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Fazit | Beitrag vom 12.04.2020

Zukunft der BBCWiderstand gegen Sparpläne

Von Friedbert Meurer

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Eine BBC-TV-Nachricht über Boris Johnsons Covid-19-Erkrankung. (Picture Alliance / empics / Jonathan Brady)
Boris Johnson will die BBC umbauen. Doch die Einschaltquoten des öffentlich-rechtlichen Senders sind seit der Coronakrise gestiegen. (Picture Alliance / empics / Jonathan Brady)

Das Nichtbezahlen der TV-Gebühren soll in Großbritannien straffrei werden, so will es Boris Johnson. Dies könnte zu Einnahmeausfällen von rund 250 Millionen Euro pro Jahr führen. Doch die Bedenken, die BBC ausgerechnet jetzt zu stutzen, wachsen.

"Premierminister Boris Johnson verbringt eine zweite Nacht auf der Intensivstation" - das war eine der großen Schlagzeilen bei der BBC in den letzten Tagen. Täglich überträgt das Fernsehen live ab 17 Uhr die Pressekonferenzen der Regierung, die verbunden mit den Analysen und Reportagen des Senders zu Einschalthits geworden sind.

Aus dem erfolgreichen "Brexit"-Podcast wurde der tägliche "Coronavirus-Podcast". Die Zahl der Online-Klicks bei der BBC liegt um ein Drittel höher als nach der Unterhauswahl im letzten Dezember. BBC News, der Nachrichtenfernsehkanal, hat 70 Prozent mehr Zuschauer als sonst.

Bei der Finanzierung drohen unmittelbar Einschnitte

Tony Hall, der Generalsekretär der BBC, ist stolz auf das, was der Sender im Moment leistet. "Es ist großartig, was die Nachrichtenteams jeden Tag auf die Beine stellen. Sie liefern das Informationsangebot, auf das wir alle angewiesen sind, wenn wir wissen wollen, was in diesen außerordentlichen Krisenzeiten geschieht."

Halls größte Sorge im Moment ist, dass der Sendebetrieb aufrechterhalten werden kann. Immer mehr Mitarbeiter arbeiten aus dem Homeoffice. Zweite Sorge: bei der Finanzierung drohen unmittelbar Einschnitte. Nicht seine TV-Gebühren zu bezahlen, soll in Großbritannien straffrei werden. Vorgeblich will die Regierung damit sozial Schwache schützen, die BBC dagegen sieht es als Angriff.

250 Millionen Euro pro Jahr weniger befürchtet

Der Labour-Abgeordnete Kevin Brennan sitzt dem Kulturausschuss im Unterhaus vor. Im Parlament erkundigte er sich bei Tony Hall nach dem letzten Sachstand. "Ist die Regierung auf Sie zugekommen und hat gesagt, dass sie zwingende Gründe hat, die Gesetzesänderung zu prüfen?" Noch nicht, lautet die Antwort – aber die Vorbereitungen laufen.

Die Regierung wertet gerade eine Online-Befragung aus. Befürchtet wird, dass zehn Prozent der Britinnen und Briten nicht mehr ihre TV-Gebühr bezahlen würden, wenn sie dazu nicht mehr unter Strafandrohung gezwungen sind. Das würde zu Einnahmeausfällen von umgerechnet rund 250 Millionen Euro pro Jahr führen.

Kampf gegen die BBC ist unpopulär

Aber das Gesetz muss durch das Parlament und auch unter den Konservativen gibt es erhebliche Bedenken, die BBC ausgerechnet jetzt zu stutzen, wo die Nation mehr denn je ihre Programme einschaltet. Ihr Abgeordneter Huw Merriman warnt, ein Kampf gegen die BBC, sei unpopulär. Ebenfalls zu den BBC-Freunden bei den Tories gehört Damian Green.

"Ist der Interview-Boykott der Regierung gegen die ‚Today‘-Sendung beendet?", wollte Green in der gleichen Ausschusssitzung erfahren. Wochenlang waren keine Minister mehr morgens im Radio aufgetreten. In der Coronakrise kann die Regierung sich das nicht mehr leisten.

Ab 2027 könnte die TV-Gebühr ganz abgeschafft werden

BBC-Generalsekretär Tony Hall will jedenfalls die Krise nutzen, um den Wert seines Senders hervorzuheben. "Wir wollen die Leute auch unterhalten. Denn wenn sie zuhause bleiben müssen, bieten wir Komödien und Dramen an, auch unsere klassischen Shows, um die Leute aufzuheitern und zu unterhalten."

Der Streit um Straffreiheit für Zuschauer, die ihre Gebühren nicht zahlen, wäre der Anfang. Ab 2027 könnte die TV-Gebühr sogar ganz abgeschafft und durch ein freiwilliges Abo-Modell ersetzt werden. Aber das lehnen liberale Tory-Politiker erst recht vehement ab. Huw Merriman, der die fraktionsübergreifende Arbeitsgruppe zur BBC im Unterhaus leitet, kündigte jedenfalls in einem Zeitungsinterview seinen Widerstand gegen eine solche "Vendetta" an.

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