Kuratoren oft an Gegensatzpaaren orientiert: “Tradition” findet sich neben “Avantgarde”, “Ewigkeit” neben “Vergänglichkeit”:

"Das ist etwas, was man im Leben und im Werk von Schmidt immer wieder sehen kann, dass er ein in sich gespaltener Mensch war, der avantgardistisch schreibt, sich aber in der Geschichte der Literatur verankert sieht. Und wenn er sich auf Vorbilder beruft und auf Haltungen, die es in der Literatur vor ihm gab, dann macht er einen merkwürdigen Spagat: Er schätzt sowohl Autoren der Aufklärung als auch der Romantik. Dieses Widersprüchliche in ihm wollten wir mit diesen Exponat-Paaren verdeutlichen.“

Arno Schmidt als Fotograf

Besonders gelungen ist im Bomann Museum eine digitale Installation, in der man zu 100 Stichwörtern wie “Krieg“, “Kunst“ und “Jugend“ jeweils sechs Zitate von Schmidt abrufen und auf ein Projektionsrund zaubern kann. Eine spielerische Annäherung. In dieser Schau soll niemand belehrt werden, allenfalls verführt. Jan Philipp Reemtsma von der Arno Schmidt Stiftung:

"Das Leben hält keine pädagogischen Programme bereit - wenn es das tut, dann macht es Fehler. Dies ist eine Möglichkeit, unter verschiedenen Aspekten Person, Biografie und Werk nicht kennenzulernen, aber doch etwas davon kennenzulernen. Und jeder macht dann damit, was er will.“

Gern auch hat Arno Schmidt farbig fotografiert: Felder, Wald und Himmel, die Häuser und die Nachbarn und Naturschauspiele wie ein aufziehendes Gewitter. Der Stiftung ist es zu verdanken, dass der Schriftsteller längst auch als Fotograf bekannt ist. Dennoch hat man eine zweite Ausstellung, diesmal im Heimatort Bargfeld, noch einmal diesen Bildern gewidmet. Bernd Rauschenbach:

"Es gibt ungefähr 2200 Farbdias, die Schmidt in seiner Bargfelder Zeit gemacht hat. Und von diesen 2200 Bildern sind maximal 300 veröffentlicht. Wir wollten einmal zeigen, wie intensiv er sich mit Bargfeld, seiner Umgebung, auseinandergesetzt hat und zeigen alles - ohne Rücksicht auf technische oder künstlerische Qualität.“

Ob in Bargfeld oder Celle: man feiert einen Klassiker, der ambitioniert war und immer wieder "sperrig", zugleich war er dem Alltag zugewandt und voller Humor.

Schreibmaschinengetippe im Schlosstheater

Gegenüber vom Bomann Museum wartet auch das Schlosstheater auf ein Publikum, das neugierig ist auf Arno Schmidt. Dessen Erzählung "Seelandschaft mit Pocahontas“ wurde für die Bühne bearbeitet. Im Mittelpunkt zwei Freunde, die Urlaub machen am Dümmer See: der Malermeister Erich und Joachim, ein erfolgloser Schriftsteller. Der Zweite Weltkrieg liegt nicht lange zurück, das Soldatendasein haben die beiden nicht vergessen.

Nun aber, in den frühen fünfziger Jahren, suchen diese Männer Entspannung beim Baden und Paddeln, und fürs flüchtige Abenteuer haben sie sich in der Pension zwei junge Sekretärinnen aus Osnabrück ausgesucht, die sich nicht lange bitten lassen. Eine Liebesgeschichte von 1953. In den Augen Joachims erinnert seine Selma an die indianische Prinzessin Pocahontas - wegen des Sonnenbrands, den sie sich am Dümmer eingefangen hat.

Der Erzähltext von Arno Schmidt ist auf alle Schauspieler verteilt. Und da gibt es - nur in dieser Bühnenfassung - einen alten Schriftsteller, der die Handlung begleitet und bei Lampenschein die Worte Schmidts auf der Schreibmaschine tippt. Er ist auch informiert über die juristischen Probleme, mit denen sich Schmidt in der jungen, prüden Bundesrepublik herumschlagen musste. Das Verfahren gegen Schmidt wurde eingestellt. In heutigen Zeiten kann man sich über die Bedenkenträger von früher nur wundern.

Bernd Rauschenbach hat diese dramatische Fassung erarbeitet, Kalle Kubik hat sie inszeniert. Am Schlosstheater Celle tun die Beteiligten das einzig Richtige: sie lassen sich Zeit und geben der sperrigen, überbordenden Sprache genügend Raum. Im ganzen ein liebenswerter Versuch, Arno Schmidt einem heutigen Publikum vorzustellen. Und eine weitere Facette im vereinten Bemühen um den einzigartigen Heide-Einsiedler. 

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