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Länderreport | Beitrag vom 19.08.2019

Zugverbindung Chemnitz-LeipzigFühlt sich an wie Reichsbahn 1980

Von Bastian Brandau

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Ein alter, umgebauter Zug der Mitteldeutschen Regiobahn steht im Hauptbahnhof Chemnitz.  (picture alliance / ZB /Jan Woitas)
Zwischen Chemnitz und Leipzig kommen alte, nur leicht renovierte Züge zum Einsatz. (picture alliance / ZB /Jan Woitas)

Es ist heiß, es ist laut, und von Barrierefreiheit können Bahnreisende zwischen Chemnitz und Leipzig nur träumen: Auf der Strecke fahren alte DDR-Züge, jede dritte Verbindung fällt ganz aus. Das Chaos ist in Sachsen jetzt Wahlkampfthema.

Der Haltepunkt Chemnitz-Küchwald, fahrplanmäßig hält hier nur die Citybahn: eine Straßenbahn, die weiter ins Umland fährt. Doch weil eine Brücke im Zentrum saniert wird, müssen Reisende auf dem Weg nach Leipzig einen Bus nehmen, um hier, im Chemnitzer Norden, den Regionalexpress zu erreichen. Urlaubsreisende wuchten ihre Koffer in die schmalen Einstiegstüren, eine Großfamilie Kinder, Karre und Gepäck. Beobachtet werden sie von Markus Haubold, der die Strecke regelmäßig pendelt. Er ist im Vorstand des Fahrgastverbands "Pro Bahn Mitteldeutschland" und kritisiert, in welche Züge die Reisenden einsteigen müssen:

"Wir sehen hier historisches Wagenmaterial, das sind umgebaute Reichsbahnwagen sozusagen. Zwar schön mit Abteilen, aber sonst alles veraltet", erklärt Haubold. "Wir haben relativ schmale und hohe Einstiege und Trittflächen, die gerade für ältere Leute und Gehbehinderte sehr schwer zu erklimmen sind. Wir haben keinen Komfort in dem Sinne, dass es an den Plätzen Steckdosen gibt. Es sieht altbacken aus, teilweise ist es nicht so sauber. Und es ist laut, man hört's dann beim Bremsen, weil die Züge noch die alten, quietschenden Bremsen haben."

Eine Zeitreise ins Jahr 1980

Es sind – zumindest auf dem Gang – Geräusche und Lautstärken, die man heute beim Zugreisen in Deutschland nicht mehr gewohnt ist. In den Abteilen sind die Sitze neu gepolstert, die Wände frisch. Und dennoch sind gerade auf dem Boden dem Wagen die Jahrzehnte anzusehen.

"Ich fühle mich zurückgesetzt in das Jahr 1980. Man fährt hier zwar nicht unbequem, aber es ist eben einfach nicht mehr der Standard, den man von modernen Zügen gewohnt ist."

Seit 2015 fährt die Mitteldeutsche Regiobahn des Unternehmens Transdev Regio Ost auf der Strecke nach Leipzig. Statt Neigetechnikzügen der Deutschen Bahn fahren seitdem die silber-blauen Züge der MRB mit ihren alten Reichsbahnwaggons. Doch nicht nur der geringere Komfort, der erschwerte Einstieg und die fehlende Klimaanlage seien das Problem, findet Pendler Haubold.

"Wir hatten immer mal wieder, kürzlich erst vor ein, zwei Monaten, Ausfälle in Größenordnungen, wo ein Drittel der Fahrten ausgefallen sind", berichtet er. "Grund war dieses Jahr, dass zu wenig Wagenmaterial da war. Man hat insgesamt vier Zuggarnituren, zwei davon sind ausgefallen, man braucht drei davon für den Betrieb. Es waren nur zwei da, deswegen fällt ein Drittel der Fahrten weg. Es ist einfach zu wenig Ersatzmaterial da, um solche technischen Ausfälle kompensieren zu können."

Wer ist verantwortlich für die Ausfälle?

