Zukunftskonzepte für NS-Gedenkstätten

    Angemessenes Erinnern ohne Berührungsängste

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    Der Appellplatz mit Obelisk aus der DDR-Zeit im Hintergrund in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen
    Wenn Touristen Gedenkstätten – wie die im früheren Konzentrationslager Sachsenhausen – besuchen, haben sie meist nicht viel Zeit. © picture alliance / Bildagentur-online / Joko
    06.05.2021
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    Zeitzeugen des Nationalsozialismus gibt es nicht mehr viele. Entsprechend steigt die Bedeutung von Gedenkstätten. Diese sind heutigen Bedürfnissen aber oft nicht gewachsen. Neue Konzepte sind gefragt.
    Ausstellungsmacherin Hanne Leßau hat lange im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg gearbeitet. Nun wird sie die Ausstellungen im NS-Dokumentationszentrum in Köln konzipieren. 100.000 Besucherinnen und Besucher kommen jährlich ins NS-Dok, wie die Institution kurz genannt wird.
    Tendenz steigend, wie an vielen Orten, die an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnern. Viele Zeitzeugen seien gestorben, da würden die historischen Orte wichtiger, erklärt Hanne Leßau.
    Doch den meisten Einrichtungen bereiten die Besuchermassen Probleme: "Das waren ja zivilgesellschaftlich erkämpfte Orte – die haben ganz klein angefangen", erklärt sie.
    Das merke man auch im NS-Dok. "Es gibt ja kein vorgelagertes Besucherzentrum, ein Foyer, wo man die Leute abholen kann. Hier geht man direkt ins historische Gebäude, das nie dafür gedacht war, dass mehrere Hundert Leute an einem Tag durchlaufen können. Das platzt aus allen Nähten."

    In der Pandemie Zeit für neue Konzepte

    Auch die Dauerausstellungen vieler Einrichtungen, die an die NS-Verbrechen erinnern, sind nicht mehr zeitgemäß. Und so wird die Pandemie genutzt, um neue, moderne Ausstellungen zu konzipieren – auch digitale Formate mit einzubeziehen, wie Apps oder virtuelle Führungen.
    Nicht nur das Digitale und Mediale ist wichtiger geworden, Deutschland hat sich insgesamt verändert. Die Gesellschaft ist divers. Viele Menschen haben keine biografische Erfahrung mit der deutschen Geschichte gemacht, haben keine Vorfahren, die Täter oder Opfer des Nationalsozialismus waren. Menschen mit Migrationsgeschichte zum Beispiel. Aber trotzdem haben viele ebenfalls Erfahrungen mit Gewalt und Leid gemacht.

    Touristen suchen keinen klassischen Lernort

    Es sind vor allem Schulklassen, an die sich die Programme und Ausstellungen der Gedenkstätten richten. Und an Besucher mit viel Zeit.
    Solche Orte würden vor allem politisch erzählt, sagt Hanne Leßau: "Es sind Lernorte." Ein großer Teil der Besucherinnen und Besucher seien aber inzwischen Touristen. Und da passe die Art der Ausstellung nicht mehr so gut.
    In Köln oder Nürnberg sind es oft Schiffstouristen. Sie kämen aus aller Welt und hätten kaum mehr als 90 Minuten Zeit für einen Rundgang, erzählt Hanne Leßau. Wie aber kann Tourismus und ein angemessenes Erinnern zusammengedacht werden?

    Kurztrips in die deutsche Vergangenheit

    Das beschäftigt auch Axel Drecoll. Als Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten leitet er die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen nördlich von Berlin.
    Er kennt die Vorbehalte unter Gedenkstättenmitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die besagen, dass diese verflachten touristischen Kurztrips in die deutsche Vergangenheit nicht mehr sein könnten als der schnelle Gruselkick. Nach dem Motto: Shopping am Kudamm, dann Selfies am Holocaust-Mahnmal.
    Der Begriff "Dark Tourism", also Reisen an Stätten von Leid und Grauen, falle in diesem Zusammenhang oft, berichtet er. Doch dieser Begriff greife seiner Beobachtung nach zu kurz.
    "Das Wesentliche ist, wie die Besucherinnen und Besucher tatsächlich die Gedenkstätte verlassen. Das heißt, wenn wir Fragen provozieren, wenn wir zu kritischer Reflexion eingeladen haben und offensichtlich dann erfolgreich eingeladen haben, dann haben wir schon viel erreicht."

    Angemessenes Verhalten ohne Berührungsängste

    Trotzdem müsse ein angemessenes Verhalten in den Gedenkstätten thematisiert werden. Bratwurst essen vor Gefangenenbaracken oder ein Selfie machen an Gaskammern, das gehe einfach nicht.
    Man habe es mit internationalen Gräberfeldern zu tun. "Deshalb spielt zwar Angemessenheit eine Rolle, aber wir müssen auch versuchen, Berührungsängste zu nehmen."
    Beispielsweise sei das Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals in Berlin ja eine Installation, die zumindest an ein Gräberfeld erinnern könne. "Ich habe es bewusst ins städtische Bewusstsein gebracht. Also muss ich schon auch akzeptieren, dass die Leute sich dort eben auch so verhalten, wie man das halt mitten in der Innenstadt Berlins tut."

    Interessen aufgreifen – mit modernen Mitteln

    Um Besuchern in kurzer Zeit Wesentliches zu vermitteln, rät Axel Drecoll, sich mit Touristen auseinanderzusetzen. Über sie und deren Reiserouten wisse man einfach noch zu wenig.
    Das Gebäude des Dokumentationszentrums Köln am Appellhofplatz von außen mit einer Stele, die auf die Gedenkstätte hinweist.
    100.000 Besucherinnen und Besucher kommen - außerhalb von Corona - jährlich ins NS-Dokumentationszentrum Köln. Dafür ist es nicht ausgelegt.© imago / Chai von der Laage
    Und die Arbeit der Gedenkstätten hat Konkurrenz bekommen, beobachtet Stiftungsdirektor Axel Drecoll:
    "Touristinnen und Touristen sind nicht nur Geschichtsrezipientinnen, weil sie kommen und das wahrnehmen, sondern sie produzieren auch Geschichte durch ihre Art der Erzählung."
    Etwa indem sie auf dem Tourismusportal TripAdvisor ihren Besuch in einer Gedenkstätte bewerten - oder gleich selbst ein Video dort drehen. Die gängigen Onlineportale sind voll davon.
    "Touristinnen und Touristen sind ein bedeutender Faktor unserer Erinnerungskultur. Ganz egal, wie wir dazu stehen. Ich glaube, das müssen wir im Allgemeinen noch ernster nehmen, als wir es bisher schon tun."

    Trotz hoher Erwartungen realistisch bleiben

    Die Erwartungen werden also weiterhin hoch sein an Gedenkstätten, davon geht die Kölner Ausstellungsmacherin Hanne Leßau aus: Die Auseinandersetzung mit dem Grauen der deutschen Geschichte soll Demokratie stärken, dem wachsenden Rechtspopulismus begegnen, gesellschaftliche Werte vermitteln. Alles innerhalb von kürzester Zeit.
    Hanne Leßau mahnt deshalb, realistisch zu bleiben: "Man kann hoffen, dass man Interesse schürt oder Anstöße gibt, dass Menschen Lust haben, sich vielleicht auch weiter damit zu befassen. Das ist das, was man eigentlich schaffen kann."
    Quellen:
    Audio: Melanie Longerich
    Text: Melanie Longerich / abr
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