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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 19.09.2016

Zukunft der jungen GenerationDie Vertreibung aus dem Paradies

Von Ofer Waldman

Eine Demonstration in Berlin gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Europa (picture alliance / dpa  / Kay Nietfeld)
Flüchtlingskrise, Jugendarbeitslosigkeit, Rechtspopulismus - die jungen Generationen blicken einer unsicheren Zukunft entgegen. (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)

Westliche Demokratien sind kein Erfolgsschlager mehr, sagt der Autor und Musiker Ofer Waldman. Politische, soziale und wirtschaftliche Sicherheit seien nicht mehr gesetzt. Die jetzige junge Generation sehe sich mit einer ganz neuen Grunderfahrung konfrontiert.

War das große Versprechen des Weltfriedens nach dem Ende des Kalten Krieges ein Trugschluss? Gerät nun die Welt, in Anbetracht von Trump, Brexit, Syrien, IS, Euro- und Russlandkrise, usw. tatsächlich aus den Fugen? Rutscht sie in Zeiten zurück, die man für längst überwunden hielt?

Die ersten, bei denen man als junger Mensch nach Antworten sucht, sind sicherlich die älteren Generationen. Wie man vielen Meinungskolumnen entnehmen kann, scheint diesen jedoch der steigende Alarmismus unverständlich. Wer sich noch an die revolutionären 60er und 70er erinnern kann, an Vietnam und RAF, an den Kalten Krieg mit der Gefahr eines atomaren Erstschlags, dem scheint eine gewisse Hysterie angesichts eines Donald Trump oder vermummter Djihadisten übertrieben.

Von der Nachkriegsordnung ins Paradies

Für diejenigen, die in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts in ein zerstörtes Europa geboren wurden, hat sich die Nachkriegsordnung bewährt - eine Ordnung, in der Demokratie und liberale Marktwirtschaft einen ungebrochenen Siegeszug hielten. Mit dem Ende des Kalten Krieges schien es nur noch eine Frage von Formalitäten zu sein, bis das Paradies auf Erden herrschen würde. Für diese Generation im Westen war der große politische Kampf somit beendet: Es war an der Zeit, sich auf die vollen Rentenkassen zu freuen und sich ein politisches Nickerchen zu gönnen.

Denen, die im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts zur Welt kamen, wurde also mitgeteilt: Ihr lebt im Paradies! Während amerikanische Fast-Food-Ketten ihre Filialen in Moskau und Beijing, Kairo und Jerusalem eröffneten, schickte man sich an, Schwerter zu Pflügen zu machen.

Es bröckelte an der Peripherie

Die ersten Zeichen, dass etwas mit diesem Paradies nicht stimmen könnte, waren an der Peripherie zu bemerken, weit weg von den wohlhabenden Zentren Europas: Der Balkan, ein Konfliktherd aus vergangenen Zeiten, meldete sich Mitte der 90er grausam zurück. Der blutige Nahostkonflikt verweigert sich ebenfalls, sich dem Paradies zu fügen. Afrika wurde und wird von Völkermord und Bürgerkrieg erschüttert. Der 11. September, die Kriege in Afghanistan und Irak markierten den Wechsel ins 21. Jahrhundert.

Als man verwundert zur Kenntnis nehmen musste, dass die westliche Demokratie, trotz des Endes des kalten Krieges, doch kein globaler Exportschlager ist, wurde mit der Weltwirtschaftskrise 2008 noch ein weiterer Pfeiler des versprochenen Paradieses massiv erschüttert. Und auf einmal fragte man sich, ob auch der dritte Pfeiler - der Frieden - ebenfalls irgendwann bröckeln würde.

Demokratieskepsis von rechts, Enttäuschung von links

Dies ist die politische Grunderfahrung der jetzigen jungen Generationen. Sie scheint umso gravierender, da sie anstelle eines versprochenen Paradieses eintrat. Für junge Menschen von heute gelten die Antworten ihrer Eltern nicht mehr: Vielen Südeuropäern kommt der Anspruch der liberalen Marktwirtschaft, für Gerechtigkeit und allgemeinen Wohlstand zu sorgen, wie blanker Hohn vor. Europäischer Nationalismus, Brexit-Referendum und Trumps Erdrutsch-Sieg bei den Vorwahlen der Republikaner offenbaren die Anfälligkeit der Demokratie für Populismus.

Zu einer Demokratieskepsis von rechts gesellt sich eine Demokratie-Enttäuschung von links. Wohin dies führt, offenbaren uns unsere Geschichtsbücher.

So ist vielleicht eher die Erfahrung aus den 20ern und 30ern des vorherigen Jahrhunderts für heutige Generationen wieder relevant: weniger, um ein Paradies herbeizuschaffen, sondern eher, um eine Hölle zu vermeiden.

Der Publizist und Musiker Ofer Waldmann (Kai von Kotze)Der Publizist und Musiker Ofer Waldmann (Kai von Kotze)Ofer Waldman, in Jerusalem geboren, war Mitglied des arabisch-israelischen West-Eastern-Divan-Orchesters. In Deutschland erwarb er ein Diplom als Orchestermusiker und spielte unter anderem beim Rundfunk-Sinfonie-Orchester Berlin sowie den Nürnberger Philharmonikern. Anschließend war er an der Israelischen Oper engagiert und absolvierte daneben ein Masterstudium in Deutschlandstudien an der Hebräischen Universität Jerusalem. Derzeit promoviert er an der Hebräischen Universität Jerusalem wie auch an der Freien Universität Berlin und beschäftigt sich in Vorträgen und Texten mit den deutsch-jüdischen, deutsch-israelischen und israelisch-arabischen Beziehungen.

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