Ausfall eines Drittels aller Züge zwischen der größten und drittgrößten Stadt Sachsens – wer trägt die Schuld? Darüber streiten Fahrgäste, Parteien, Verkehrsverbünde und die Transdev Regio Ost. Verkehrsminister Martin Dulig von der SPD kritisiert:

"Diese Frage stelle ich mir auch, warum man als Zweckverband zugelassen hat, dass man eine derart schlechte Qualität sich dort einkauft. Da sage ich aber auch: Wer das ausschreibt, bekommt das, was er ausschreibt. Die Verantwortung liegt vor Ort. Wir haben dann angeboten, mit zusätzlichen Millionen Euro neues Wagenmaterial mitzufinanzieren. Dazu war der Zweckverband nicht bereit. Daher frage ich mich, wie lange man vor Ort noch zuschauen will, dass bei dieser wichtigen Strecke, dieser Verbindungsstrecke zwischen Chemnitz und Leipzig, weiterhin diese Nostalgiezüge fahren."

Der Verkehrsverbund Mittelsachsen verteidigt sich. Duligs Vorgänger im Wirtschaftsministerium, Sven Morlok, FDP, habe zugesichert, die Strecke bis zum Jahr 2023 zu elektrifizieren. Deshalb habe sich eine Ausschreibung für Neufahrzeuge mit einer Laufzeit über 30 Jahre nicht gelohnt. Für den Übergang habe man die Dienstleistung mit gebrauchten Wagen bestellen müssen, sagt Mathias Korda, Geschäftsbereichsleiter Verkehr und Wirtschaft des Verkehrsverbunds Mittelsachsen:

"Unter dem damaligen Blickwinkel, es ist am Horizont eine ausgebaute, elektrifizierte Strecke da, für die man dann auf jeden Fall neue elektrische Fahrzeuge einsetzen wird, war der Zustand, dass man mit gebrauchten Fahrzeugen eine Weile hinkommen muss, sicher nicht der schönste Weg. Aber es war aus damaliger Sicht, auch vor dem Hintergrund, dass die Direktvergaben zweimal gescheitert sind, ein Weg, den man einfach gehen konnte."

Und überhaupt sei man mit dem Anbieter, der Transdev Regio Ost, unzufrieden, habe Druck gemacht, die Leistung zu verbessern, sagt Korda: "Wir haben dann in Verhandlungen erreicht, dass es eine fünfte Garnitur gibt. Wir gehen davon aus, dass wir mit der Verfügbarkeit des fünften Zuges zu einer stabileren Lage kommen."

Straße statt Schiene

Doch aus den Ankündigungen der bis 2014 amtierenden CDU-FDP-Regierung, die Strecke bis 2023 zu elektrifizieren, wurde nichts. Symptomatisch für die sächsische Eisenbahnpolitik. Verzögerungen im Ausbau oder bei der Elektrifizierung gibt es auch auf den Strecken von Dresden nach Görlitz und Berlin. Sachsen habe nach 1990 stark auf den Straßenausbau gesetzt, den Schienenverkehr vernachlässigt, sagt Katja Meier, verkehrspolitische Sprecherin der Grünen im Landtag und Spitzenkandidatin ihrer Partei:

"Gerade wenn ich in die Region in Ostsachsen und in Westsachsen gucke, dann stelle ich fest, dass nach 1990 dort ein dichtes Eisenbahnnetz war, dass es eine Fernverkehrsanbindung gab. All diese Strecken wurden abbestellt. Eigentlich hat nur noch Leipzig ein ganz gutes Angebot an Fernverkehr, Dresden eher so mittel. Das heißt, wir müssen gucken, dass wir die Region wieder an den Fernverkehr anbinden."

