Zukunftslabor Berlin-Kreuzberg

    Veränderung entsteht immer an den Rändern der Gesellschaft

    04:14 Minuten
    Kukuck - 1984 Das Kukuck, Kunst- und Kulturzentrum Kreuzberg, befand sich in der Anhalter Straße 7. Es war ein besetztes Haus, in dem zahlreiche Veranstaltungen statt fanden. Sonntags traf sich dort regelmäßig der so genannte Besetzerrat. Das Haus wurde im Juli 1984 geräumt. Das Foto zeigt ein Fest gegen die Räumung im Mai 1984.
    Besetzte Häuser, Protest und Rebellion: Kreuzberg galt lange als Symbol für Krawall und Outlaws, sagt Idil Efe. © imago / Peter Homann
    Überlegungen von Idil Efe · 07.10.2021
    Audio herunterladen
    Antiautoritäre Bewegungen, Kinderläden, alternatives Leben: Dafür stand Berlin-Kreuzberg in den 1980er-Jahren. Dort wuchs auch Idil Efe auf. In der Rückschau stellt sie fest, dass das vermeintliche Getto Kreuzberg in Wahrheit ein Zukunftslabor war.
    Das Kreuzberg der 1980er-Jahre war der Nabel der Welt für mich. Hier bin ich aufgewachsen, in einer Stadt, die von Mauern umgeben war, hier hatte ich das Gefühl von Freiheit. Eine Freiheit, die sich auf wenige Quadratkilometer bezog, aber in meiner Erinnerung riesengroß war.
    Es war die Zeit des Kalten Krieges. Meine Kindheit über habe ich jeden Abend mit meinen Eltern die "Aktuelle Kamera", die DDR-Nachrichten, gesehen und im Anschluss daran westdeutsche Nachrichten. Während meine Mutter eine bekennende Kapitalistin war, verteidigte mein Vater stets die sozialistische Gesellschaftsordnung. Der Kalte Krieg fand Abend für Abend in unserer Kreuzberger Altbauwohnung statt.
    Dass Meinungen, politische Ansichten und Werte individuell sehr unterschiedlich sein können, lernte ich demnach früh. Und dass es nicht immer gerecht und edel dabei zuging, musste mir auch niemand lang und breit erklären, dessen wurde ich mir ziemlich schnell bewusst.

    Der Bezirk des Kommens und Gehens

    Mir war allerdings nicht klar, dass ich in einem Bezirk groß wurde, der im Normverständnis der westdeutschen Gesellschaft als Ausnahme gehandelt wurde, und das nicht im positiven Sinne: Kreuzberg war immer Randgebiet, Grenzbezirk, Ausnahme.
    Sonnenblumen an der intakten Berliner Mauer, Nähe Mariannenplatz in Kreuzberg 1988.
    Nicht nur wegen der Mauernähe war Kreuzberg im alten West-Berlin ein Rand- und Grenzbezirk.© imago / BRIGANI-ART
    Die U-Bahnhöfe Hallesches Tor, Kottbusser Tor und Schlesisches Tor sind Orte gewesen, die man passieren musste, um in die Stadt zu gelangen oder aus ihr rauszukommen. Manche nannten den Bezirk auch einfach "Klein-Istanbul", weil sich hier Einwanderer aus der Türkei und anderen südosteuropäischen Staaten niedergelassen haben. Kreuzberg schaut auf eine lange, auf eine über 300-jährige Einwanderungs- und Auswanderungsgeschichte.
    Hier lebten aber nicht nur die sogenannten "Ausländer", der Arbeiterbezirk war auch der Geburtsort der antiautoritären Bewegungen, der Kinderläden, der taz, der Kunst, der Rebellion, des 1. Mais, der Trödler, der Off-Theater, des Bethanien, der Arbeiter:innen, der 68er, der Punks und des ganzen alternativen Lebens.
    Von außen wurde Kreuzberg gerne zum Getto der Nation erklärt. In der Innenansicht sah es anders aus: In Kreuzberg sprach man von zwei Kreuzbergs, "36" – das war der proletarische Teil, und "61", das sich gerne als bürgerlich beschrieb. Von außen spielte das keine Rolle. Kreuzberg war Kreuzberg. Und somit Sinnbild für Krawall und Outlaws.

    Für Meinesgleichen nicht bestimmt

    Wir wohnten an der Grenze zu Tempelhof, was meine Eltern etwas beruhigte, weil ich später auf ein Gymnasium in Tempelhof gehen konnte. Als ich im Zuge meiner Adoleszenz diese Grenze überschritt, wurde mir schlagartig klar, dass ich bisher in einem anderen Deutschland gelebt hatte, was mir einen regelrechten Kulturschock versetzte.
    Während ich in meiner Grundschule meine Lehrer:innen duzen durfte – Michael und Ulrike –, musste ich in Tempelhof beim Eintreten der Lehrkraft aufstehen und auf das "Setzen" warten, bevor wir Platz nehmen durften. Deutschland, 1960er-Jahre. Dass dieser Platz eigentlich für Meinesgleichen nicht bestimmt war, machten auch einige Lehrer:innen unmissverständlich klar:
    "Arbeiterkinder schaffen das Abitur ohnehin nicht", hieß es – und: in Kreuzberg würde es stinken.
    Ab dieser Zeit wurde mir bewusst, dass ich, dass wir nicht zur Norm gehörten. Wir waren die Ausnahmen einer Regel. Und dieses Gefühl bestärkte sich auch noch einmal später mit dem Mauerfall. Die Deutsche Einheit verwies mich einmal mehr auf weitere unsichtbare Grenzen – ich war jenseits der vermeintlichen Norm.

    Ein Labor der Zukunft

    So, wie Orte und deren Verortungen in Raum, Zeit und Kontext abhängig sind, so sind auch unsere Normvorstellungen in stetem Wandel begriffen. Was als Rand der Gesellschaft definiert wird und was als Mitte definiert wird, änderte sich: im Falle Kreuzbergs nahezu über Nacht.
    Ich habe jedenfalls bei alledem gelernt, von den Rändern her zu denken und bin heute der Meinung, dass die wesentlichen Veränderungen immer von den Rändern der Gesellschaften kommen. Was einst als Getto der Nation gehandelt wurde, erscheint mir retrospektiv die Avantgarde, ein Labor der Zukunft gewesen zu sein.

    Idil Efe war Projektleiterin diverser Projekte der Bürgerstiftung Neukölln. Sie ist eine der Kuratorinnen der Berlin Global Ausstellung im Humboldt Forum und gegenwärtig tätig als Diversitätsagentin im Stadtmuseum Berlin.

    Mehr zum Thema