Denn in Chemnitz, einer Stadt mit 250.000 Einwohnern, hält seit Jahren weder ein Intercity noch ein ICE. Und das mache auch etwas mit einer Stadt und ihren Einwohnern, findet auch Pro-Bahn-Mitglied und Chemnitzer Markus Haubold:

"Man fühlt sich natürlich abgekoppelt, abgehangen, man fühlt sich so wie das Übriggebliebene. Chemnitz wurde ja immer schon als das hässliche Entlein in Sachsen beschrieben, von den drei Großstädten. Das verstärkt das, und das betrifft ja nicht nur Chemnitz, sondern den gesamten Raum Südwestsachsen, der abgekoppelt ist. Auch Zwickau hat keinen Fernverkehr, das ist auch eine relativ große Stadt. Und das ist für die Menschen dort, auch für das Selbstbewusstsein der Region nicht gut, wenn man da inmmer nachgelagert behandelt wird, da fährt irgendwie ein alter Zug mal hin. Das ist ganz schlecht für das Selbstbewusstsein einer Region."

Ein fünfter Zug gegen die Ausfälle

Immerhin, die Elektrifizierung der Strecke Chemnitz-Leipzig steht jetzt im "vordringlichen Bedarf" der Planung der Deutschen Bahn. Der Freistaat Sachsen hat die Vorplanung finanziert. Mindestens zehn Jahre aber werde die Elektrifizierung dauern, heißt es bei der Bahn. Bis dahin werden wohl weiter die alten Reichsbahnwagen auf der Strecke fahren.

Die Transdev Regio Ost war nicht zu einem Interview mit dem Deutschlandfunk bereit, zum Fahrplanwechsel soll ein fünfter Zug aber zumindest technische Ausfälle kompensieren. Doch so unbefriedigend die Lage aus Sicht des Fahrgast-Lobbyisten Markus Haubold nach wie vor ist: Immerhin sei der ÖPNV gerade ein sehr präsentes Thema, sagt er.

"Also gerade die SPD, Martin Dulig, macht relativ viel damit Wahlkampf, sieht man allenthalben. Ist für mich ein Zeichen, dass das Thema schon präsent ist. Hat vielleicht auch mit der Debatte der letzten Zeit, mit der Fridays-for-Future-Bewegung zu tun. Dass man dieses Thema mehr aufgreift, weil man einfach erkannt hat, dass man auch gerade im ländlichen Raum mehr machen muss, dass die Leute sich dort nicht mehr abgehängt fühlen, sich gut angebunden fühlen an die Städte, wo auch die Ärzte sitzen, wo die Arbeit ist, wo die Schulen sind. Das macht mir ein bisschen Hoffnung, es bleibt aber dabei, es ist momentan Wahlkampf. Man muss jetzt schauen, was davon nach dem 1. September übrig bleibt und was man wirklich umsetzt."

Grüne und Linke machen Druck mit weitreichenden Forderungen, und auch die AfD, die sonst den Diesel propagiert, will laut Programm den ÖPNV fördern. So auch die seit 1990 regierende CDU. Die Verbesserung des ÖPNV stand allerdings schon im aktuellen Koalitionsvertrag. Ein angekündigtes einheitliches Bildungsticket für Schülerinnen und Schüler für ganz Sachsen aber hat die CDU-SPD-Regierung nicht umgesetzt. Zum Ende der Legislatur steht lediglich ein Azubiticket mit beschränkter Gültigkeit zu Buche.

Warten auf den Fernverkehr

Ankunft in Leipzig, planmäßig. Das ist auf der eingleisigen Strecke eine Erwähnung wert. Eine Stunde Zugfahrt für etwa 80 Kilometer. Markus Haubold packt zusammen und zieht ein Fazit:

"Bis auf den Schienenersatzverkehr, den wir am Anfang der Fahrt hatten, hat alles geklappt, sind pünktlich eingefahren. Heute mal nicht überhitzt, weil wir relativ spät Sonne auf unserer Seite hatten. In der Hinsicht heute mal ein gutes Beispiel, aber das ist leider nicht immer so."

Würde Haubold mit dem Fernverkehr weiterfahren, hätte er jetzt viel Zeit, denn die Verbindung Chemnitz-Leipzig ist auf den Fernverkehr nicht abgestimmt. Auf den Zug nach Berlin etwa müsste er rund eine Dreiviertelstunde warten.

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